Mit Glasvegas stellen wir die Band der Stunde vor. Außerdem zeigen wir, wie sich aus existenzieller Bedrohung musikalische Zuversicht schöpfen lässt - und machen Sie nebenbei mit der Lieblingsband von Paul Weller bekannt.
Dass Schicksal des ewigen Sohnes im kreativen Schatten seiner prominenten Eltern hat Teddy Thompson jüngst in einem Interview mit dem britischen Magazin "Uncut" sehr schön beschrieben: Wohl jeder durchlaufe eine ödipale Phase, inzwischen ginge es ihm aber nicht mehr darum, seinen Vater Richard zu übertrumpfen. Er profitiere von der Folk-Tradition seiner Eltern und genieße es, mit ihnen gemeinsam Musik zu machen. Stilistisch eher der Mitte der Straße zugewandt, gelingt Thompson unter diesen Vorzeichen mit "A Piece Of What You Need" nun endlich die ersehnte Emanzipation. Kommen ihm doch einmal Zweifel, singt er diese weg: "And the voices in my head are loud/ Saying this'll never work, get out/ I don't wanna hear it!", heißt es in der Bridge von "What's This?!" So geht's auch.
Nachdem Alan McGee verkündete, sie seien die beste schottische Band seit The Jesus And Mary Chain, konnten sich Glasvegas vor Anfragen kaum noch retten. Im September erschien - nach einer Reihe famoser Singles - in Großbritannien das selbstbetitelte Debüt-Album (hier: Ende Januar) - und landete auf Anhieb in oberen Chart-Regionen. Ein gelungenes Beispiel für die Arbeitsweise des Glasvegas-Songschreibers James Allan ist nun "Geraldine": Stellen Sie sich eine weniger misanthropische Version von Joy Division vor, die mit Sinn fürs große Drama den Schmalz der Fünfziger in eine irrlichtern gleißende Wall of Sound gießt. Der Rest ist weißes Rauschen.
Einst stand der dänische Songschreiber Lukas Sherfey der Band The Movement vor, nun ist vom Modinfizierten Ska jener Formation nur noch der Name übrig geblieben - Sherfey betreibt mit The Movement Records ein eigenes Label, auf dem in diesen Tagen sein Solo-Debüt "Soul Vacation" erscheint. Überwiegend Stomper im Stile des frühen Elvis Costello hat er dort versammelt, wie auch "Spend My Days". Nicht nur hier gelingt es Sherfey, Konsumkritik in höchst infektiöse Hooks zu kleiden: "Spend my days on shopping/ Spend my life on nothing." A modernist!
Lieblinge britischer Säulenheiliger, Part zwei: "Some fucking smashing tunes" hörte Paul Weller bei der holländischen Band Moke. Kurzerhand lud der Modfather zuerst nach London und anschließend auf eine gemeinsame Europa-Tournee. Stilistisch passt's: Mit an Richard Ashcroft geschulter Stimme und der sämigen Pop-Affinität der mittleren The Sound (jedoch ohne deren Jen-seitigkeit) verarbeitet der irische Sänger Felix Maginn in Songs wie unserem "New Noises"-Track "Bygone" seine Kindheit im katholischen Teil des bürgerkriegsgebeutelten Belfast. Als junger Kerl stand er schon im Sinn Féin-Rekrutierungsbüro, da mahnte die Mutter den fehlenden Schulabschluss an. Heute dankt er es ihr.
Nach 396 anderen Projekten kommt Devendra Banhart nun mit Greg Rogove von Priestbird und der gemeinsamen Band Megapuss daher. Am Schlagzeug: der parallel mit Little Joy reüssierende Fab Moretti, dem die Strokes-Pause offenbar etwas arg lang wird. Im Zentrum aber die Hippies und ihre Schrullen: Megapeace! Nackte Männer, die mit wehenden Schwänzen einen Vogelschwarm begleiten" - wir müssen die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass dieser Mann nicht alle Latten am Zaun hat. Natürlich ist die zwischen klassischem Songwriting und kruder Experimentalität changierende Musik gut. "Adam & Steve" erinnert an die Doors und Santana, nimmt sich aber weniger ernst.
"Den ganzen Weg (Passion)" ist Danny Dziuk mit seiner Band Dziuks Küche und dem neuen Album "Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers" hoffentlich noch nicht gegangen. Denn von einem Mann, der Zeilen schreibt wie "Sie geht den ganzen Weg, den vertikalen/ Kein Reihenhaus abzubezahlen", wollen wir uns immer wieder das Leben erklären lassen. Auch sonst erweist sich Dziuk erneut als genialer Liedschreiber mit Blick für Details und vor allem: ohne die penetrante Eitelkeit vieler Kollegen.
Hierzulande noch weitgehend unbekannt (und leider albumlos, dauert aber nicht mehr lange) ist die israelische Band Asaf Avidan & The Mojos. Die Herkunft könnten wir erneut zum Anlass nehmen, von den besonderen Bedingungen zu berichten, denen die Entstehung von Kunst in konfliktreichen Regionen unterworfen ist. Zumal der von Avidan sanft gepickte "Reckoning Song" mit folgenden Zeilen eingeleitet wird: "No more tears, my heart is dry/ I don't laugh and I don't cry." Allein: Es geht um ein Mädchen. Ohnehin sei die Bedrohung zwar omnipräsent, wie Avidan sagt, aber keineswegs lebensbestimmend. Es werde bei der verbreiteten Sichtweise auf Israel vergessen, dass etwa Tel Aviv eine vitale Stadt mit überbordendem Nachtleben sei - nur eine Inspiration für die Musik des Songschreibers.
Vielleicht haben sie schon gehört von Congregation, zwei jungen Briten, die sich auf Son House und Skip James ebenso berufen wie auf Loretta Lynn. Wenn nicht: Bitte nicht gleich weiterskippen, weil ihnen die Kombination aus den Wörtern "Duo", "gemischtgeschlechtlich" und "Blues" in Verbindung mit relativer Jugend zu den Ohren raushängt. Natürlich hatte die von den White Stripes ausgelöste Welle entsprechender Formationen irgendwann etwas Penetrantes. Victoria Yeulet und Benjamin Prosser indes etablieren etwa mit "Feel Like Cryin'" eine scheppernde und stampfende Blues-Variante, die nicht nach Hipness schielt, sondern barmt, wimmert, fleht.
HipHop auf den "New Noises"? HipHop auf den "New Noises"! Zumindest als Basis eines Projekts, das der unter dem Moniker Squeak E. Clean agierende Remixer und Produzent Sam Spiegel zusammen mit dem brasilianischen Profi-Skateboarder und DJ Ze Gonza-les aka DJ Zegon fünf lange Jahre vor-bereitet hat: N.A.S.A. (North America/South America) - eine genreübergreifende Kollaboration unterschiedlichster Künstler mit David Byrne, Karen O, Chuck D. und anderen. Unser "New Noises"-Track "Spacious Thoughts" weist deutlich zappaeske Züge auf und lebt vor allem vom Gegensatz aus den typischen Manierismen des hier beteiligten Tom Waits und den skills von Rap-Altmeister Cool Keith. |