Unsere 20 Lieblingsalben der 80er: „Remain in Light“


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Das Album beginnt mit einem Schrei und einem unerhörten polyrhythmischen Geklöppel, Gezupfe und Geschlage, durch das sich der Sänger wie ein Fernsehprediger kämpft und bei dem ein wundervoll melodischer Chor sein Lamento konterkariert. Aber was singt er da? Der Prediger berichtet von dem konformistischen Trott, der ihn gefangen hält, der Chor singt „and the beat goes on“, was der ja auch tut, unablässig, hypernervös, weltenverbindend – bis ich Jahre später feststellte, dass nicht der „beat“ sondern „the heat“ gemeint war, aber okay, das Album macht ja auch keine Pause, sondern geht gleich weiter mit „Crosseyed And Painless“, mit dem Funk, den Kuhglocken und Marimbas, dem Samba-Karneval, den fünf gelayerten Bässen und David Byrnes hüftsteifem Sprechgesang, bis uns dann die rollenden Conga-Rhythmen und Stakkato-Gitarren von „The Great Curve“ endgültig auf die verdutzte Tanzfläche treiben. „The world moves on a woman’s hips“, singt der Chor. Ja, verdammt!


Das Song-Triptychon, das die erste Seite des Albums füllt, bleibt unerreicht, in seiner intensiven Energetik vergleichbar höchstens mit der ersten Plattenseite von „Station To Station“. Überhaupt, was war das? Eine Art intellektueller Funk mit kurzhaariger Bassistin, Funkadelic in Weiß, eine komplette Abkehr von traditionellen Rock’n’Roll-Songstrukturen, ein Album, Anfang 1980 in den Compass-Point-Studios auf den Bahamas eingespielt, das einen gewaltigen Bogen von expressiv zu depressiv spannte, von hektisch zu transzendental. Ein Jahr zuvor hatten die Talking Heads, bleiche Außenseiter der Ur-Post-Punk-Szene des New Yorker CBGB, mit „Fear Of Music“ eine in ihrer depressiven Tonlage nur mit Joy Divisions Debüt vergleichbare Platte aufgenommen, deren Eröffnungssong, das lautmalende „I Zimbra“, den Grundgedanken für „Remain In Light“ lieferte. Ihr Produzent, Brian Eno, hatte in David Byrne einen Bewunderer gefunden, mit dem er afrikanische und arabische Field Recordings zu Tracks zusammenbastelte, dessen Band er endlos viele Rhythmus-Jams einspielen ließ, Rohmaterial für die späteren Songs (teilweise auf der Deluxe-Edition von 2005 dokumentiert). „Nach drei Monaten im Studio zogen sich Brian und David sogar gleich an“, ätzte Tina Weymouth später. „Remain In Light“ war ein Triumph, der seine Schöpfer zerstörte – der New-Wave-Historiker Simon Reynolds spricht von einer „avantgardistischen Erschöpfung“. Die Band zerbrach, Eno musste gehen, und die Talking Heads wurden drei Jahre später als erfolgreiche Mainstream-Band wiedergeboren.


„Once In A Lifetime“ eröffnet die zweite Seite des Ausnahmealbums. Darin fragt der Zivilisationsneurotiker, wie er es eigentlich zu seinem Wohlstand und der schönen Frau gebracht hat. „Er ist nicht traurig, nicht gequält“, sagt Byrne später einmal, „nur verblüfft.“ Das Album endet in kompletter Düsternis. „The center is missing“, singt Byrne. Und es ist dieser Erzählton, der „Remain In Light“ bei all seiner für die 80er-Jahre wegweisenden Diversität, Funkiness und Polyrhythmik, bei all seiner Grundlagenforschung für DJ-Musiken von House bis Drum’n’Bass, der die Talking Heads weit über ihre Zeit hinausträgt.

 

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