- 26. Oktober 2010
von Daniel Koch
Features
Die 50 besten deutschen Alben - die Top 20
And the winner is... Die Jury aus heimischen Musikern, Redakteuren, Moderatoren und Größen der Musikindustrie hat getagt - hier nun der letzte Teil unserer Liste.
Die Ergebnisse zeigen: Es gibt einen großen popmusikalischen Grundkonsens in diesem Land. So werden die Errungenschaften der experimentellen Krautrock-Elektronik und der Hamburger Schule wie immer am höchsten bewertet. Nur ein Nischendasein führt dagegen der Deutschrock: kein Westernhagen, keine Platte von Bap etc. pp. Wenige Nominierungen gab es auch im Bereich des sogenanten Ost-Rock. Feeling B, Silly und andere wurden selten genannt, trotz der Teilnahme mehrer ostsozialisierter Experten.
Unsere Liste hat natürlich auch eine Debatte über vermeintlich Fehlendes oder zu Unrecht Genanntes losgetreten. So tagt bereits in unserem wie immer sehr lebhaften Forum eine eigene Jury, an der man sich noch bis als Forumsmitglied hier beteiligen kann.
Zudem haben wir aus dem Juryergebnis eigene Schlüsse gezogen und an dieser Stelle dazu aufgerufen, etwas gegen die unterpräsentierte Musik aus dem Gebiet der neuen Bundesländer zu tun. Näheres dazu an dieser Stelle. Alle uns bis Freitag erreichenden Listen werden berücksichtigt.
Doch lesen Sie selbst, wie sich unsere Jury entschieden hat (hier gibt's bereits die Plätze 50-36 sowie Platz 25-31) - bei der wir uns ausdrücklich bedanken möchten. Die Teilnehmerliste sowie ein Gewinnspiel zur Aktion in zusammenarbeit mit Amazon findet sich am Ende des Artikels. In den nächsten Tagen werden wir als Abschluss der Serie die Einzellisten der Rolling Stone-Redakteure online veröffentlichen.
#20
Digital ist besser
1994 L'Age D'Or
Das Debüt mit dem unschlagbaren Welpencharme. Wie jung Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank aussehen, wie sie da "auf dem Cover sitzen", das ziemlich sicher in Heinz Karmers Tanzkaffee geknipst wurde ... Und dann diese vor einer Wand aus Proberaumlärm gebrüllten Zeilen aus "Freiburg": "Ich bin alleine und ich weiß es, und ich find' es sogar cool". Auch "Drüben auf dem Hügel" jagt einem noch heute eine Gänsehaut den Rücken hinunter.
#19
Blumfeld
Old Nobody
1999 Big Cat
Ein Mann ging seinen Weg, auch wenn ihm nicht mehr alle folgen konnten. In Gesprächen mit sogenannten Medienpartnern ließ Distelmeyer jetzt Brandy & Monica und die Münchener Freiheit fallen, die er gern mit Freunden hörte. Natürlich eine unglaubliche Platte, mit "Tausend Tränen tief", "Ein Lied von zwei Menschen" und dem bestürzenden, brillanten "So lebe ich". Diskurs-Dancing, sozusagen.
#18
DAF
Alles ist gut
1981 Virgin
Sex und Gewalt sind die Themen des Duos Robert Görl und Gabi Delgado-López. Alte Ideologien bedeuten nichts mehr, hier kämpfen "Alle gegen Alle" und tanzen einen neuen bösen Tanz genannt "Der Mussolini". Über einem minimalistischen Fundament von Schlagzeug und Sequenzer verteilt Delgado seine Slogans wie Backpfeifen. "Der Räuber und der Prinz" beweist die Zärtlichkeit der Wölfe.
#17
Peter Fox
Stadtaffe
2008 Downbeat/Warner
Dass Seeed eine außergewöhnlich gute Band sind, hatte man gewusst - und erlebt, wie die Berliner Clubs genauso beherrschen wie Festivals. Doch die Soloplatte von Pierre Baigorry alias Peter Fox hatte man nicht kommen sehen. Er hatte zunächst ein Album mit Cee-Lo Green geplant, der dann aber mit Gnarls Barkley berühmt wurde und deshalb ausfiel. Gut so! Baigorry mutierte zu Fox und dichtete unpeinliche Lyrik, die einem Mittdreißiger angemessen war. Das Konzept aus digitaler Weltperkussion, hemmungslosen Streichern und Fox' Berliner Schnauze ist unwiderstehlich.
#16
Absolute Beginner
Bambule
1998 Buback/Universal
Stuttgart hatte kommerziell vorgelegt und vielleicht war Frankfurt streetwiser. Aber Hamburg City hatte die besseren Rhymes und Beats! Allen voran die Beginner: Deren "Bambule" war ein genreübergreifendes Zitat-Feuerwerk, auf dem die halbe Szene assistierte. "Ich bin Beginner, Mann/ Irgendwas fang ich immer an". Und wie!
#15
Can
Tago Mago
1971 Spoon
Zurück in die Steinzeit, zurück zur Magie des Unbewussten. Die Stockhausen-Schüler Irmin Schmidt und Holger Czukay haben 1971 für dieses Album die Geschichte der abendländischen Musik vergessen. "Tago Mago" ist kein moderner Tanz, sondern ein mystischer Ort, der allein Can gehört. Jaki Liebezeit spielt wie kein anderer Schlagzeuger und sein Rhythmus steht im Zentrum. Bass, Keyboards und Michael Karolis eigenwillige Gitarre umkreisen den Beat wie Satelliten, setzen hin und wieder schillernde Akzente. Es ist das erste Can-Album mit dem Sänger Damo Suzuki, einem genialen Dilettanten, der gerne Zeilen wie in Trance wiederholt: "One eyed soul − mushroom head. I was born and I was dead" . "Tago Mago" klingt roh und wild − genau das ist seine Stärke.
#14
Nina Hagen
Nina Hagen Band
1978 CBS
Ein Punk-Ersatz für "Brigitte"-Leserinnen muss nicht schlecht sein. Die kleine Nina von drüben, 23 und bemalt wie ein toter Zirkusclown, singt bis zum viergestrichenen Opern-C über Durcheinander-Sex, Lesben-Dates, Abtreibung und Frauenaufstand. Der Slapstick-Humor, mit dem sie die Themen angeht, macht den Unterschied: Wer diese Platte hört, will nicht diskutieren, sondern erst mal dem nächsten Macho in den Arsch treten.
#13
Kraftwerk
Computerwelt
1981 KlingKlang/EMI
Die bösen Rechner, die den Menschen in die Vereinsamung treiben, sehen heute ganz anders aus als auf dem Cover von "Computerwelt". Der oft bemühte Spruch, die Kraftwerk-Themen seien "heute noch so aktuell wie vor 30 Jahren", stimmt trotzdem: "Interpol und Deutsche Bank/ FBI und Scotland Yard/ Flensburg und das BKA/ Haben unsere Daten da."
#12
Udo Lindenberg
Alles klar auf der Andrea Doria
1973 Telefunken
Nach einer - abgebrochenen - Kellner-Lehre im Breidenbacher Hof zu Düsseldorf, einem halbherzig betriebenen Musikstudium sowie einem Muckerjob auf einer Airbase in Tripolis endeten Udo Lindenbergs Lehr- und Wanderjahre als juveniler Knallkopf 1968 in Onkel Pö's Carnegie Hall. Dem miefigen Laden am Eppendorfer Lehmweg - Geburtsort der so genannten "Szene Hamburg" - errichtet Lindenberg mit dem Song "Andrea Doria" ein Denkmal.
Das gleichnamige Album ändert dann auf einen Schlag alles. In Rekordzeit verkauft sich das Werk 70.000 Mal und knallt Lindenberg aus der heimeligen Eppendorfer Szene geradewegs auf die Titel von Zeitungen und Magazinen. Nicht zuletzt ist der Erfolg der ersten flächendeckenden Promotion-Kampagne eines deutschen Rock-Stars geschuldet: Von Dr.-Sommer-Beratungsstunden über Sitzungen am "Bild"-Telefon macht Lindenberg eine Zeitlang beinahe alles. Ungeachtet dessen ist "Alles klar auf der Andrea Doria" natürlich eine Sternstunde der deutschen Rockmusik. Lindenberg gelang es tatsächlich, das spielerische, doppeldeutige Element des Rock'n'Roll ins angeblich so holprige Deutsche zu übersetzen. Mit Verlierer- und Ausreißergeschichten wie "Nichts haut einen Seemann um" und "Er wollte nach London". Der Humor war frisch, die Texte treffgenau, hier stimmt's mal wirklich: zeitlos.
#11
Blumfeld
L'Etat et Moi
1994 ZickZack
"Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg", heißt es in "Verstärker". Ein klaustrophobischer Song, der zum Hit wurde, der es gar auf MTV in die Heavy Rotation schaffte, obwohl er mit einem Text daherkam, der keinerlei populistische Schlüsselreize aussandte, sondern sich vorwiegend um sich selbst drehte.
Plötzlich galt Rockmusik als intellektuell. Musikkritiker und Feuilletonisten, die sich in Jochen Distelmeyers Referenzhölle verliefen, wurden zu
Exegeten eines bis in die Details des Albumcovers anspielungsreichen Werks, was zuweilen zu verschwurbelten Apologien des sogenannten Diskursrock führte. Der zweite Longplayer von Blumfeld blickte nach innen und nach außen, in die Ich-Maschine wie ins Räderwerk des Politischen, die untrennbar miteinander verzahnt sind. "Krautrock psychobabble" nannte es der "New Musical Express", der das Album sogar in seine Liste der besten Platten des Jahres aufnahm. Verkopfte Rockmusik, so sexy, gefühlvoll und tanzbar wie nie, sagen wir.
#10
Kraftwerk
Trans Europa Express
1977 Capitol/EMI
Es ist kein Zufall, dass eins der Stücke "Franz Schubert" heißt: "Trans Europa Express" ist das romantischste Kraftwerk-Album. Die gleichnamigen Züge waren 1977 trotz ihres aerodynamischen Aussehens bereits veraltet und die Musiker sehen auf dem Cover aus wie Schauspieler der 50er-Jahre. Es ist ein verträumter Retro-Futurismus, der dem Album eine ganz eigene Note gibt. "Europa Endlos" und vor allem das Titelstück sind geprägt vom Klang und Rhythmus des TEE, die Landschaft fliegt vorbei und alles scheint so seltsam fern. Über "Spiegelsaal" und "Schaufensterpuppen" liegt eine eher statische, aber ebenfalls sonderbare Melancholie und Künstlichkeit. Als würden die Musiker von Kraftwerk aus der Zukunft zurückschauen auf sich und ihre Gegenwart.
#9
Kraftwerk
Autobahn
1974 Philips
Die A 555 zwischen Köln und Bonn taugt - anders als die Route 66 oder der Highway 61 - nicht als Topos einer On-The-Road-Romantik. Der Song "Autobahn", der mit seinen 22 Minuten die A-Seite des vierten Kraftwerk-Albums füllt, interpretiert die ewige Besessenheit der Popmusik mit dem Unterwegssein völlig neu. Die repetitive, monotone Synthesizersinfonie, die weder Heim- noch Fernweh kennt, ist eine Ode an die Gleichförmigkeit des Fahrens, eine Hymne auf das Eintönige, Ereignislose. Das unternehmungslustige "Fun, Fun, Fun" der Beach Boys hat sich in ein nüchternes "Fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn" verwandelt. "Autobahn" ist zwar alles andere als ein Konzeptalbum, die minimalistischen Stücke auf der B-Seite sind aber eher Beiwerk auf der Platte, die Kraftwerk schon nach kurzer Zeit den internationalen Durchbruch bescheren sollte.
#8
Einstürzende
Neubauten
1/2 Mensch
1985 What's So Funny About
Am Ende von "Der Tod ist ein Dandy", im Schwarm tieffliegender Metallplatten und atonaler Höllenlaute, kommt kieselsteinschmirgelnd Blixa Bargelds Ansage: "This was made to end all parties!" Ein After-Hour-Stück also - wo man bei der besten Neubauten-Platte doch sowieso den Eindruck hat, dass sie nicht etwa im Irrenhaus, sondern im stockschwarzen, puderbestäubten Nachtleben des Berliner Mittachtziger-Westens spielt.
Es gibt Tanz- und Trinklieder sowie mit "Seele brennt" ein Entzugsdrama, das beklemmender bömmelt als 50 karpatische Kirchenglocken. Aggressive Abreaktion und dichterischen Gestaltungswillen führte die bleiche Band hier zum ersten Mal so gekonnt zusammen, dass nach dieser Platte niemand mehr an ihrem Talent zweifeln konnte. Der Weg ins Abonnement-Theater war frei.
#7
Element Of Crime
Weißes Papier
1993 Polydor
Noch einmal führte Sven Regener mit fiebriger Stimme durch sein romantisches Universum aus Couplet und Zirkuslied, Heilsarmeekapelle und tschechischer Filmmusik, schmetternden Bläsern, schmierender Orgel, schneidenden Gitarren und schwelgendem Akkordeon. "Und ich frage dich nicht, wo du herkommst/ Du sagst mir nicht, wo wir sind/ Wir sitzen hier fest, was auch immer geschieht/ Verwirrt, träge und verliebt": Regener malt zerstörte Idyllen der Liebe und der Verwirrung, des Abschieds und der Sehnsucht.
"Nicht einmal das Meer darf ich wiedersehen/ Wo der Wind deine Haare vermisst/ Wo jede Welle ein Seufzer/ Und jedes Sandkorn ein Blick von dir ist/ Am liebsten wär ich ein Astronaut / Und flöge auf Sterne wo gar nichts vertraut und versaut ist durch eine Berührung von dir/ Ich werde nie mehr so rein und so dumm sein wie weißes Papier." Dieser letzte Walzer handelt vom Vergangenen, von Vergeblichkeit und illuminierten Momenten, und nur ganz selten schießt die Wirklichkeit des Jahres 1993 in die wunderbar patinierten Stücke. David Young produzierte "Weißes Papier" als herzzerreißenden Schwof in einem Ballsaal ewiger Melancholie. #6
Ideal
Ideal
1980 IC
"Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin": Annette Humpe war der engen Kleinstadt Herdecke entkommen und fand an der Spree die Freiheit. Schon die Neonbabies (mit Schwester Inga) waren gut, doch bei Ideal kam die phänomenale Eigenart von Eff Jott Krüger und überhaupt der ganzen Band hinzu. Die aufmüpfig-schnippische Art, die verdreht spinnenbeinige Gitarre, die stolpernden Rhythmen - all das ist unwiderstehlich, das Album insgesamt ein wichtiger Moment der deutschen Popmusik. Dem eingängigen Wave-Art-Punk von "Blaue Augen" und "Berlin" stehen urbane (und sehr lustige) Installationen wie "Telepathie" und "Hundsgemein" gegenüber, auch beim Wiederhören spürt man die Energie und den wilden Übermut.
Natürlich sagt die Platte vor allem: Wir können deutsch singen und trotzdem gut sein.
#5
Trio
Trio
1981 Mercury
Man kann nachvollziehen, warum die Gruppe Trio zeitlebens aus dem inneren Kreis der ersten Punk- und New-Wave-Generation ausgeschlossen blieb: drei Ex-Progressive-Rocker Mitte 30 in Zirkus- und Komödienlaune, deren reduziertes Auftreten eine reine Konzeptidee war, weder Not noch Statement. Das ganz und gar Erstaunliche ist, wie Sänger Remmler, Gitarrist Krawinkel und Schlagzeuger Behrens aus dieser ungünstigen Ausgangsposition heraus eine derart brillante, idiosynkratische Platte gelang. Beatles-Freund Klaus Voormann nahm das gut geprobte Revue-Programm live in einem umgebauten Schweinestall auf, eine Bastelarbeit aus Chuck-Berry- und Schweißband-Riffs, einer lebenden Beatbox, Schlagerphrasen und nachgesungenen Fetzen aus Telefongesprächen oder Sportreportagen: "Soviel Pelze ham mich etwas abgelenkt/ Bei so 'nem ernsten Thema/ Schwanzparade/ Warum sind keine Fotografen hier?"
Die Unschuld, mit der sich dieses Album seine ganz eigene ostfriesische Pop-Art erfand, ist noch heute verblüffend. Und natürlich bekamen die eher seriösen, wenig wilden Typen damals viel leichter Zugang zur "ZDF Hitparade", die echte Punks niemals eingeladen hätte. Der erste "Da Da Da"-Auftritt gehörte dann eben doch zum Verstörendsten, was das Saalpublikum dort je zu sehen bekommen hatte. Mission erfüllt.
#4
Ton Steine Scherben
Keine Macht für Niemand
1972 David Volksmund
Dieses Album ist mehr als nur Musik. "Keine Macht für Niemand" ist das verbindende Element zwischen den letzten Nachzüglern der 68er und dem Beginn der antiautoritären und grünen Bewegungen. Es ist das berühmte kämpferische A im Kreis, das hier den Kurs bestimmt, aber auch die Sensibilität von Rio Reiser, wenn er singt: "Komm' schlaf bei mir". Der "Rauch-Haus-Song" schallte damals aus vielen besetzten Jugendzentren, "Wir müssen hier raus" formulierte ein Unbehagen, das sich später im Punk Bahn brach. Überhaupt erinnern Ton Steine Scherben auf diesem Album sehr an Iggy & The Stooges: Junge Proleten, die sich austoben wollen, denen Staat und Gesellschaft aber immer wieder mit ihren Regeln, Ordnungen und Vorschriften dazwischen funken. Ton Steine Scherben waren die beste Rockband, die Deutschland hervorgebracht hat. Alle, die später kamen, haben von ihnen gelernt.
#3
Neu!
Neu!
1972 Brain
Was daran neu war? Oder ist? Erstmal, dass hier zwei Hippies ihre LSD-Träume und Klanginstallationen wie ein Krankenhauswaschmittel verpacken. Und dass dem Sound, den sie mit wenigen Instrumenten, Tape-Effekten und viel Abwarten kreierten, zwar alles Märchenhafte und Volkstümliche abgeht, er aber bis in die Frequenzspitzen lebendig und human ist. Beim Hören von "Neu!" kommt man sich ja oft vor, als habe man aus Versehen auf einen Entscheidungs-Button geklickt, sich auf ein wildes, anderes Level katapultiert: vom quäkenden Blues "Weissensee" zum tiefliegenden drone "Im Glück", mit Möwen und Wassergluckern. Vom Presslufthammer-Punk "Negativland" zum verhaltensauffälligen Gute-Nacht-Lied "Lieber Honig".
Die erste Platte der Kraftwerk-Aussteiger Klaus Dinger und Michael Rother wurde oft auf den Trommel-Hit "Hallogallo" reduziert, der damals sogar in Düsseldorfer Discos gelaufen sein soll. Die Bedeutung, die das Album für die kunstferne Musik-Avantgarde hat, geht allerdings viel weiter: "Musik für Kopf + Hose" schrieb Dinger neckisch ins Innencover, aber sie ist auch gut für vibrierende Bauchdecken, Bizepse und jede Art von Nackenhaar. Dass diese Platte Generationen von Musikern von Bowie bis Stereolab beeinflusst hat, braucht man kaum mehr zu erwähnen.
#2
Kraftwerk
Die Mensch-Maschine
1978 Kling Klang/EMI
"Das ist ein Gesamtwerk. Wenn jemand ein Kraftwerk-Album besitzt, wird er schnell merken, dass alle zusammengehören", erklärte Ralf Hütter vor zwei Jahren im Rolling Stone-Interview. Die Ergebnisse, zu denen unsere Jury gekommen ist, geben ihm einmal mehr recht.
"Die Mensch-Maschine", das beliebteste Stück aus dem Kanon, überzeugt bereits äußerlich mit einem an den russischen Konstruktivisten El Lissitzky angelehnten Cover, das seinerzeit die Bildsprache von New Wave definierte. "Das Model" ist ein Traum von einem Popsong, so kühl, elegant und verführerisch wie eins der Geschöpfe vom Laufsteg. "Neonlicht" und "Die Mensch-Maschine" wirken wie urbane Mantras, deren sanfte Monotonie neue musikalische Sphären eröffnet. Der zackige Funk von "Die Roboter" bringt den Albumtitel auf den Punkt und entstand beim Zusammenspiel der zwei Schlagzeuger Wolfgang Flür und Karl Bartos mit ihrem neuen Sequenzer. Die Idee, sich auf der Bühne durch Androiden-Alter-Egos vertreten zu lassen, entstand genau hier.
#1
Fehlfarben
Monarchie und Alltag
1980 Weltrekord/EMI
Keine Überraschung, dieses Ergebnis. Warum gewinnt immer "Monarchie und Alltag"? Weil die Platte so deprimierend und tiefsinnig ist und die Deutschen sich gern so sehen? Weil es bei uns insgesamt nur so wenig Musik gibt, die zwar fast jeder kennt, die aber trotzdem Underground-Nimbus hat?
"Monarchie und Alltag" wurde damals ja keineswegs als universell verständlicher Ruf zu den Waffen konzipiert - obwohl es gerade die naive Überheblichkeit ist, die wir an unseren frühen Punks immer so schätzen. Auch musikalisch ist die Platte eher ein Genrealbum, stark von der damaligen Joy-Division-Cure-Mode geprägt, mit klirrendem Echo und ohne jede verzerrte Gitarre. Obwohl Fehlfarben, die es bei den Kölner Sessions zur LP im Sommer 1980 ja erst ein gutes halbes Jahr in dieser Form gab, ursprünglich den deutschsprachigen Ska etablieren wollten.
Die elf Songs stecken voller Privatwitze, zeitgenössischer Slogans ("Die zweite Hälfte des Himmels könnt ihr haben" ist ein Feministinnenspruch) und Düsseldorfer Kiez-Beobachtungen. Wer hat gemerkt, dass der Songtitel "Gottseidank nicht in England" frei von den Dexys Midnight Runners zitiert ist? Und wer weiß, dass "Paul" in der Fehlfarben-Clique die Bezeichung dafür war, dass zwei Kumpels gemeinsam den Flipper bedienten, einer rechts, einer links? "Paul ist tot" heißt also: die Partnerschaft ist vorbei, die Wege trennen sich, die Nacht wird einsam.
Die paradoxe Hoffnung, man könne die Leere des Daseins, den Grauschleier der westdeutschen Immer-noch-Nachkriegslandschaft wenigstens im Erwachsenenalter leichter verdrängen, bewahrheitet sich nicht. Und "Monarchie und Alltag", gemeinsam vom 23-jährigen Peter Hein und vom 21-jährigen Thomas Schwebel geschrieben, schafft es tatsächlich, dieser eher weichen Position eine verdatternde Härte abzugewinnen, eine schamlose Klarheit, ein Hauptschlagadern-Pochen.
Ohne dabei das große Selbstmitleid zu überspielen, das aus jedem Krähen von Heins Stimme klingt. Die Nostalgie war schon groß genug, aus jungen Stürmern waren innerhalb von zwei, drei Jahren alte Männer geworden: "Wir tanzten bis zum Ende/ Zum Herzschlag der besten Musik/ Jeden Abend, jeden Tag/ Wir dachten schon, das wär der Sieg", singen sie, und die Schmach in diesen Worten versteht man auch dann, wenn man nie im Schlauch des Ratinger Hof festgesteckt hat.
Wie "Monarchie und Alltag" als erstes (und vielleicht einziges) Album des deutschen Post-Punk über die Codes dieser inneren Kreise hinausweist, ohne sich dabei zu zugänglich und ranschmeißerisch zu geben - das könnte auch noch ein Grund sein, warum die Platte heute noch gehört, geliebt und gecovert wird. Und 21 Jahre nach der Veröffentlichung, im Jahr 2001, doch noch die Goldene Schallplatte erreichte.
Dass die meisten Menschen aus dem Stand nur den allseits ungeliebten Singlehit "Ein Jahr (Es geht voran)" zitieren können, ist übrigens keine Schande. Das Stück hatte damals im Fehlfarben-Programm die Funktion des Anheizers am Konzertbeginn, und genau so hatten sie es im Studio benutzt, zum Warmspielen. Als Trailer und Lockstoff für diese ansonsten so strenge Platte erfüllt der Song nun auch seinen goldenen Zweck.
"Spacelabs fallen auf Inseln, Vergessen macht sich breit": So lustig kann die Apokalypse klingen, auch in deutschen Industriegebieten.
Alle genannten CDs sind auf amazon.de/rollingstone50 erhältlich.
Wir verlosen zu jedem Online-Feature in Zusammenarbeit mit amazon.de ein Überraschungspaket bestehend aus 8 CDs aus dieser Liste. Die Antwort zu Teil 1 war übrigens "Susi Müller" und zu Teil 2 "Froon".
Wer mitmachen will, der beantworte unten stehende Frage und schicke eine Mail mit dem Stichwort "Die 50 besten Alben - Teil III" an verlosung@rollingstone.de. Bitte die Postadresse angeben:
Die Fehlfarben wurden aus der Punkszene auch musikalisch angegriffen, weil sie Monarchie und Alltag auf bei EMI veröffentlichten. In einem Lied wurden sie als "Fehl-Musik" tituliert. Wie hieß die Band, die diese Bezeichnung in einem ihrer Songs unterbrachte?
Die Jurymitglieder:
René Arbeithuber (Musiker, Slut), Andreas "Bär" Läsker,(Manager, Die Fantastischen Vier) Blixa Bargeld (Musiker, Einstürzende Neubauten), Edgar Berger (CEO Sony Music Germany), Maik Brüggemeyer (Rolling Stone), Christoph Dallach (Redakteur, "Kulturspiegel"), Max Dax (Chefredakteur, "Spex"), Jan Delay (Musiker), Bernd Dopp (Chairman & CEO Warner Music Central & Eastern Europe), Willy Ehmann (Music Man, Sony), Christof Ellinghaus (Labelbetreiber, City Slang), Caroline Frey (Chefredakteurin, "unclesally's"), Birgit Fuß (Rolling Stone), Max Gösche (Rolling Stone), Beat Gottwald (Manager, K.I.Z. u. a.), Thomas Groß (Journalist, "Die Zeit"), Torsten Groß (Rolling Stone), Anne Haffmanns (Label-Manager, Mute/Domino), Olaf Heine (Fotograf), Joachim Hentschel (Rolling Stone), Birgit Heuzeroth (Label-Manager, Beggars Group), Alfred Hilsberg (Labelchef, What's So Funny About), Klaus Kalaß (Rolling Stone), Schorsch Kamerun (Musiker, Autor, Theaterregisseur), Andrian Kreye (Redakteur, "Süddeutsche Zeitung"), Albert Koch (Redakteur, "Musikexpress"), Daniel Koch (Rolling Stone), Eric Landmann (Manager, Beatsteaks u. a.), Udo Lange (Musikmanager), Daniel Lieberberg, (Label Head Rock/Urban, Universal Music Domestic), Tom Liwa (Musiker, Flowerpornoes), Anna Loos (Schauspielerin und Musikerin), Mark Löscher (Head of Four Music & Columbia), Marteria (Musiker), Maxim (Musiker, K.I.Z.), Mathias Modica (Musiker, Munk), Uli Mücke (Head of New Music, EMI Germany), Wolfgang Niedecken (Musiker, BAP), Patrick Orth (Manager, Die Toten Hosen), Eric Pfeil (Journalist, u.a. "FAZ"), Dennis Plauk (Chefredakteur, "Visions), Jan Plewka (Musiker, Selig), Peter Radszuhn (Musikchef, Radio Eins), Tobias Rapp (Redakteur, "Der Spiegel"), Stephan Rath (Manager, Tocotronic), Stefan Reichmann (Labelbetreiber und Konzertveranstalter, Haldern Pop), Tim Renner (Unternehmer, Motor), Kiki Ressler (Konzertveranstalter, KKT), Michael Rother (Musiker, Neu!), Norbert Schiegl (Redaktiosleiter, "Musikwoche"), Jörn Schlüter (Rolling Stone), Ruben Jonas Schnell (Journalist, "Byte FM"), Thorsten Seif (Geschäftsführer, Buback), Berthold Seliger (Konzertveranstalter), Frank Spilker (Musiker, Die Sterne), Carsten Stricker (PR-Fachmann), Stefan Struever (A&R-Manager, PIAS), Arnim Teutoburg Weiss (Musiker, Beatsteaks), Peter Urban (Journalist, NDR), Stephan Velten (Promoter), Uwe Viehmann (Freiberuflicher Missionar), Stefan Vogelmann (Managing-Director, Broken Silence), Linus Volkmann (Redakteur, "Intro"), Benjamin von Stuckrad-Barre (Journalist und Autor), Klaus Walter (Journalist und Radiomoderator), Richard Weize (Labelbetreiber, Bear Family), Klemens Wiese (Konzertveranstalter, DEAG), Jan Wigger (Journalist, u. a. "Spiegel Online"), Arne Willander (Rolling Stone), Jürgen Ziemer (Rolling Stone).
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