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Hurricane 2013. Der Sonntag: ‘Let’s Tear This Fucking Place Apart!’

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Es bleibt fast trocken am dritten Tag des Hurricane-Festivals und immer wieder scheint auch die Sonne durch die imposante Wolkendecke über Scheeßel. Der Festivalboden riecht, als würde er gären, und auf den Campingplätzen haben viele bereits ihre Sachen gepackt. Nach vier Tagen kristallisieren sich unter den dort nach wie vor Non-Stop trinkenden wilden Männern möglicherweise bald die ersten Rädelsführer heraus, da will man nicht mehr unbedingt dabei sein. Denn wie konnte man schon auf dem Rammstein-T-Shirt am offiziellen Merchandise-Stand lesen: „Manche führen, Manche folgen“.  

Perspektivenwechsel Mainstage: Frank Turner ist wie immer grundsympathisch und ein guter Animateur. Er kennt sogar die deutsche Institution „Hampelmann“ und erreicht, dass die Leute ihn massenhaft für ihn machen. Freundlicher Auftritt, Sonnenschein, rosige Gesichter.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Festivalauftritte NOFX bereits hinter sich haben. Wenn man sich umsieht, fühlt es sich aber an, als stünde ihr Name auf fast jedem Festival-Shirt der letzten 20 Jahre. Dass sich immer mindestens ein Typ unter den Zuschauern befindet, der ein Bananen-Kostüm trägt, hält die Band aus Los Angeles dabei mittlerweile für eine sichere Sache. Neben empirischen Feststellungen wie dieser wendet sich der bis auf den grünen Iro ergraute Fat Mike dem Publikum auch immer wieder mit kleinen Sticheleien zu. Deutschland sei für seine Diversität berühmt, man kenne das Land für seine vielen verschiedene Schattierungen von weiß, witzelt er und spielt anschließend „Kill All The White Men“ und „Don’t Call Me White“. Wenn da mal nicht bald die Festival-Booker die Rentenzahlungen einstellen …

„In den USA spielen die vor 50.000 tausend Leuten, und hier vor so wenigen, es ist unfassbar“ erklärt mir ein Zuschauer aus den Vereinigten Staaten beim Auftritt der Smashing Pumpkins. Tatsächlich steht man vorne nicht gerade gedrängt als Billy Corgan und Band kurz nach 19:00 Uhr die Bretter der kleineren Blue Stage betreten. Lag es an den Bühnenansagen von NOFX, dass man sich die Smashing Pumpkins auf keinen Fall ansehen solle? Man munkelt auch, dass Billy Corgan erbost sei, weil man ihm diesen ungünstigen Slot zugeteilt hat, sein griesgrämiger Gesichtsausdruck lässt sich leicht dahingehend interpretieren. Noch dazu hat er immer wieder mit Soundausfällen zu kämpfen, während ein pittoresker Regenbogen die iphones von der Bühne weglotst. Hartes Los für Billy, er sieht aber auch wirklich nicht mehr wie ein Rockstar aus, sein T-Shirt rutscht ihm immer wieder übers Bäuchlein nach oben und der Rest seines Bühnen-Outfits wirkt, als hätte er es vor dem Auftritt am H&M-Festival-Stand für sich kaufen lassen.

Musikalisch kann man aber nicht meckern, es gibt es ausufernde Gitarren, und von den alten Songs hauptsächlich die aggressiveren Sachen wie zum Beispiel „Zero“ oder „Bullet With Butterfly Wings“. Bei den Zeilen „God Is Empty, Just Like Me“ und „I Am Still Just a Rat In The Cage“ huscht Corgan jedes Mal ein Schmunzeln übers Gesicht, das unter diesen Umständen leicht verächtlich wirkt. Dazu passt dann auch seine seltsame Abschieds-Ansage nach dem abrupten Schluß-Akkord: „God Bless America“.

Es ist gerade noch hell als die Queens Of The Stone Age die Mainstage betreten, am Sonntag beginnen die Headliner bereits um 22:00 Uhr. Die Weiten sind bereits etwas ausgedünnt, vor der Bühne aber staut sich das Publikum um jene Band zu sehen, die eben erst mit dem Album „..Like Clockwork“ einen echten Rohdiamanten abgeliefert hat. Josh Homme ist cool wie immer, selbst bei Mitsing-Spielchen und selbst bei der Ansage, dass man doch bitte mal ein Auge auf die „wundervolle Nacht“ und den riesigen leuchtenden Mond werfen solle. Alte Hits und neues Album halten sich die Waage, auch wenn die neuen Songs wohl zu verschachtelt und introspektiv sind um sich zu wirklichen Festival-Bangern zu entwickeln. Als ein Ordner ein Mädchen auffordert von der Schulter ihres Begleiters zu steigen, fordert Homme seinerseits die Security auf, sie in Ruhe zu lassen. Jeder soll bei seinem Auftritt machen können was er will, ja mehr noch: „Let’s Tear This Fucking Place Apart!“. Kurz darauf sieht man plötzlich unzählige Menschen auf den Schultern ihrer Freunde aus der Menge ragen. Selbst das mit Platzverweis geächtete Crowdsurfen fürchtet plötzlich keiner mehr, warum auch, das Festival ist ja fast vorbei.

Dazu donnern Gitarre und Schlagzeug so virtuos wie laut in den Nachthimmel und die letzten übriggebliebenen Klopapierrollen segeln Richtung Bühne – eine letzte Portion Anarchie in einem gelungenen, straff organisierten Festival.

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