DVD 07: Julian Schnabel - Lou Reed's Berlin

Als 1973 „Berlin“ veröffentlicht wurde, fand sich kaum ein Apologet der trostlosen, manchmal pompös nihilistischen Platte. Mit der Liebe ist es nichts, sagte Lou Reed (nur ein wenig deutlicher noch als auf früheren Alben), und für die Unmöglichkeit dieses Gefühls fand er die drastischste und brutalste Metapher: die Mauer, die Berlin teilte. Dass Reed noch niemals in Berlin gewesen war, machte die Metapher noch größer und mächtiger.
In den nächsten 33 Jahren (die Berliner Mauer war längst gefallen) gelangten immer mehr Kritiker zu dem Schluss, dass „Berlin“ zu den wichtigsten Arbeiten von Lou Reed zählt – und der Künstler selbst hält den Reigen sogar für ein Meisterwerk. So mietete er für sechs Abende das St. Ann’s Warehouse in New York, um „Berlin“ zu inszenieren: mit einer Leinwand im Hintergrund, auf die verschwommene Szenen des Lebens von Jim und Caroline projeziert wurden (Caroline wird übrigens von Emmanuelle Seigner dargestellt), ein Kinderchor, einige Streicher, Reeds knochentrocken spielende Band, ein irr fuchtelnder Dirigent, der allerdings hinter den Musikern stand. Regie führte Julian Schnabel, der Maler, der für einige außerordentliche Spielfilme gefeiert wurde.
„Honey, it was nice/ It was paradise“: Diese sehnsüchtige Reminiszenz findet – fast wie in Anton Tschechows Stücken – keine Entsprechung im Fortgang der Handlung. Und mit dem Drama schwingt sich auch die Musik zu immer kühneren, traurigeren, pathetischeren Exaltationen auf, bis es die Songs beinahe zerreißt. Am Ende kommt der Hermaphrodit Antony Hegarty auf die Bühne – heute ein berühmter Sänger – und lässt seine Engelsstimme vibrieren. Die Tragödie schließt mit einem himmelstürmenden, opernhaften Crescendo, einer Klimax der Verzweiflung und Schönheit.
„Rock Minuet“ und „Sweet Jane“, keine Songs von „Berlin“, ergänzen die Aufführung. Julian Schnabels „Berlin“ – das ist die mit New Yorker Bordmitteln inszenierte Konzert-Version eines großen Melodrams.
