Fundstücke

Rebel with a cause: Joe Strummer

The Clash gaben der Punk-Revolte ein politisches und soziales Gewissen. Ihr Vordenker kämpfte unermüdlich weiter, bis zuletzt. Mit Joe Strummer starb am 22.12.2002 unerwartet ein Rebell, Romantiker und Altruist. Wolfgang Doebeling über den "Rebel with a cause".

Er hatte nichts übrig für dekadenten Chic und Designer-Drogen, litt nie unter dem in seinen Kreisen grassierenden Live-fast-Fieber mit Die-young-Syndrom. Nicht wenige seiner Helden waren daran krepiert. Hank Williams, Brian Jones, Jimi Hendrix. Eine Thematik, die Joe Strummer unweigerlich in Wallung brachte. "What a bloody waste", stoßseufzte er dann und steigerte sich in die Vorstellung hinein, was uns noch geblüht hätte, wenn die bewunderten Künstler nur etwas pfleglicher umgegangen wären mit ihren Ressourcen: "so much great music".

Strummer kannte die Fallen und Fußangeln des Lebens on the road, war auch schon in die eine oder andere getappt, wusste sich aber frei von selbstzerstörerischen Schwächen. "Es geht mir blendend", versicherte er noch vor ein paar Monaten und fügte, unterlegt von diesem heiseren, verdammt ansteckenden Lachen in Anspielung auf die berühmte Elvis-Zeile hinzu: "I hope I'll be an angry old man some day."

Wer ihn gut kannte, traute ihm das zu. Weitere 30 Jahre unter Hochspannung, kämpferisch und kompromisslos. Für eine gute Sache, für Bergarbeiter oder Besitzlose, für ein multikulturelles Britannien oder ein gerechteres Schulsystem, für den Rock'n'Roll, so wie er ihn verstand, Joe Strummers letzter Gig war ein Benefit für die streikenden Feuerwehrleute. Das war in November. Mick Jones war unerwartet auf die Bühne gekommen und hatte zwei Songs mitgespielt. Zum ersten Mal seit 1986. Damals hatten ihn Strummer und Simonon geschasst, der Anfang vom Ende einer großen Band. Und Joe Strummer hatte seither darunter gelitten wie ein Hund. "Ich habe ihm einen Dolch in den Rücken gerammt", erklärte er selbstquälerisch, "und wenn Mick mich dafür hasst, ist das nur zu verständlich."

Tatsächlich hatten immer zwei Gründe gegen die wiederholt in Gerüchteküchen aufgewärmte Reunion von The Clash gesprochen. In erster Linie Integrität. Punk war nie bloß ein Lippenbekenntnis im Clash-Camp. Punk stand für Härte, Leidenschaft, Rebellion, Unbestechlichkeit Coole acht Millionen Dollar für eine Reunion-Tour waren zeitweise im Angebot und wurden ebenso in den Wind geschossen wie lukrative Offerten von Sony. Zweitens der Zwist mit Jones. Der nun endlich beigelegt schien, was Strummer eine Zentnerlast von den Schultern nahm. Ungefähr zur selben Zeit, ein glücklicher Zufall, erfuhren die Punk-Pioniere von ihrer bevorstehenden Aufnahme in die Rock'n'Roll Hall Of Fame. Eine Institution, der Strummer eigentlich eher ablehnend gegenüber stand, spätestens seit dort auch Acts honoriert werden, die nicht nur nach seinen strengen Maßstäben wenig gemein haben mit Geist und Gefühl des Rock'n'Roll. Dennoch nahm der Dynamo die Nachricht freudig auf and begann sogleich Pläne zu schmieden. Micks Plazet hatte er, Paul Simonon für ein paar Tage von Pinsel and Staffelei wegzulotsen, schien machbar, und selbst Topper Headon war unter der Obhut seiner Eltern allmählich so weit von Heroin entwöhnt, dass man ihm zumuten konnte, für ein paar kurze Nummern die Schießbude zu besetzen. Um der alten Zeiten willen, meinte Joe, obwohl Nostalgie gewiss nicht sein Ding sei.

Geboren wurde der Diplomatensohn ab John Graham Mellor am 21.August, 1952 in Ankara, verbrachte die Kindheit in Kairo, Teheran, Mexico City und Bonn, wurde vom Vater, der ihm zeitlebens fremd blieb, auf ein Internat geschickt, wieder ausgesondert, weil unangepasst, und versuchte sich an diversen Kunstschulen. Im London der Mitt-Sechziger von den Rolling Stones angefixt, frönte er schon in jungen Jahren seiner "einzigen Sucht", dem Rock'n'Roll, mischte bald in der Linken Londoner Hausbesetzerszene mit, aus der dann seine erste richtige Band entstand: The 101ers. Protest-Pubrocker zwischen Anarchie und Rhythm & Blues, Emanzipation und Pop. Die Zeichen standen auf Sturm, und Mellor, der sich seines rudimentären Gitarrenspiels wegen inzwischen selbstironisch Joe Strummer nannte, hörte die Signale und formierte mit Jones, Simonon und dem Drummer Terry Chimes, der sich den Schmähnamen Tory Crimes zugelegt hatte, die wichtigste und vitalste Band jener an wichtigen, vitalen Bands nicht eben armen Epoche: The Clash. Joe Strummer hatte, kein Zweifel, seine Bestimmung gefunden. Hier konnte er sich ausleben, seine Tugenden und Idiosynkrasien. Den stets überbordenden Gefühlshaushalt, die unbändige Energie, das soziale Gewissen. Strummer trug seinen Zorn auf der Zunge, bellte seine provokanten, mokanten Texte barsch in eine feindliche Welt, und entlockte seiner abgewetzten Telecaster krachende, kaustische Akkorde, haarscharf neben dem taumelnden Beat. Wer diese Band in den Jahren 1977 und 1978 live erlebt hat, etwa einen der längst legendären Auftritte im Rainbow in Finsbury Park, wird das nie vergessen. The Clash waren mehr ab eine Band, ein Naturereignis aus höllischem Lärm und reiner Emphase. Es gibt nichts Vergleichbares mehr. Die Libertines sind daneben nur Kindergarten.

Und wenn Joe Strummer nach 70 frenetischen, infernalischen Minuten ausgepumpt und angeschlagen in der Garderobe hing, wie ein Preisboxer nach zwölf Runden im Ring, dann konnte man schon Angst kriegen um ihn. Er schonte sich nicht, gab sich völlig aus, erholte sich aber erstaunlich schnell. Wäre er damals hinter der Rainbow-Bühne zusammengebrochen und nicht wieder auf die Beine gekommen, hätte es keinen gewundert. Stattdessen erwischte es ihn nach einem gemächlichen Spaziergang mit dem Hund, in der ländlichen Idylle von Somerset, 25 Jahre später. Herzschlag, heißt es. Eine defekte Arterie. Ein wohl angeborener Schaden. Es hätte ihn jederzeit dahinraffen können. Kein Trost für seine Frau Lucinda und seine Töchter Jazz Domino Holly und Lola Maybellene sowie seine Stieftochter Elize, die bei ihm war, als es zu Ende ging.

Joe Strummers Vermächtnis liegt in seiner Musik, klar. Darüber hinaus aber vor allem auch in der Bestätigung einer Erkenntnis, die er gelebt hat und die gemeinhin nur als Gutmenschentum belächelt wird, nicht erst von der Generation Golf. Joe war Sozialist, Humanist, Vegetarier, Pub-Philosoph und Punkrocker, alles aus glühender Überzeugung. Joe war auch ein wandelnder Widerspruch. "I'm so bored with the USA", hatte er skandiert und war danach tief eingetaucht in das mythische Amerika, an der Seite seines Kumpels Brian Setzer oder mit Joe Ely, dessen Texas-Rock'n'Roll von The Gash huckepack nach England exportiert worden war. Oder seine Vorliebe für die britische Bulldogge, im übertragenen Sinn. Stundenlang konnte Strummer bei Streifzügen durch die Pubs von Notting Hill das Hohelied singen auf heroische, heillos verwirrte Kämpfernaturen wie Tony Adams, langjähriges Arsenal-Bollwerk und bekennender Alkoholiker. Oder das Trauma mit seinem älteren Bruder David, der rechtsradikales Gedankengut vertrat, im Okkultismus versumpfte und sich schließlich das Leben nahm. Die Bewältigung kostete Kraft, ging an die Substanz. Und verdichtete sich, im Tandem mit den unverarbeiteten Folgen des Clash-Splits zu einer Depression, aus der sich Strummer gegen Ende der Achtziger indes selbst befreite. Indem er sich in Arbeit stürzte. Er schauspielerte, sehr beachtlich übrigens, etwa als kleiner Gangster in Jim Jarmuschs "Mystery Train", vertrat Shane MacGowan bei den Pogues und machte ein mehr als passables Solo-Album.

Beschäftigungstherapien sämtlich, wie er später freimütig einräumte. Weit entfernt von der Bedeutung, die The Clash sechs lange Jahre hatten, musikalisch wie politisch. Sie bildeten den Gegenpol zu den Sex Pistols, mit denen sie zunächst die radikale Ablehnung verhasster Phänomene wie Hippies, Disco oder Starkult verband. Der kategorische Punk-Imperativ. Doch die Gegensätze überwogen. Gebärdeten sich die Pistols soziopathisch, engagierten sich The Clash in der Anti-Nazi-League oder bei Rock Against Racism, gefielen sich die Pistols als Nihilisten, stellten The Clash einen nicht selten blauäugigen Idealismus zur Schau. Das verband, stiftete Identität. Man wusste einfach: Gash-Fans waren schwer in Ordnung. Respekt war das Zauberwort. Keine Vokabel, die im Pistols-Lager je gefallen wäre.

Was sich zunehmend musikalisch dingfest machen ließ. Der osmotische Stilmix der Clash City Rockers erweiterte sich von Platte zu Platte. Nachdem die Vier auf "London Calling" bereits Reggae, Rockabilly. Blues, Soul, Jazz und Dub aufs Trefflichste vermengt hatten, setzten sie mit dem Triple-Album "Sandinista!" kühn noch ein paar drauf: Folk, Rap, Funk und Ambient. Klingt wie eine Zumutung? Yep, war es auch. Aber eine äußerst lohnende. Diese waghalsige, grenzüberschreitende Mixtur pflegte Joe auch in seinem vom BBC World Service ausgestrahlten Radio-Programm, wo die Skatalites nach Gene Vincent liefen und Bobby Füller vor den Bundhu Boys. Ein Kulturverständnis, das von Koexistenz geprägt war, aber auch von gegenseitiger Durchdringung. Wie die Musik, die Joe Strummer bis zuletzt gemacht hat mit seinen Mescaleros.

"Global A Go-Go" hieß nicht umsonst ihre zweite LP, die dritte war in Vorbereitung. Mehr als 40 Songs habe er dafür bereits geschrieben, erzählte ein wie stets aufgedrehter Joe Strummer im November, "genug für eine Triple-LP, mal wieder". Er lachte schallend, gab im nächsten Atemzug Ängste in Bezug auf die Irak-Krise preis, schüttete Hass über Bush und Hohn über Blair aus, freute sich auf die arbeitsreichen Wochen, die vor ihm lagen. All das und viel mehr in fünf Minuten, überaus herzlich, ganz unverwechselbar. Ich werde ihn sehr vermissen.

"Joe Strummer", schrieb ein paar Wochen später "The Independent", "was a true great." Ein Understatement.

A A A
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