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DOWNPILOT

Paul Hiraga präsentiert sein Album "Leaving Not Arriving", für das die Schublade "Americana" viel zu klein und kaum ein Lob zu groß ist, live in Deutschland.

 

Der Anfang liest sich wie ein Märchen: Paul Hiraga, seines Zeichens Kopf der Band Downpilot und im richtigen Leben Tischler, half dem durch seine Arbeiten mit Modest Mouse oder Jesse Sykes zu Ehren gekommenen Produzenten Tucker Martine bei der Einrichtung seines neuen Tonstudios und durfte als Gegenleistung dort sein Album "Leaving Not Arriving" aufnehmen. Eine Platte, die in der Tat märchenhaft schön geworden ist und, nachdem sie in den USA bereits einigen Staub aufgewirbelt hat, nun als erste internationale Produktion auf dem Hamburger Label Tapete Records auch in Deutschland erschienen ist. Der rastlose Handwerker mit derzeitigem Wohnsitz in Seattle, Washington, zelebriert auf seinem zweiten Album eine romantische, aber klischeefreie Variante der road music , die unlängst auch der Kollege Maik Brüggemeyer in einer Vier-Sterne-Kritik lobte. Solo stellte Hiraga sein Album unlängst auch auf elf Konzerten in Deutschland vor.

Einer der auffälligsten Aspekte des Albums ist, daß die Platte ob ihres exzellenten Songwritings und ihrer atmosphärischen Dichte einerseits sorgfältig durchgeplant erscheint, andererseits aber auch den Eindruck völliger Mühelosigkeit vermittelt. "Nachdem die Songs fertig geschrieben waren, haben wir bei den Aufnahmen viel dem Zufall überlassen", erinnert sich Hiraga an den Aufnahmeprozeß. "Je mehr sich das Arbeitsklima und die Freundschaft zwischen Tucker und mir entwickelten, desto mehr abwegige Ideen probierten wir aus. Der Song ,Blinker' zum Beispiel entstand, als wir beide in einer Pause plötzlich anfingen zu spielen - first take , keine Overdubs. Ich denke, der Geist solcher Momente macht sich auf dem ganzen Album bemerkbar. Diese Aufnahmen sollten spontaner geraten als das, was ich zuvor aufgenommen hatte. Wenn du findest, daß es sich mühelos anhört, nehme ich das als Kompliment. Ich bin der Überzeugung, daß sich, wenn man erst einmal eine Vision hat, die Einzelteile völlig natürlich zusammenfügen."

 

Beim Hören der Platte liegt die Vermutung nahe, daß die Songs ursprünglich ziemlich direkte Alt.Country-Songs waren und erst im Studio ihre wahre Größe entfalteten. "Man muß beim Aufnahmeprozeß offen sein für alles - nur dann wird man positiv überrascht", bestätigt Hiraga. "Wenn du im Studio bist, kommen dir die Ideen ganz von alleine, und manchmal hörst du Dinge in deinem Kopf, bevor du überhaupt ein Instrument in die Hand genommen hast. Das Solo bei ,High Water Mark' war so ein Fall. Während ich mir den Song anhörte, hatte ich plötzlich diesen dissonanten Gitarrensound im Kopf, rannte hinüber zum Verstärker, rief Tucker zu, das Band anzustellen, und nach nur einem Take war die Sache im Kasten." Doch gerade wenn man ohne ein festes Ensemble aufnimmt, ist es natürlich zuweilen schwierig, einen Abschluß zu finden und an den Songs nicht ad infinitum herumzutüfteln. Wie haben Martine und Hiraga denn den Punkt bestimmt, an dem es Zeit war aufzuhören? "Als das Aufnahmebudget versiegt war!", antwortet Hiraga augenzwinkernd. "Im Ernst: Wir wußten sehr genau, wann wir aufhören mußten, immer neue Schichten hinzuzufügen, bevor die ursprüngliche Idee des Songs verloren zu gehen drohte. Nicht zuletzt auch, weil Tucker mit einer 16-Spur-Maschine aufnimmt - die Möglichkeiten waren also nicht unendlich. Manchmal hilft es, wenn die Grenzen vorgezeichnet sind, weil du auf diese Weise umso sorgfältiger an jede einzelne Spur, die du aufnimmst, herangehst."

Weite Teile des aktuellen Albums hat Hiraga zwar nur zusammen mit Martine aufgenommen, dennoch finden sich auf der Platte eine ganze Reihe von Gästen wieder, die gleichzeitig auch die Basis der Liveband Downpilot bilden. Die Musiker, die ihm halfen, die Spuren zu füllen, sind keine völlig Unbekannten. Sie tauchen beispielsweise auch auf den letzten beiden Platten des Walkabouts/Willard Grant Conspiracy-Ablegers Transmissionary Six auf. Anne Marie Ruljancich, die auf "Leaving Not Arriving" als harmonierende Gesangspartnerin und Geigerin wichtige Akzente setzt, gastierte zudem auch auf "Chutes Too Narrow", dem wundervollen letzten Album von The Shins. "Was wir alle gemeinsam haben, ist eine ähnliche musikalische Sensibilität. Deshalb ist es nur natürlich, daß uns das zusammengeführt hat", sagt Hiraga über seine Mitstreiter. "Abgesehen davon ist Seattle, was solche Dinge angeht, eine ziemlich kleine Stadt. Anne Marie kannte ich schon, bevor ich hier irgendwelche anderen Musiker traf. Paul Austin von Transmissionary Six habe ich übrigens auf sehr skurrile Weise kennengelernt: Wir waren beide mit Stücken auf einer Compilation in Griechenland vertreten, und der Organisator aus Athen stellte zwischen uns den ersten Kontakt her. Seitdem sind wir Freunde. Erst später stellte sich heraus, daß wir beide mit den gleichen Musikern zusammenarbeiten."


Doch auch wenn die Dinge mit der Veröffentlichung von "Leaving Not Arriving" in Deutschland und zahlreichen positiven bis hymnischen Plattenkritiken auch in der Heimat für Downpilot derzeit nicht schlecht stehen - als Beruf betrachtet Hiraga das Songwriter- und Musikerdasein nicht. "Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß ich womöglich Dinge machen würde, die ich besser nicht tun sollte, wenn ich mich dem Druck aussetzte, daß die Musik für die Brötchen auf meinem Tisch sorgen muß. Ich ziehe es vor, nicht unter Druck zu stehen und als Musiker all das machen zu können, wonach mir der Sinn steht. Außerdem gefällt mir mein Beruf. Als Tischler kann ich Sachen entwerfen und anfertigen. Das ist schlichtweg ein anderer Teil meines kreativen Lebens. Da ich selbständig bin, habe ich die Möglichkeit, die Stadt, wann immer ich will, zu verlassen, um auf Tour zu gehen."

Diese Ruhe- und Rastlosigkeit, die auch im Albumtitel Ausdruck findet, ist zudem in vielen Texten zentrales Thema. Doch ist die Suche für Hiraga wirklich das Ziel, oder sehnt er sich vielleicht doch danach, irgendwann seine "endgültige Bestimmung" als Songschreiber zu finden? "Ach du meine Güte", entfährt es ihm. "Wenn ich an Songwriter denke, die ihre endgültige Bestimmung erreicht haben, muß ich immer sofort an Las Vegas denken, und das ist in keinster Weise gut! Die Frage ist so weitgreifend und philosophisch. Die amerikanische Kultur ist, verglichen mit anderen in der Welt, sehr wurzellos. Es gibt viele Fronten, zu denen wir gerufen werden. Es gibt wenig, was uns an einen bestimmten Ort bindet, deshalb haben wir die Freiheit umherzuwandern. Das ist gleichzeitig Segen und Fluch. Einerseits geht es darum, dich selbst zu fordern und nicht einzurosten, andererseits ist es ein Weg ohne Ziel. Sollte ich jemals sagen, daß ich ,angekommen' bin, hau mir bitte auf's Maul!"

CARSTEN WOHLFELD


 
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