Vorsichtig geschätzt drehen sich 95 Prozent aller Popsongs um die Liebe. Tausende von ihnen haben wir schon gehört und sind trotzdem "so klug als wie zuvor". Das einzige, was man aus den vielen populären Liedchen mitgenommen hat, ist vermutlich, dass, wenn im Herzen Flut herrscht, im Kopf oft Ebbe ist. Darüber ist man so erschrocken, wie die Protagonisten der besten Woody-Allen-Filme, die als so genannte Kopfmenschen immer wieder fassungslos vor den Mysterien der Liebe stehen, Angst haben, die Kontrolle zu verlieren oder sie schon längst verloren haben und sich um Kopf und Kragen reden. Niemals besser verkörpert als von Michael Caine in "Hannah and her Sisters". Wenn der rätselhafte kleine Muskel in der Brust die Lichter im Oberstübchen langsam dimmt. "Nobody,not even the rain, has such small hands."
"I don?t wanna hold you and feel so helpless/ I don?t want to smell you and lose my senses/ And smile in slow motion with eyes in love", lauten die ersten Zeilen von "Foolish Love", dem ersten Stück auf dem Debütalbum von Rufus Wainwright. Die unbeschwerte Euphorie des ersten Verliebtseins hatte er mit seinen damals 25 Jahren schon hinter sich. Er er wusste, warum der größte Minnesänger aller Zeiten, Smokey Robinson, neben "From Head To Toe" auch "The Tracks Of My Tears" singen musste, warum die süße Liebe einen so bitteren Nachgeschmack hat und alles, was man über sie hört nur halb richtig ist. "And you will believe in love/ And all that it?s supposed to be/ But just until the fish start to smell/ And you're struck down by a hammer".
Die Verzweiflung, mit der die Liebe immer wieder versucht, die Kunst zu imitieren (manchmal auch nur schlechtes Fernsehen). "Every kind of love, or at least my kind of love/ Must be an imaginary love to start with/ Guess that can explain the rain, waiting walking game/ Schubert bust my brain to start with." Das Glück liegt in der romantisierten Idealisierung. Warum also sich nicht einfach ins eigene Oberstübchen zurückziehen und sein Gedankenbild der großen Liebe in schönsten Farben ausmalen. "Hoped to look at you in a cab/ Back of your head across my lap/ Oh what grace, green back seat against the red of your face." Man könnte aus dem Schubert-Lied "Der Liebende" (Text: Ludwig Heinrich Christoph Hölty) ergänzen: "Dein holdes Bild/ Führt mich so mild/ An sanfter Blumenkette;/ In meinem Arm/ Erwacht es warm,/ Und geht mit mir zu Bette."
Es geht hier zwar um Liebe, doch der Andere erscheint nur im Bild, in der Imagination, in der sich der Protagonist spiegeln kann. Wenn Rufus Wainwright auf die Liebe schaut, sieht der vor allem sich selbst. Kein Wunder also, dass das Album seinen Namen trägt. "Rufus Wainwright" handelt von Narzissmus und Egozentrik, von Causeuren, Bohèmiens und Dandys. Ein bittersüßes Füllhorn der Liebe und Enttäuschungen, des Verlangens und der Tränen. "Looking at hospitals Victorian/ Feeling as helpless as the Elephant Man/ Wish you were here to chain you up without shame/ In my arms tonight." Schwermütige Melodien getränkt in Van Dyke Parks' elegant-gewitzte Vaudeville-Arrangements. Musik, die auch um 1900 in den Salons von Paris und London ihren Platz gehabt hätte, wo es zum guten Ton gehörte, sein eigenes Leid zu ästhetisierten. Eine Haltung, die uns immer noch mehr als vertraut ist und die der Grund dafür ist, dass moderne Klassiker wie Proust, Wilde und Rilke oder Thomas Manns "Tonio Kröger" immer noch mehr über uns auszusagen scheinen, als so mancher so genannte Poproman. "Ich leide, also bin ich", beschrieb der französische Autor Pascal Bruckner die "Krankheit der Moderne". Manchmal keine schlechte Abendgestaltung. And Rufus broke my heart to start with.