Als Frontfrau und Sängerin
bzw. als Leadgitarrist und Songschreiber des
New Yorker Quartetts Madder Rose sorgten sie
vor knapp zehn Jahren mit den Alben "Bring
It Down" und "Panic On" für
einige unvergessliche Momente der Indierock-Historie
und später mit den zwei folgenden Platten
vor allem für (kommerziell) enttäuschte
Plattenfirmen. Und selbst als sich die Band
vor rund zwei Jahren nach einer niederschmetternden
US-Tournee, die mit einem katastrophalen Auftritt
in St. Louis ihren traurigen Höhepunkt
fand, auflöste, bedeutete das nicht das
Ende der musikalischen Zusammenarbeit des inzwischen
in Ithaca, New York, heimisch gewordenen Duos.
Als Produzent half Billy Mary dabei, ihre tiefgründigen
Pop-Noir-Visionen mit Saint Low ins rechte Licht
zu rücken, sie dagegen stand ihm bei seinem
eklektischen Mix aus Jazz, Soul, HipHop und
Weirdness unter dem Pseudonym The Jazz Cannon
als Gastvokalistin zur Seite. Doch trotz so
vieler gemeinsamer Projekte dauerte es bis zum
letzten Jahr, bis aus der wechselseitigen Unterstützung
eine ernst zu nehmende (musikalische) Partnerschaft
wurde.
Das erste "Ergebnis"
dieser neuen Art der Zusammenarbeit stellen
uns die zwei stolz bei unserem Treffen vor ihrem
Konzert mit Freedy Johnston im New Yorker Nightclub
The Makor vor: Ihren vier Monate alten Sohn
Roman. Das für den Klatsch-resistenten
Musikfreund interessantere Produkt ihrer Kollaboration
heißt dagegen "Piano Creeps"
und erscheint dieser Tage auch in Deutschland.
Das Album ist eine Zusammenstellung von größtenteils
instrumentalen Stücken, die Mary und Billy
in den letzten Jahren für diverse Filme
geschrieben haben. Songs jenseits der gängigen
Pop-Konventionen, ungewöhnlich, aber nicht
abwegig. Auf dem Album finden sich großartige
Tracks wie das fraglos Velvet-Underground-inspirierte
"World's Fair", das auch ohne einen
Ton zu ändern auf einer Spiritualized-Platte
landen könnte, oder die herrlich entspannten
"Che" und "Americana #1"
(Letzteres dann doch mit Gesang!), die Erinnerungen
an Calexico wachrufen.
Geschrieben haben Mary und Billy
die Stücke - anders als bei allen vorherigen
Projekten - dieses Mal nicht jeder für
sich, sondern gemeinsam. Das Ergebnis eines
langwierigen Prozesses, wie sie uns verraten.
"Madder Rose war immer mehr meine Band,
die auch ein paar von Marys Songs spielen würde.
Das war von Anfang an unsere Abmachung. Irgendwann
war Mary damit aber nicht mehr so glücklich,
so entstand Saint Low, und Mary stellte damit
ihre großartigen Fähigkeiten als
Songwriterin unter Beweis. Die Platte bekam
wahnsinnig gute Kritiken, und daraus ergaben
sich dann einige Ego-Probleme", erinnert
sich Billy und fügt lachend an: "Vor
allem meinerseits! Inzwischen habe ich das akzeptiert
und sehe uns jetzt als gleichwertige Partner.
Dieses Mal haben wir also erstmals wirklich
zusammengearbeitet. Mal hat Mary einen Song
angefangen und ich habe ihn fertig gestellt,
oder umgekehrt. Beim 'Turtle Song' hatte ich
die Basis schon fertig, bevor ich sie gefragt
habe, ob ihr noch etwas einfiele, was sie hinzufügen
könnte. Und sie hatte dieses schöne
Lick, aus dem die Hauptmelodie entstand. Bei
'World's Fair' hatte Mary den Basistrack alleine
gemacht und ich habe später die Melodie
hinzugefügt. Diese Art der Zusammenarbeit
funktioniert mittlerweile sehr gut, und es ist
auch kein Problem zu sagen: 'Hey, dieses Stück
mag ich aber überhaupt nicht'."
Das "Problem", wenn
man es denn so nennen will, war dieses Mal also
nicht die fehlende Harmonie bei der Zusammenarbeit,
sondern eher, aus dem vorhandenen Material eine
Platte zusammenzustellen, die ein Labelboss,
der noch alle fünf Sinne beisammen hat,
auch veröffentlichen würde. "Es
stimmt schon, die Soundtrack-Musik ist viel
unkommerzieller als unsere sonstigen Sachen",
gibt Mary zu. "Wir haben uns einfach gehen
lassen, denn die Musik zu schreiben macht unglaublich
viel Spaß, weil dir überhaupt keine
Grenzen gesetzt sind. Alles ist erlaubt."
Diese Aussage mag einige verwundern, schließlich
gab es bei diesen Tracks - anders als bei Marys
und Billys Solowerken - hier und da Wünsche
von den Filmemachern. Allerdings haben die beiden
diese Vorgaben ganz und gar nicht als hinderlich
empfunden, im Gegenteil, sie waren eher ein
Ansporn, wie Mary erklärt: "In der
Regel haben wir die Rohfassung eines Filmes
zu sehen bekommen, und der Regisseur sagte uns,
an welchen Stellen einer Szene er sich Musik
wünschte. Natürlich gab es auch Vorgaben,
aber die waren unglaublich spannend, weil es
so interessante waren wie: 'Die Musik an dieser
Stelle soll bedrohlich klingen'. Also gehst
du hin und überlegst dir, wie bedrohliche
Musik wohl zu klingen habe. In einer anderen
Szene tanzte zum Beispiel eine Ballerina zur
Musik aus einer Victrola. Da hieß es,
es solle ‚Zigeunermusik der 20er Jahre'
sein. Das kann natürlich alles sein, und
du kannst sehr frei an die Sache herangehen.
Die Filmmusik ist ein Job, der wirklich Spaß
macht!"
Glücklicherweise finden sich
aber auf dieser Platte, die ursprünglich
- nicht ganz unpassend -"I Don't Want To
Fight Tonight" hatte heißen sollen,
keine 30-Sekunden-Schnipsel, wie man sie zum
Teil von anderen Soundtracks kennt, sondern
echte, wenngleich instrumentale Songs. "Viele
dieser Stücke sind aus Filmscores hervorgegangen,
bei denen zunächst nur eine Idee, eine
Sequenz, ständig wiederholt wurde",
erinnert sich Billy. "Weil wir uns aber
zu Hause ein Studio eingerichtet hatten, entschieden
wir uns, diese angefangenen Songs fertig zu
stellen, denn die anfänglichen Ideen waren
ja so etwas wie Hooks, die wir sonst auch als
Basis für einen richtigen Song benutzt
hätten. Abgesehen davon wäre es uns
viel zu langweilig, nur an kurzen Sequenzen
zu arbeiten. Obwohl die Stücke also größtenteils
instrumental sind, sagte unser Instinkt uns
doch, sie so songmäßig wie möglich
zu gestalten." Dieser Instinkt ist zweifelsohne
der große Pluspunkt der Platte, und ein
bisschen hängt der "Hang zum Song"
vielleicht mit dem gestiegenen Können und
technischen Wissen der zwei zusammen. "Bis
Punkrock aufkam, hatte ich nie das Gefühl,
dass ich gut genug sein würde, mich auf
eine Bühne zu stellen", erinnert sich
Billy. "Ich bin in einer Stadt aufgewachsen,
die zwar nur eine Stunde von New York City entfernt
ist, aber trotzdem 100 Jahre zurück ist.
Alle anderen Kids in dieser Stadt, die auch
Gitarren spielten, wollten sein wie Eric Clapton.
Sie haben alle das verdammte 'Layla' nachgespielt,
und das war etwas, was ich nie hinbekommen hätte.
Als ich dann die Ramones hörte, dachte
ich mir: 'Hey, das kannst du auch, und außerdem
ist das letztendlich zehnmal cooler als Eric
Clapton!'"
Was letztendlich auch beweist:
Musikalische Qualität und kommerzieller
Erfolg sind zwei Paar verschiedene Schuhe. Und
deshalb ist auch "Piano Creeps" nicht
unbedingt ein Album, das Mary und Billy massig
neue Fans bescheren dürfte, aber eine Platte,
die alle alten Anhänger ein weiteres Mal
begeistern wird.
CARSTEN WOHLFELD
Fotos: Pressefreigabe
/ Cooking Vinyl
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