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Besuch in Rom bei Dario Argento, dem Meister des Italo-Horrors: Weggucken gilt nicht!

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Besuch in Rom bei Dario Argento, dem Meister des Italo-Horrors: Weggucken gilt nicht!

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Sie wollen zu Dario Argento?!“ Eine römische Zimmerwirtin schaut, als hätte ich ihr eben gestanden, Graf Dracula in seinem Schloss besuchen zu wollen. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie mich an und wirkt einen Moment lang, als würde sie mich gleich mit zitternder Stimme anflehen, um Gottes willen wieder abzureisen, bevor es zu spät sei. Tatsächlich, so stellt sich heraus, ist sie aber einfach nur begeistert vom Anlass meines Besuchs. Dennoch: Wie man da so auf dem Weg zur Wohnung des Regisseurs bald verzückt, bald verwirrt durch das ewig seltsame Rom streift, kommt man sich tatsächlich vor wie einer von Argentos Filmhelden auf der Reise ins Zentrum des namenlosen Grauens. Es reicht eigentlich, sich nur einen Argento-Film aus der goldenen Ära anzuschauen, und man wird geneigt sein, den Schöpfer dieser brutalen, barocken und wunderschönen Gespinste mit seinem Werk zu verwechseln und den Mann für einen finsteren Schreckensfürsten zu halten. 

Der Weg zu Argento führt in die Nähe des wenig besuchten Quartiere Coppedè, wo der Maestro 1979 seinen völlig durchgeknallten Märchenschocker „Inferno“ drehte. Ein wunderbarer Film: rätselhaft, mäandernd, brüllend schön und grotesk blutig. Das Viertel sieht auch ohne die irre Primärfarbenausleuchtung aus wie eines von Argentos Filmsets. Es verdankt seinen Namen dem Architekten Gino Coppedè, der hier ab 1919 etliche bizarre Gebäude im Tiffany-Stil baute, die vor obskur anmutenden Verzierungen nur so strotzen. Argentos Haus selbst ist schlichter. Trotzdem: Es fällt schwer, beim Erklimmen der marmornen Stufen nicht an die furchteinflößende Musik zu seinem Meisterwerk „Suspiria“ zu denken. Oben erwartet einen der Maestro persönlich. „Ach, sie waren im Quartiere Coppedè!“, sagt er erfreut. „Der Architekt hat ja Selbstmord begangen. Man hat ihn nicht verstanden damals.“ Erster Gedanke beim Händeschütteln: Dies ist die Hand, die so viele blutige Tode zu verantworten hat. Das ist nämlich einer von Argentos Tics: Die – meist schwarz behandschuhten – Hände des Mörders, die wie im höchsten Erregungszustand Köpfe abschlagen, Halsschlagadern durchtrennen oder Augen ausstechen, sind stets seine eigenen.

Argento führt in einen großen Raum mit weit geöffneten Fenstern, durch die Straßenlärm und Kindergeschrei dringen. Einige antike Möbelstücke stehen herum, eine Mario- Bava-Biografie lehnt in der Ecke, an der Wand hängt ein seltsames Bild, das an jene Gemälde gemahnt, die den Protagonisten seiner Filme entscheidende Hinweise auf die Ursache eines lange zurückliegenden Verbrechens geben. Im Vorbeigehen erhasche ich einen Blick in die arg verwüstet aussehende Küche. Argento nimmt auf einem schnörkeligen Stuhl Platz, der gegenüber einem riesigen Fernseher steht, der den Raum dominiert.

Argento in Kürze: Nachdem er einige Jahre als Filmkritiker und Drehbuchautor (u. a. für Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“) gewirkt hatte, inszenierte er 1969 seinen ersten Giallo (die italienische Bezeichnung für das Genre des Thrillers) und löste damit eine Welle ähnlicher Filme aus, in denen androgyne Flüsterkiller mit gleißender Messerklinge die römische Damenwelt dezimierten. Spätestens ab Mitte der Siebziger kannte Argento dann kein Halten mehr: Seine Filme wurden immer expressionistischer, psychedelischer, abgefahrener. „Rosso – Farbe des Todes“ von 1975 war ein virtuos gestylter Blutrausch. Der zwei Jahre später teilweise in Freiburg gedrehte „Suspiria“, der womöglich schönste Horrorfilm aller Zeiten, geriet zum irrsinnigen Hexensabbat, dem die Musik der italienischen Prog-Rock-Band Goblin die Krone aufsetzte. Es folgten weitere verführerisch betitelte Wunderwerke („Tenebrae“, „Phenomena“, „Terror in der Oper“), die mit reichlich Suspense, Gewalt und immensem Stilgefühl zu punkten wussten, den Rahmen des Logischen aber mehr und mehr verließen.

Argento ist jetzt 74, aber das sieht man ihm nicht an: Von den fast blauen Schatten unter seinen stechenden Augen und ein paar grauen Haaren in seiner (mehr oder weniger noch existenten) Prinz-Eisenherz-Frisur abgesehen wirkt sein schmächtiger Körper eher wie der eines Kindes. Das passt, ist doch das Kindliche ein ganz entscheidender Wesenzug seiner Filme. „Alles, was ich mache, hat mit meiner Kindheit zu tun“, bestätigt Argento. „Wenn ich die Drehbücher für meine Filme schreibe, versuche ich wieder ein Kind zu werden, das sich nachts vor lauter Angst die Bettdecke über den Kopf zieht. Ich hatte viele Ängste. Seltsame Ängste. Unvorstellbare Ängste.“ Die schlimmste? „Es gab da diesen langen Korridor bei uns im Haus, den ich nachts immer enlanggehen musste, zum Beispiel wenn ich zur Toilette wollte. Ich habe mich wahnsinnig gefürchtet“, erzählt er wild gestikulierend in holperndem Italo-Englisch. „Deshalb gibt es in meinen Filmen auch so viele lange Gänge.“ Die langen Gänge, die stets von eigener Hand geführte Mordwaffe, das Morden mit oder wegen Kunst, der ewige Regen, die Deflorations-Metaphern, der Versuch der Filmhelden, ein finsteres Geheimnis zu lösen, die expressionistische Farbgebung: Dieses Kino lebt von den Fetischen und Obsessionen seines Schöpfers. Seine besten Arbeiten funktionieren vor allem darum so gut, weil der Römer mit obsessiver Inbrunst menschliche Urängste in Szene setzt. Argento: „Ich weiß nicht, ob ich obsessiv bin, aber ich habe sehr guten Kontakt zu meiner dunklen Seite. Ich bin ein ganz normaler Mensch – meistens jedenfalls. Aber wenn ich schreibe, dann kommen die Dämonen heraus. Sie übernehmen mein Gehirn. Deshalb schreibe ich auch nie zu Hause, sondern miete mich in Hotels ein. Da komme ich am besten an das Perverse, das Abgründige heran. Ich brauche diese dunkle Atmosphäre und die Einsamkeit.“

Argento würde freilich nicht halb so sehr geliebt, wenn er einfach nur auf Splatter und Gothic-Tamtam setzte. Nein, Argento ist der Autorenfilmer unter den Horrorregisseuren. Seine knallbunten Finsterfilme sind kunstvoll komponierte Zelluloid-Träume, die vor filmischen Innovationen nur so wimmeln. Nicht umsonst zählen so unterschiedliche Regisseure wie Brian De Palma, Martin Scorsese, Tim Burton, Darren Aronofsky und Dominik Graf zu seinen Bewunderern und Nachahmern. Quentin Tarantino ging gar so weit, eine Szene aus Argentos Debüt, „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“, komplett für seinen Film „Death Proof“ nachzustellen.

In Deutschland nahm kürzlich ein Ulrich-Tukur-„Tatort“ konkret Bezug auf Argento. Manch uneingeweihter Zuschauer reagiert freilich überfordert, wenn er seinen ersten Argento-Film erleben darf: Denn so stilbildend der Regisseur in puncto Kameraführung, Farbgebung und Musikeinsatz ist, so wenig schätzt er unnötigen Ballast wie Schauspielerführung, ein kohärentes Drehbuch oder eine stringente Handlung. „Es ist immer der gleiche Vorwurf, den ich von Kritikern höre“, ereifert sich der ehemalige Filmjournalist. „Seit meinem ersten Film von 1969 regen sich alle darüber auf, dass meine Geschichten unzusammenhängend seien. Die Menschen kapieren aber nicht, dass es darum nicht geht. Es geht um Stil! Es geht um Licht, um Aussehen, um den Look.“

Der Regisseur sieht jetzt ernsthaft betrübt aus: „Es ist eine Schande, dass so viele Leute das nicht kapieren.“ Argento fällt ein, wie er 1980 Sherry Lansing, der damaligen Chefin von 20th Century Fox, den Film „Inferno“ präsentierte. Die Gewalt habe sie gar nicht gestört. Lansing habe den Film vielmehr deshalb gehasst, weil er ihr zu rätselhaft gewesen sei. All diese Unerklärlichkeiten, die nicht aufgelöst werden! „,Ich will keine Rätsel erklären‘, habe ich zu ihr gesagt. Und wissen Sie, mit wem Sie heute verheiratet ist? Mit William Friedkin, dem Regisseur von ,Der Exzorzist‘! Der ist auch seltsam!“ Allerdings sind Friedkins Filme im Vergleich zu Argentos stilistischen Exzessen beinahe biedere Thriller-Hausmannskost.

Das Prinzip style over substance hat Argento perfektioniert wie kein Zweiter. Nicht nur in diesem Punkt spitzt sich in seinem Werk das gesamte italienische Kino mit seinem sowohl im dreckigen Genrefilm als auch im edlen Hochkulturschinken anzutreffenden Hang zum Überbordenden zu. Das Erhabene und der Schund, große Kunst und Trash sind nirgendwo so untrennbar miteinander verwoben wie im italienischen Kino. Argentos Filme sind insofern Kino in seiner puren Form: Es geht ums Sehen und Beobachten. Vor allem um das schuldbewusste Beobachten von Gewalt.

Wenn die gefesselte Protagonistin seines Films „Opera“ den Blick nicht von einem grausamen Mord abwenden kann, weil ihr zuvor vom Mörder Nadeln unter die Augen geklebt wurden, dann spiegelt Argento damit natürlich auch den Blick des Zuschauers auf sein grausames Schaffen. Er schätze es ganz und gar nicht, wenn Zuschauer während der Gewaltszenen ihre Augen bedeckten, denn: „Die Gewaltszenen sind die Höhepunkte meiner Filme. Ich liebe Gewalt, wenn sie gut aussieht. Nicht die Gewalt auf der Straße, das interessiert mich nicht. Aber inszenierte Gewalt, kunstvolle Gewalt: Das gefällt mir.“

Diese ganz und gar unvergleichlichen Filme, in denen Edgar Allan Poe, Alchemismus, Hitchcock und Thomas De Quincey aufeinandertreffen, wären ohne die Musik freilich nur halb so eindrucksvoll: Für seine frühen Gialli lieferte Ennio Morricone drei seiner schönsten Scores ab, danach zerstritt man sich. Erst 1996 fanden sie für „The Stendhal Syndrome“ wieder zusammen. Über den denkwürdigsten Soundtrack gebietet indes „Suspiria“ – allein die Musik, ein psychedelisches Seufzen und Stöhnen, macht hier schon mehr Angst als das Gesamtwerk der meisten anderen Horror-Filmer. „Ich habe die Musik dröhnend laut am Set eingespielt und die Schauspieler dazu agieren lassen“, erzählt Argento. „Das hat sich massiv auf den Rhythmus ausgewirkt.“ Für andere Filme verwendete Argento unter anderem Musik von Keith Emerson, Iron Maiden und Brian Eno.

Nun soll es wieder zu einer Zusammenarbeit mit einem namhaften Musiker kommen: Für Argentos neues Projekt, „The Sandman“, hat er Iggy Pop verpflichtet. Der soll allerdings keine Musik liefern, sondern vor der Kamera die titelgebende Figur mimen. Im Internet sind derzeit Crowdfunding-Aufrufe der beiden Stars zu sehen. Auf allzu große Begeisterung stößt das angekündigte Zusammenwirken indes selbst bei harten Argento-Fans nicht. Zu sehr hat sich nach den Filmen der letzten Jahre der Eindruck erhärtet, Argento habe seinen Zenit lange überschritten. Er werde den neuen Film, dessen Drehbuch er mit zwei Koautoren verfasste, ganz in seinem Stil drehen, versichert der Meister. Es werde eine blutige Angelegenheit werden, ein Giallo im Wesentlichen. Es gebe auch Reminiszenzen an frühere Werke, aber es sei wieder etwas ganz Neues. Wie geht er mit den Erwartungen seiner enttäuschten Fans um? „Ich weiß, was meine Fans von mir haben wollen“, sagt er und lacht. „Aber ich bin ein freier Künstler, verstehen Sie?“

Beim Abschied empfiehlt Argento mir, ich möge mir doch unbedingt im Quartiere Coppedè das Innere einiger Häuser ansehen: sehr lohnend und sehr rätselhaft. Dann geht er wieder nach drinnen. Vielleicht um den Kontakt zu seiner dunklen Seite aufzunehmen. Vielleicht auch nur um die Küche aufzuräumen.

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