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TINDERSTICKS: DIE KLEINEN FLUCHTEN
Nach fünf Jahren und einer Gesundschrumpfung arbeiten die zentralen Musiker der Tindersticks wieder zusammen – wenn auch kaum in England

Ween

Man versucht sich das vorzustellen. Aber gelingen will es nicht so recht. Stuart Staples mit Frau und zwei Kindern in einer 6000-Seelen-Gemeinde im Herzen Frank-reichs, halbwegs integriert ins Dorfleben und doch seit zwei Jahren auch immer ein Stück außen vor, so als gelernter Brite. 30 Meter hinterm Haus Le Chien Chanceux, das Studio, nur „eine große Scheune mit einem Mischpult in der Ecke“ (Staples). Auch Keyboarder David Boulter trägt den Union Jack längst im Exil, seine Liebe zog ihn schon vor zehn Jahren nach Prag. Nur Gitarrist Neil Fraser ist im Londoner Westend verblieben. Wer von Nottingham nach London gehe, sagt Staples, könne einfach nie wieder dorthin zurück, nur noch „nach Brighton“ oder halt gleich runter von der Insel.

Jedenfalls sind sie 2008 nur noch zu dritt, die Original-Tindersticks. Doch, versichert Stuart Staples sogleich, fühle sich das „eher an, als wären wir größer geworden, nicht geschrumpft. Weil da so viele andere Leute echt involviert sind“. Als dreckiges Dutzend werden sie am Tag nach der Interview-Stippvisite in Stockholm auf der Bühne stehen. Mit Lucy Wilkins, der altgedienten Streicher-Arrangeurin nebst Ensemble. Mit Dan McKinna und Thomas Belhom, der neuen Rhythmusgruppe. Zum ersten Mal, sagt David Boulter über die Sessions zum neuen Album, „The Hungry Saw“, habe sich Wilkins „wirklich getraut, so auf meine Musik zu reagieren und Platz zu beanspruchen“. Vorher hatte Staples von „dieser Energie“ geschwärmt, welche „die Songs vorantreibt, weil alle Leute im Raum zur selben Zeit dasselbe wollen, weil sie wirklich voll dabei sind. Als wir dieses Album aufnahmen, wurde mir klar, dass ich dass in dieser Form seit dem zweiten Album nicht mehr erlebt hatte“.

„Tindersticks II“. 1995. Den letzten Walzer als Sextett – mit Al Macaulay, Dickon Hinchliffe und Mark Colwill – tanzten sie mit einer Live-Aufführung ihres Meisterstücks, am 17. September 2006 im Londoner Barbican Theatre. Drei Tage proben, essen, trinken, reden, „um herauszufinden, wo wir jetzt stehen“ (Staples). Dann 22 Leute auf der Bühne, diese magische Nacht, „traurig und fröhlich zugleich“ (Boulter). „Es fühlte sich größer an als unsere Unsicherheit übereinander“, formuliert Staples. „Wenn jemand an diesem Abend gesagt hätte, lasst uns weitermachen, wären wir vielleicht noch zu sechst“, ergänzt Boulter. Staples nickt. „Ja, wir hätten kaum widerstehen können. Weil unsere Beziehungen schon so viel älter sind als die Musik.“ Aber es sagte ja keiner ewas. Und der „große Streit“ (Boulter), der Trennung und Distanz erleichtert hätte, fiel auch aus. So war es zumindest, so Staples, „eine schöne Art, Auf Wiedersehen zu sagen, noch einmal dahin zurückzugehen, als wir sechs total zusammen waren und die Musik ein Abenteuer“.

Was spätestens nach „Waiting For The Moon“ (2003) nicht mehr der Fall war. „Wir konnten keine Zukunft mehr zusammen fühlen“, erinnert sich Staples, und der Chef selbst haderte die nächsten Jahre mit dem Gedanken, es hätte „allein mit mir und meiner Musik zu tun“, dass ihnen die gemeinsame Musik „langsam abhanden gekommen“ war. Nur um sich letztlich darüber klarzuwerden, dass „da einfach sechs Leute am Ende ihrer musikalischen Kommunikation angelangt waren“, hatte sich Staples sogar noch durch „Leaving Songs“ gequält. Ein Solo-Album, das mit diesen einfachen, auch zeitlich so klar definierten Akustik-gitarren-Vorlagen doch nicht mehr zu brauchen schien als drei luftige Wochen in Nashville „mit diesem talentierten Typen“, wie Staples Produzent Mark Nevers beschreibt. Doch es wurde „ein Kampf“, und nach den drei Wochen hatte Staples seinen Songs allenfalls eine Basis abgerungen, „weil sie plötzlich so viel mehr verlangten, als ich je erwartet hatte“.

Und mit welchen Erwartungen kommen die gesund geschrumpften und doch viel größeren Tindersticks heute im Herzen Frankreichs zusammen? Nach Kampf klingen ganze acht Aufnahme-Tage für „The Hungry Saw“ jedenfalls nicht, bevor Staples beim Abmischen versuchte, „dem Gefühl im Raum treu zu bleiben“. David Boulter durfte gleich drei Instrumentals beisteuern, die, so Staples, „in der Vergangenheit außenvor blieben, weil sie keine Geschichte zu erzählen schienen“, nun aber für ihn gleich „zu den wichtigsten Stücken auf dem Album“ zählen. Überhaupt sei jetzt alles wieder „in tune“ und „in balance“. Stuart mit sich und seinen Songs und seiner Stimme. Und alles zusammen auch noch mit dem Rest der Band. „Die Leute kommen gern zu mir, um dort zu spielen“, sagt der Gastgeber. „Wenn Neil London verlässt, lässt er dabei auch alles Mögliche zurück, es ist einfach anders, als wenn er seine Gitarre in einem Studio in London auspackt. Denn es ist auch eine Form der Flucht. Und deshalb fühlt sich die Zeit, die wir dann dort miteinander haben, sehr kostbar an – kostbare Zeit, um frei zu sein.“ Stuart Staples überlegt kurz. Dann fügt er an: „Und so fing es ja auch an mit unserer Musik damals – als Flucht, um frei zu sein.“

Und die Grenzen zu überschreiten, die das ewige Nottingham zu setzen schien.


 
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