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New Noises Vol. 95
New Noises Vol. 95

Der These, es gäbe kaum gute Frauen im Pop, halten wir in diesem Monat tolle Songs von Simone White, Gemma Ray, Miss Li und Cortney Tidwell entgegen

Damon Albarn galt ja stets als Genie und sein verhuschter Sidekick als nerdiger Fall für Indie-Bescheidwisser. Zuletzt interessierten sich "die Medien" mehr für Graham Coxons Alkoholprobleme als für seine, nun ja: nerdigen (aber tollen!) Indie-Bescheidwisserplatten. Nun ist der verlorene Sohn heimgekehrt. Er hat das Trinken aufgegeben und zusammen mit Stephen Street dem letzten Doherty-Album Struktur verliehen. Mit Street gelang ihm jetzt auch sein bislang bestes Werk jenseits von Blur. Deren Kinks-infizierter Pop bildet zwar die Basis von Graham Coxon-Songs wie "Dead Bees". Darüber hinaus lässt der Gitarrist jedoch Dylan und Nick Drake anklingen, vermählt Pop mit Folk. Bezwingend.

Dass die unter dem Moniker Miss Li agierende Schwedin Linda Carlsson in Stalker-Manier den Männern nachstellt, mag man kaum glauben. "I'm gonna hang outside your door/ And I'm gonna beg you for some more" singt sie in "True Love Stalker" - kokett und natürlich ironisch konnotiert. Dazu schweben die Streicher, verführt die Klarinette, entfaltet sich die ganze Pop-Intelligenz dieser anmutig kieksenden Frau, die Jazz und Blues ebenso beherrscht, wie sie bei jungen Indie-Hörern beliebt ist.

Die Kalauer mit dem Bandnamen sind erzählt, wir können uns der Musik zuwenden. Zuletzt fehlten bei Portugal. The Man memorable Melodien. Nun aber erinnern diese neuzeitlichen Hippies in "The Sun" wieder aufs Schönste an die längst vergessenen Mother Love Bone. Für "The Satanic Satanist" arbeitete das Trio aus Oregon erstmals mit einem ordentlichen Produzenten. Und da sie natürlich wissen, dass man ihren somnambulen Elfen-Pop altmodisch finden kann, fügten sie Loops und Samples hinzu. Uns egal. Hauptsache John Gourley Baldwin heult auch weiterhin so toll den Mond an.

Ein sogenanntes Konzeptalbum, indes verbietet sich der ironische Blick aus Pietätsgründen: 2007 verstarb mit Evan Farrell der Bassist von Magnolia Electric Co. - unter tragischen Umständen bei einem Wohnungsbrand. Freilich assistierte Farrell Jason Molinas Truppe erst seit kurzer Zeit und nur bei Tourneen. Es bleibt also rätselhaft, warum das neue Album "Josephine" ein Versuch ein soll, "die Hoffnungen, die Evan für das Werk hatte, zu verwirklichen", wie Molina erklärt. Als ob der Solitär jemals einen Vorwand gebraucht hätte, um von der Einsamkeit zu singen! Jenseits inhaltlicher Klammern kündet nun "Oh Grace" einmal mehr von der herrlichen Entrücktheit, die Molinas Americana stets beseelt - und rehabilitiert nebenbei das Saxofon als ultimativen Trostspender.

Mehr Reduktion bedeutet: totale Stille. "Yakiimo", das dritte Album der  fabelhaften Simone White, ist abermals ein ökonomisch vorbildliches Lehrstück in Sachen Reduktion. Es braucht nicht viel mehr als eine windschiefe Violine, eine bedächtig gezupfte Gitarre sowie ein minimal angedeutetes Schlagzeug, um etwa "Victoria Anne" zum Leuchten zu bringen. Falls Ihnen in dieser Aufzählung etwas fehlt, keine Angst: Wir wollen keineswegs Whites zauberhaft hauchende Stimme vergessen, um die sich natürlich alles dreht. Eigentlich murmelt die Sängerin ihre oftmals unverständlichen Zeilen ja mehr, als dass sie sie singt, beinahe ist es eine Art Folk-Rap. Aber was für ein beschwörend-meditativer!

Es ist eine für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Biografie, der die Musik des Münsteraner Songschreibers Robin Tom Rink ihr ergreifendes Moment verdankt. Der Mann war Postbote, Junkie, hat vieles versucht - und wenig zuende gebracht. Und auch wenn Authentizität im Pop als Inspirationsquelle überschätzt wird, sind sie doch in diesen Liedern zu hören, die Kämpfe des Robin Tom Rink. Dessen Debüt "The Dilettante" bezieht seine unaufdringlich betörende Wirkung aus einer schwer zu beschreibenden Mischung aus Kapitulation und Aufbegehren. "It's already winter, and it hasn't been that cold/ I'm waiting for a morning, for the sun to warm my bones" heißt es in "Dangling Man - A Morning". Hier reift großes Talent.

Man kennt Frauen, die sich in der - platonischen - Gesellschaft von Männern wohler fühlen als in der von anderen Frauen. Eine solche ist wohl auch Cortney Tidwell. All ihre popkulturellen Einflüsse stammten im Wesentlichen von Männern, so die Künstlerin, weshalb sie ihr zweites Album auch "Boys" genannt habe - also eine Art Hommage. Und natürlich war es eine Männerwelt, in der sie aufwuchs, die Country-Szene von Nashville nämlich. Mit Musikern aus dem Lambchop-Umfeld nahm Tidwell nun Musik auf, die sich niemals auf einen Stil festlegt. Mal duettiert sie mit Jim James von My Morning Jacket, dann wieder steigert sie sich in eruptive Ausbrüche oder lässt New-Wave-Zitate anklingen. Im Prinzip ist Songs wie "So We Sing" nur eins gemeinsam: ein Gespür für unverbrauchte Melodien.


Vor nicht allzu langer Zeit hätten wir noch geschrieben: New Weird Americana. Jetzt sagt die Info der Plattenfirma "Global psychedelic folk rock music" - und wir fühlen uns angenehm an Damon Albarns' The Good, The Bad & The Queen erinnert. Die gleiche meditative Entrücktheit sowie ähnliche Quellen: Highlife, Jazz und Afrobeat ebenso wie Krautrock und natürlich Folk. Akron/Family, ein vollbärtiges Trio aus Pennsylvania, pflegen zudem eine Vorliebe für Beach Boys-Harmonien, die hier jedoch klingen wie zu langsam abgespielt. Kiffen wohl zu viel.

Nachdem wir den Kiffer- und den Weird-Folk-Witz schon gemacht haben, bleiben kaum noch Waldschrat-Klischees übrig. Aber Grizzly Bear haben ja auch nicht einmal Bärte, sondern sehen ziemlich fesch aus. Kommen schließlich aus Brooklyn, haben aber in den Catskill Mountains aufgenommen. Ups, doch wieder ein Waldschrat-Klischee. Aber lassen wir das: Ohne den Verweis auf Brian Wilson kommt man auch hier nicht aus, doch ist derart eigenständige, bezaubernde Musik selten geworden in diesen Tagen. Hören Sie "Cheerleader" - und staunen Sie.

Die Düsternis jener mysteriösen Krankheit, unter der die britische Songschreiberin Gemma Ray leidet, hatte ihr Debüt bis in den letzten Winkel mit Verzweiflung gefüllt. Nun umarmt Ray in "100 Mph (In 2nd Gear" plötzlich das Leben mit betörendem Pop der Lee-Hazlewood-Schule. Klingt freilich eher nach top- als nach 2nd gear. Nur wenig hat uns zuletzt so verzaubert schwärmen lassen!

 
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