DVD 06: Julien Temple - The Filth and The Fury

Mit “The Great Rock 'n' Roll Swindle” drehte der Londoner Regisseur Julien Temple 1978 einen ausgesprochen launigen Nachruf auf die Karriere der Sex Pistols: Da grölte Sid Vicous “I did it my way”, die Band tobte als Zeichentrick-Truppe durch die Stationen ihrer Karriere, selbst der alte Posträuber Ronnie Biggs war mit von der Partie. Nur einer fehlte – der vorher ausgestiegene Sänger Jonny Rotten. Denn der große Rock 'n' Roll Schwindel war genau das: Die Geschichte der Sex Pistols als pfiffige Inszenierung des Managers Malcolm McLaren, der die Erfindung des Punk für sich reklamierte.
“The Filth and The Fury” ist eine mitreißende Gegendarstellung. Der gleiche Regisseur, die gleichen Musiker, nur die Geschichte sieht plötzlich ganz anders aus. Weil jetzt die Sex Pistols das Wort haben. Das ist mindestens genauso unterhaltsam – aber dazu noch deutlich informativer. Die Bilderflut beginnt mit dem Niedergang des britischen Empire in den Siebzigern: Zerfallende Häuser, streikende Arbeiter, Krawalle auf den Straßen und ein unsagbar ödes TV-Programm. “People were fed up with the old way”, sagt John Lydon, der wie Steve Jones, Glen Matlock und Paul Cook die Chronologie der Ereignisse als dunkler Schatten aus der Gegenwart kommentiert.
Da Julien Temple seit 1976 mit der Band befreundet ist, erleben wir schon die ersten Gigs hautnah: Schweiß, Blut und Spucke, rückkoppelnde Verstärker, entstellte Gesichter. Ausführlich wird gezeigt, wie der TV-Moderator Bill Grundy den Sex Pistols die vier-Buchstaben-Wörter aus der Nase zieht. Auch die lustige Kreuzfahrt der Band auf der Themse, zum 25-jährigen Krönungsjubiläum der Queen, ist in eindrucksvollen Bildern festgehalten. “Richard Branson sah aus wie Catweazle” kommentiert Lydon die Szenen mit dem bärtigen und langhaarigen Labelchef. “The Filth and The Fury” läuft über vor guten Original-Material: Konzerte, Interviews, Krawalle und Straßenszenen. Und dazu immer wieder Ausschnitte aus “The Great Rock 'n' Roll Swindle”. Was für eine aufregende Zeit, was für eine großartige Dokumentation.
