Alien, Marx & Co.: Mit Vollgas ins Unbewusste


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Leuten beim Denken zuzuschauen, ist normalerweise eine öde Angelegenheit. Wie die berühmte Skulptur von Rodin sitzt zumeist jemand stumm da, das Kinn auf die Hand gestützt, während sich die wahre Arbeit im Kopf abspielt. Ganz anders sieht das bei Slavoj Zizek aus. Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker fuchtelt beim Denken mit den Armen, zupft am Hemd, steht niemals still, kommt schwitzend von der Bahn ab, erreicht am Ende aber doch sein Ziel. Dass er nie um eine provokante These verlegen ist, beweist das filmische Porträt von Susan Chales de Beaulieu und Jean-Baptiste Farkas, „Alien, Marx & Co.“ (Filmedition Suhrkamp, 16,99 Euro), das nun auf DVD erschienen ist, gleich zu Beginn: „Es tut einer Kultur gut, wenn alte Bücher von Zeit zu Zeit verbrennen. Es gibt der Kreativität einen Schub“, behauptet das psychoanalytisch geschulte Enfant terrible.

In einem Land, das sich mit Schaudern an die sogenannte „Aktion wider den undeutschen Geist“ erinnert, die sich 1933 in öffentlichen Bücherverbrennungen manifestierte, könnte ein derartiges Statement rasch Applaus von der falschen Seite ernten. Dabei ist Zizek, 1949 in Ljubljana geboren, eigentlich ein bekennender Linker, ein marxistisch geprägter Intellektueller, der unverdrossen die Utopie des Sozialismus propagiert. Sie scheint ihm weiterhin notwendig, leben wir doch seiner Ansicht nach nicht im Paradies des liberalen Kapitalismus, sondern in gefährlichen Zeiten, in Zeiten des Übergangs, eines verfälschten Realismus. „Mit anderen Worten: Wir stecken tief in der Scheiße.“

Apropos. Wer sich von Zizek leiten lässt, wird bald auch die regional unterschiedlichen Bau- und Funktionsweisen von Toiletten mit den daraus ableitbaren herrschenden Ideologien kurzschließen können. Sie sind jedoch auch in den Ausscheidungen des Hollywood-Kinos zu entdecken. Pointiert deutet Zizek etwa die Obszönität von Robert Wises „The Sound Of Music“; er vergleicht einzelne Szenen von „Alien“ und „Fight Club“ miteinander und erklärt, warum ihm David Lynch als Filmemacher heutiger Ideologiekritik gilt. Seine inspirierende Methode der Filmanalyse hatte er bereits in dem ebenso klugen wie unterhaltsamen Filmessay „The Pervert’s Guide to Cinema“ erprobt. In „Alien, Marx & Co.“ allerdings geht es eher um eine generelle Einführung in Zizeks Art des Denkens, die zahlreiche Phänomene berührt. Ganz nebenbei spricht er etwa über die Definition von Politik, über den „Fetisch Demokratie“, über sein eigenes „materialistisches Schreiben“ oder über den Wandel des Wesens der Autorität. Angeregt wird er zwischenzeitlich durch Wortmeldungen seiner langjährigen Weggefährten Alain Badiou und Jacques Rancière.

Seine assoziativen Gedankengänge führen unterdessen immer wieder zu überraschenden Ergebnissen. Meist gelingt es Zizek sogar, seine komplexen Theorien in leicht verständliche und anschauliche Analogien zu überführen. An einem kohärenten philosophischen System der Weltdeutung ist ihm hingegen nicht gelegen, wie Jens-Christian Rabe im Booklet schreibt. Er macht sich vielmehr stark für die Kraft des Verstandes, selbst das Triviale und Irreale noch in seine Bestandteile zerlegen zu können, um seinen unbewussten Kern zu entlarven. Ihm dabei zuzuschauen und zuzuhören, ist ein Genuss. Denn seine Unruhe stiftende Formulierungskunst, die sich sowohl an der Populärkultur als auch an Hegel abarbeitet, ist brillant und in ihrer Zuspitzung äußerst telegen.

Alexander Müller

Erschienen in der Filmedition Suhrkamp. Alle Infos findet man hier.