Unsere 20 Lieblingsalben der 80er: „Duck Rock“


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Wie so oft bei volkstümlichen Erzählungen gibt es auch die folgende in verschiedenen Varianten, die sich gegenseitig ein wenig widersprechen. Zum Beispiel: Als Malcolm McLaren, impulsiver Londoner Pop-Mephisto, Fetischmode-Entrepreneur sowie Punk-Miterfinder und -Nutznießer, Anfang der Achtziger mit seiner Schützlingsband Bow Wow Wow nach New York reist, spaziert er eines Nachmittags durch Harlem. Plötzlich sieht er an einer Ecke einen riesengroßen schwarzen Mann stehen, mit dem Logo der Sex Pistols auf seinem T-Shirt – der Rockband, die McLaren zwar weltberühmt gemacht hat, die aber weder sonderlich gut in den Kulturkreis Harlem noch auf die Brust dieses Stylers zu passen scheint.

Man kommt ins Gespräch. Der Unbekannte lädt den Impresario auf eine Blockparty in der South Bronx ein. Es soll McLarens erste Berührung mit dem damals noch jungen Phänomen HipHop werden. Und natürlich nennt der Mann seinen Namen: Lance Taylor, genannt Afrika Bambaataa.

Ob die Begegnung wirklich so abgelaufen ist, weiß keiner, aber sie stellt ein herrliches Exempel für die Subkultur-Situation zu Beginn des Jahrzehnts dar: Die unterschiedlichen, sprichwörtlichen Sounds der Straße begegnen sich ebenda, auf den Straßen – und schließen so mitunter auch die komplett unwahrscheinlichen Allianzen, von denen dieses Album zeugt. „Duck Rock“ ist eine Wundertüte, eine Assoziationskette wie aus dem Candy-Automaten, eine irre Reise einmal quer über die Skala des Weltempfängers, bei der Malcolm McLaren vor allem als Kurator fungiert, als Master of Ceremony. Produzent Trevor Horn trägt künstlerisch ähnlich viel bei wie die zahlreichen Musikschaffenden, die hier via Sample oder Performance dabei sind, und Keith Haring als Cover-Illustrator. Für Januar 1983 ist das ein völlig neues, visionäres Popkonzept.

Das nicht zu sehr darunter leidet, dass die dahinterliegende, wilde Logik heute kaum mehr nachzuvollziehen ist. McLaren reiht kubanische Trommelmusik an Hillbilly-Americana, bringt uns als Tanzlehrer den kolumbianischen Sanjuanera bei, lässt Rap-Radio-DJs Stücke anmoderieren, in denen südafrikanische Zulu-Frauen Hymnen an New Yorker Seilspringerinnen- Teams singen. „Buffalo Gals“ wird der größte Hit und erreicht selbst in Deutschland die Top 20, eine von Breakdance-Funk und neandertalischem Scratching getragene Adaption eines Wildwestschlagers, der bestimmte Schrittregeln des Squaredance beschreibt, die McLaren als Paarungsritual interpretiert. Ein Versuch, die Tradition durch die Augen des Exotismus zu betrachten – und umgekehrt.

Heute wäre ein Album wie „Duck Rock“ kaum denkbar, weil sich niemand mehr so sorglos dem Vorwurf der vielfachen kulturellen Aneignung aussetzen würde. Dass McLaren und Horn hier in der Tat fahrlässig bis egoman agieren, sich teils auch bei afrikanischen Originalen als Komponisten eintragen lassen, wirft ein wenig Zwielicht auf ein Album, das ansonsten auf eine Weise mit Weitsicht und emotionalem Instinkt vermeintliche Grenzen ignoriert, an der man sich immer noch ein Beispiel nehmen kann.

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