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David Bowie The Next Day

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Die Vermarktung von Popmusik funktioniert im Jahr 2013 nach den Gesetzen der US-Unterhaltungsindustrie. Gerade bei Welt- und Altstars versucht ein streng organisierter PR-Apparat alles zu kontrollieren, was mit der Veröffentlichung des Opus Magnum zu tun hat. Kritiker sind in diesem Kontext eher die lästigen Nerver, die es so lange wie möglich in Schach zu halten gilt. Die Paranoia davor, dass Stücke bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin nach Piraten-Manier im Netz auftauchen, macht ein sorgfältiges Arbeiten nahezu unmöglich. Die rigiden Sitten, die Til Schweiger etwa bei seinen überaus erfolgreichen Witzfilmchen eingeführt hat, entsprechen dabei durchaus einer Tendenz im internationalen Showbiz. Das Prinzip lautet: Alles supergut, ne!? Bewertungen sollten, wenn überhaupt, freundlich-nett bis bussi, bussi sein. Auseinandersetzung ist dagegen weniger gefragt.

Nun liegt es mir fern, den dauerbeleidigten deutschen Filmemacher Schweiger mit David Bowie vergleichen zu wollen. Doch auch die Albumveröffentlichung von „The Next Day“ am 8. März steht unter strenger Kontrolle. Das einmalige Durchhören des Albums erfolgt in einem Konferenzraum der Plattenfirma. Es gibt weder Hintergrund-Informationen, noch will sich der Meister zu seinem Werk äußern. Im Kollegenkreis wird gemunkelt, ob vielleicht die „New York Times“ doch ein Interview bekommen hat. Oder „Vanity Fair“? Der „Spiegel“ jedenfalls nicht!

Wenn man sich wiederum den immensen Wirbel vergegenwärtigt, den allein die erste Auskopplung und das Video zu „Where are we now?“ verursacht hat, muss man im Sinne des zurück gezogen in New York lebenden Mr. Bowie konstatieren: Geht doch auch ohne Erklärungen! Die Medienmeute kuscht – und steht Gewehr bei Fuß. Eine frühere Deutschland-Korrespondentin der britischen Tageszeitung „Guardian“ analysierte etwa akribisch jede prägnante Berlin-Sequenz seines melancholischen Retro-Hits. Bei Bowies letztem Album vor zehn Jahren existierte diese Götzenverehrung noch nicht. Das Ganze ist wohl ein Zeichen der grassierenden Kanonisierung der alternden Popmusik. Wer will schon was gegen Bowie sagen? Bei all dem, was der Mann die Jahrzehnte hinweg geleistet hat. Die Bowie-Ausstellung im Londoner Victoria-&-Albert-Museum startet am 25. März 2013.

Alles das ist wichtig, wenn es zum eigentlichen Thema kommt. Eigentlich soll es ja um Musik gehen. Doch diese wird immer unwichtiger, und schon nur schwer lässt sich diese von den heutzutage gepflegten Produktions- und Veröffentlichungsbedingungen abkoppeln. „Clamour was part of the problem“, diagnostizierte Alexis Petridis in seiner umfangeichen Bowie-Kritik im „Guardian“. Will sagen: Das ganze Bowie-70er-80er-90er-Buhei lässt seine heutige Musik verblassen.

Nüchtern betrachtet lässt sich nach einmaligem Abhören am Konferenztisch in einem Berliner Hinterhof-Büro sagen: „Where are we now?“ ist der prägnanteste Song. Die restlichen 13 Stücke des regulären Albums (die Schmuckausgabe hat drei Bonustracks mehr) sind düster bis selbstreferenziell. Es gibt gespenstisch-stockdunkle Tracks („Love is Lost“) und bowieesken Rockabilly mit einem schmissigen Refrain bei „The Next Day“. Die „Scary Monsters“ lassen schön grüßen. 

Es gibt ja diesen schönen Begriff „Eigenblutdoping“ aus der Welt der Sportmedizin. Vorher abgezapftes Blut, das unter Bedingungen des Höhentrainings mit mehr Sauerstoff transportierenden roten Blutkörperchen ausgestattet ist, wird zurück in den Athletenkörper injiziert. Kraftzufluss aus besseren Zeiten sozusagen.

Eine Technik, der sich auch der 66jährige David Bowie bei seinem künstlerischen Spät-Comeback bedient hat. Die Lieder seines 24. Albums ziehen ihre Energie aus dem reichhaltigen Oeuvre vergangener Epochen. Auf diese Weise lässt sich „The Next Day“ hören wie eine Quizshow: Auf welches Album verweist „The Stars (Are Out Tonight)“? In welchem Track ist unweigerlich „Suffragette City“ von 1972 herauszuhören? Die Platte, sie ist ein bunt schillernder Bowie-Setzkasten, die zum Abschluss in dräuender Endzeitstimmung schwelgt: „And I tell myself, I don’t know I am“. Künstlerische Verwirrung als vorläufiger Endpunkt einer großen Karriere.

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