ELEKTRO DESSOUS

SONGWRITING UND SEXYNESS: BANKS SPRENGT GENREGRENZEN - UND IST DIE AUFREGENDSTE SÄNGERIN IHRER GENERATION

Banks steht im Gegenlicht auf der Bühne des Berliner Berghain. Gehüllt in ein dünnes, kurzes Cape, mit lang fließenden Haaren um ein klares, schmales Gesicht. Wenn die Sängerin, was sie öfter tut, die Arme breit erhebt, umgibt sie ein Hauch wehender Goth-Romantik. „Der nächste Titel liegt mir besonders am Herzen. Ich möchte, dass ihr wisst, dass ihr alle perfekt seid! Ich liebe euch“, spricht sie von der Bühne in die immense, ausverkaufte Betonkathedrale. Und bringt dann „Goddess“, zweite Single und Titelsong ihres anstehenden Debütalbums.

Es geht darin zu nebligen, sparsamst getakteten Beats und wässrigen melancholischen Keyboards um jemanden, der sein ex-geliebtes Gegenüber nicht zu schätzen wusste, schlecht behandelt und überhaupt eine Göttin verlassen hat – die Spiele, die man in Beziehungen und im Leben spielt, gehören zu den wiederkehrenden Themen der 26-jährigen Kalifornierin. Nach innen klassische Songwriterausstattung, außen clubmodernistisches Design, steht Banks zweifellos am Beginn einer interessanten Karriere, die mit zwei EPs und einigen Singles – die nun auf dem Album versammelt sind -seit dem vergangenen Jahr mit erfolgreichem Hypedruck durch die Blogsphäre und die wirkliche Welt pumpt. Von „Vogue“ zu iTunes, von der BBC über MTV und „Spin“ zu Spotify wurde sie mit den höchsten Quoten für 2014 notiert, ihre Songs wurden von schicken britischen Elektro-Produzenten wie Jamie Woon, SOHN und Totally Enormous Extinct Dinosaurs ausgestattet. Und dazu gab es elegante, verhangen schwarz-weiße oder bleich monochrome Videos von Leuten wie Barnaby Roper, der schon für Kanye West und David Bowie gedreht hat.

Natürlich hilft es, dass ihre Songs klug, melodisch und dabei aufregend modern klingen. Was sich schon seit Längerem abzeichnet, bringt Banks in ihren besten Songs auf den bisher schlüssigsten Punkt: Die Verbindung von minimalen, abstrakten, räumlich argumentierenden Sounds aus dem Club-Underground, aus Dub-und Post-Dubstep, mit einer gewissen melodischen Direktheit und popfähigem Gesang. Ein wenig vergleichbar, aber musikalisch freizügiger als Lorde, zentriert sie die Songs durch ihre Performance. Wo Künstler wie James Blake das singende Subjekt zu Schemen auflösen, stellt sie sich wieder als Identifikationsfigur zur Verfügung. Oder noch anders gesagt: Die britischen Neo-Songwriter kommen von der Textur zum Song, die amerikanischen Neuerer -von Kanye West bis The Weeknd -durch HipHop-Repetition. Banks hat Songs, die sie zeitgenössisch texturiert. Nicht, dass Banks solche Erwägungen teilte.

Singer/Songwriter? R&B? Ich verstehe mich nicht als eine einzige Sache. Ich bin ich, Banks“, entgegnet sie lächelnd auf einer schnöden Berliner Interviewcouch. Die Wahl ihrer Produzenten verweist immerhin auf aktuelle, durchaus modische Strömungen. Die Sounds entstanden teilweise im Pop-Veredelungszentrum London und sind an europäischen urbanen Clubzusammenhängen geschult. „Fall Over“ etwa lässt James Blake anklingen. Doch davon will Banks nichts hören. „Ich selbst bin der Ort, von dem das kommt. Ich arbeite mit jemandem zusammen, weil ich mich sicher fühle und er oder sie mich inspiriert“, sagt sie. „Ich bestimme Seele und Herzschlag der Songs.“

Ins Egopaket gehört ihre mysteriöse Aura aus verletzlicher Zurückhaltung und nüchternem Self. Selbst ihren Vornamen musste man Jillian Banks aus dem Kreuz leiern. Ihr Move, sich aus allen sozialen Medien und Netzwerken herauszuhalten, wurde berühmt. Dafür druckte sie ihre Telefonnummer auf die erste EP. „Ich hatte damals weder Facebook noch Twitter oder Instagram. Es war mir einfach zu viel“, seufzt sie leise. „So viele Infos, so viele Leute! Ich will nicht moralisieren, sondern einfach meinen Frieden! Meine Musik ist persönlich genug. Da kann ich mir unnötige Tweets sparen; das überlasse ich anderen.“

Dabei ist sie kein scheues Reh, abweisend und weltfern. Eher vorsichtig locker und überlegt: „Ich war vergangenes Jahr mit The Weeknd auf Tour“, erzählt sie. „Es war toll, zu erfahren wie wunderbar die Leute auf meine Musik reagiert haben. Ich wollte sie nun näher heranlassen. Ich habe also mit Instagram angefangen -und es hat Spaß gemacht. Man will alles richtig machen, Authentizität wahren und sich trotzdem wohlfühlen. Mein Vater meinte einmal:,Mache jeden Schritt mit Integrität und Ehrlichkeit, und du musst nie etwas bereuen.'“

Das Showbiz mag „crazy“ sein, doch für eine Debütantin hat Banks die Mechanik erstaunlich gut verstanden. Sie verzichtet dabei auf jede Nennung von Musikszenen oder Lieblingsclubs. Der Unterschied zwischen einer Jugend im beschaulichen San Fernando Valley zum bösen Moloch L. A. berührt sie nicht. „Das gehört alles zusammen. Man fährt 20 Minuten über den Hügel, und es ist anders. L. A. ist ja eh seltsam -zig verschiedene Städte in einer großen Stadt. Man ist ebenso nah wie fern von allem.“

Diese ausweichende und skeptische Haltung lässt sich aus verschiedenen Perspektiven verstehen. Wer sich mit Kunst ans Licht wagt, will nicht als Epigone gelten, als Genrebeitrag oder ins Frauenfach wegsortiert werden. Banks behauptet die eigene Stimme – oder versucht zumindest, sie zu finden: „Ich will einfach Musikerin sein. Ich schreibe seit ich 14,15 bin. Ich bin einfach süchtig danach geworden. Meine Stücke sind mein ganzes Herz, was ich für rund zehn Jahre verschlossen hatte. Irgendwann war ich bereit für die Welt. Dann kamen die richtigen Leute, die Produzenten und ein tolles Team. Ich habe mir genug Zeit gelassen, meinen Sound zu entwickeln, meine Perspektive, meine eigene Stimme.“

Ein paar Verweise schimmern dennoch durch. In den Konzerten spielt sie ein Aaliyah-Cover, auf der Single „Warm Water“ erinnert sie zu einem buckligen Rhythmus ein wenig an die frühe Erykah Badu, und im akustischen Gitarren-Intro der unerwartet powrigen Soulballade „Someone New“, aber mehr noch im Solopiano-Schluss von „Under The Table“, an die seltenen akustischen Perfomances Lauryn Hills aus dem letzten Jahrzehnt. Keine schlechten Adressen. „Hallo? Lauryn Hill ist eine der außergewöhnlichsten Künstlerinnen überhaupt“, sagt Banks. „Aber wenn ich zu Inspirationen gefragt werde, dann denke ich an Leute, die mich dazu angeregt oder dazu ermutigt haben, mich mit meinem Songwriting sicher anstatt ängstlich zu fühlen, mich nicht für die Dinge, von denen ich singe, zu rechtfertigen. Mich stark zu fühlen. Aber dabei geht es nicht um Sounds.“ So nennt sie zum Beispiel die musikalisch ferne Fiona Apple als eine zentrale Referenz, „weil sie so furchtlos ist und sich voll reinhängt“ – und ihren Vater.

„Der einzige Moment, in dem mein Vater loslassen konnte, war, wenn er Musik hörte, volle Lautstärke“

„Mein Vater liebt Musik“, erzählt sie. „Er hatte einen extrem stressigen Job, Neonataloge, er hat die ganze Zeit mit richtig, richtig schlimm kranken Babys zu tun gehabt. Und der einzige Moment, in dem er loslassen konnte, war, wenn er Musik hörte, volle Lautstärke Peter Gabriel, die Crash Test Dummies oder Dead Can Dance und allerlei irre Künstler, die ich sonst nie gehört hätte. Durch ihn habe ich gelernt, wie tief Musik die Menschen berühren kann.“

Für die elektronische und durchaus abenteuerliche Sound-Ausstattung scheint dagegen irgendwann eine Art musikalischer Weltgeist über Banks gekommen zu sein, der sich im Künstler-Ich eingenistet hat. Wenn sie über ästhetische Entscheidungen spricht, schließt sie die äußere Welt aus und erzählt von sich und ihrem Keyboard. „Es kommt mittlerweile manchmal vor, dass ich eine Art Jucken spüre und sofort etwas tun muss, dann entsteht eine kleine Akkordfolge, ein gutturaler Ton in der Stimme, eine kleine Melodie, die ich dann ins Studio trage und mit meinem Team gemeinsam weiterentwickle.“ Der besondere Reiz ihrer Musik, der Banks jenseits der Sounds innerhalb des Elektro-Genres hervorhebt, kommt dabei von ihrer bemerkenswerten Soulstimme, deren Herkunft man zumindest ahnen darf. Sie lacht kurz: „Ja, am Anfang gab es meine Musik nur ohne Bilder im Netz. Und als man mich dann gesehen hat, waren viele Leute doch ziemlich erstaunt. Als ich jünger war, habe ich viel Otis Redding, Tracy Chapman, Ben Harper gehört – ich mag Schmerz, Liebe und Sehnsucht in einer Stimme, diese bröselnden, knirschenden Stimmen.“

Übrigens erkennt man auch in den Texten eine ansprechende Sophistication. Meist sind es Liebeslieder -oft mit einem zweifelnden Unterton aus Verletzbarkeit, Schuld und Unsicherheit. Dies ist übrigens eine relativ neue Tendenz im R&B, die man bis zur völligen Gefühlsverödung in den Songs von Drake bis zu The Weeknd erlebt. Gelegentlich, etwa in „Brain“, verlängert Banks das ins Motiv ganz allgemeiner Entfremdung und sieht sich von Masken umstellt: „Ich habe das geschrieben, weil ich manchmal den Eindruck hatte, als sei ich ein Alien in einem Raum voller Roboter. Alle haben nur versucht, dazuzugehören und darüber nachgedacht, was sie sagen könnten, damit andere sie akzeptieren. Das hat mir weh getan. Ich konnte damit nicht umgehen, ich habe keine Mauern um mich herum.“

In ihren Videos sieht man Banks meist seltsam entfernt, vage schutzlos, oft allein mit sich und der Welt. In „Drowning“ will sie uns offenbar vermitteln, dass sie in/vor Liebe ertrinkt. Sie windet sich dabei, knapp und eng bekleidet, durch allerlei kalte, farbentleerte und sacht verschlierte Spiegelkabinette. Sexy, modelfähig, aber stets in sich gekehrt. Und in „Brain“: Farbkristalle, Rotlicht, tiefes Dekolleté. Und weiter: Wolken, Maschendraht, regennasse Fenster und abstrakte Lichteffekte. Mit undurchdringlichem Ausdruck liegt Banks in den muskulösen Armen eines tätowierten Herrn. Oder kauert und räkelt sich in teurer Unterwäsche auf wehenden Laken, im Bett oder in einer leeren Küche. Diese rätselhaften Settings distanzieren zwar den Betrachter – doch Banks fordert damit nicht nur YouTube-Kommentatoren („Banks in Lingerie, was will man mehr“) heraus. Auch in der „Washington Post“ oder auf „New York Times Online“ schillern die Kommentarzeilen zwischen Sexismus und Feminismus.

Banks gibt die Eisprinzessin (mit Grübchen auf der Nasenspitze) – und geht in der Debatte darüber an die Decke: „Was für eine misogyne Betrachtungsweise! Ich bin eine unabhängige Frau. Ob in der Küche oder auf einem seidenen Bettlaken. Wenn Frauen sexy sein wollen, steht das eben nicht für mäuschenhafte Unterwürfigkeit. Das kommende Album heißt ‚Goddess‘. Ein klares Bekenntnis zur Stärke.“

Da hat sie recht. Aber jede visuelle Selbstinszenierung steht in einem gesellschaftlichen Kontext. Banks‘ Bildsprache will -wie auch ihre Sounds -den Underground: Keine grellen Posen, kein Geschmeide, keine Anzüglichkeiten. Dennoch wiegt und wogt die Künstlerin wie im R&B-Mainstream, der seine Göttinnen wohlgeformt und wenig bekleidet schätzt. Im Video zum Titelsong „Goddess“ wiederum gibt es nichts als blanke, fließende Lyrics auf schwarzem Grund zu sehen.

Banks scheint tatsächlich eine Göttin mit eigenen ästhetischen Vorstellungen zu sein. Was auch für ihre Musik gilt. Banks‘ seltsame, stimmliche Distanzierung und die verwaschenen Beats werden gelegentlich mit Lana Del Rey verglichen. Doch wo sich Del Rey als Kunstfigur auf baut, geht es Banks ums bloße Selbst: Ich bin, also bin ich. Und „Ich“ kann ja nichts dafür, wenn sich die eigene Idee von Sexyness mit jener der Luxus-Dessous-Firma Victoria’s Secret deckt, die mit Banks‘ „Waiting Game“ wirbt. „Was aber“, singt sie darin, „wenn wir uns gar nicht wirklich sehen, weil wir beide nur auf einer Bühne stehen?“

Im Konzert betont Banks den coolen Minimalismus ihres Elektro-Groove-Konzepts, aber sie unterstreicht auch ihren Anspruch auf Authentiziät und Autorenschaft -mit einer Songwriter-Einlage am Klavier. Und schließlich feuert Banks das Publikum etwas unvermittelt mit rudernden Armen an, als probe sie fürs Stadion.

Was geschieht mit einem solitären Künstlerherzen, wenn es in so einem crazy business auf die strategischen Überlegungen eines Musikmajors oder auf die Knistererotik der Wäschefirma Victoria’s Secret trifft?“Ich kontrolliere alles“, sagt sie entschlossen. „Die Videos, die Sounds, die Produktion! Ich lasse die Leute, mit denen ich arbeite, ihr Ding machen, aber wenn sich etwas nicht natürlich und ehrlich anfühlt, dann mach ich es nicht. Denn das bin alles ich -mein Gesicht, meine Haut, mein Körper, mein Herz.“

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