Bundestagswahl: Das Ende der Grünen, wie wir sie kannten


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Das ist aber keine „Abrechnung“, kein selbstgerechter Wutanfall – es sind die aus der sachlichen Auflistung entstehenden Schwingungen der Schmitterschen Melancholie, die einen beim Lesen ergreifen und selbst traurig machen. Die Grünen berühren sie einfach nicht mehr. Es ist aus.

Generationell gesprochen erfolgt die Trennung auch, um den eigenen Roman zu retten, das meint die Autobiografie eines Teils der westdeutschen Babyboomer, der sich seinen radikalen, nonkonformistischen, kapitalismus-, staats- und elitekritischen Universalismus bewahrt haben will – auch in Jahrzehnten stinknormal-bürgerlichen Lebens und verantwortungsvollen Funktionierens für die Gesellschaft, für kapitalistische Unternehmen oder gleich im Staatsdienst. Sie sind das Rückgrat dieser Gesellschaft, profitieren von einzigartigem Frieden, Wohlstand, gesellschaftspolitischem Fortschritt und wissen das auch. Aber manchmal ist ihnen danach, so zu tun, als wäre alles eine einzige Abstiegsgeschichte. Besonders die Grünen.

Als Nachgeborener muss man allerdings wissen, dass die Grünen 1979 wirklich aus einem Wir-können-die-Welt-verändern-Bedürfnis her­aus gegründet wurden und mit Hoffnungen besetzt waren und von Energien angetrieben, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Im Kern stand nicht, wie immer behauptet wird, die Ökologie – die Grünen waren eine neue Plattform für politisierte Bürgerkinder, um das als feindlich empfundene Establishment, das als blöd verachtete Kleinbürgertum und auch die eigenen Eltern mit antibürgerlicher Ästhetik und progressiver, also „linker“, Minderheitenpolitik herauszufordern. Daraus entwickelte sich eine ordentliche Partei der Bildungsmittelschichten.

Jesse Klaver

Das ist für die okay verdienenden und gesellschaftlich gut positionierten Optimisten, die fest daran glauben, dass mit Grün vieles besser hinzukriegen ist als ohne Grün, in Ordnung. „Des isch doch subbr!“, sagen sie in Stuttgart.

Aber für die Minderheitenlobbyisten und die Antikapitalisten und Vollhumanisten mit dem heißen Herzen ist so eine Partei der permanenten Kompromisse mit der Wirklichkeit eine riesige Enttäuschung. Während auf der anderen Seite lebenslange Wähler abgesprungen sind, weil Trittin 2013 Schwarz-Grün verhinderte, war das für sie der letzte Triumph der Moral. Ihr Heiliger ist der Kreuzberger Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. Der fährt (ausnahmsweise nicht mit dem Fahrrad) zu Edward Snowden nach Moskau. Er fordert muslimische Feiertage und steht für den radikalen Universalismus und die symbolpolitische Progressivität des linksgrünen Kreuzberg. Fragt man ihn, ob er sich auch mal für reale Fahrradwege im in dieser Hinsicht weitgehend ungrünen Bezirk engagieren könnte, sagt er lächelnd, da sei der Senat zuständig.

Kein Einstecktuch

Der neue Held dieser Grünen ist der Niederländer Jesse Klaver. Der hat ein klares Minderheitenprogramm und will zurück zu den radikalen, ökologischen, kapitalismuskritischen Wurzeln. Darin besteht für seine Fans die „gesellschaftspolitische Relevanz“ der Partei, einer Milieupartei. Dafür hat er saubere 8,9 Prozent gekriegt.

ROBIN VAN LONKHUIJSEN AFP/Getty Images


Michael Stipes erstes Interview nach der Trennung von R.E.M.

Seit September 2011 hat man nicht viel gehört von Michael Stipe. Gesehen hat man ihn schon: bei Patti-Smith-Konzerten, in Berliner Galerien und Bars, bei der New Yorker Fashion Week und einmal auch in einem Raum mit seinen ehemaligen Kollegen – ausgerechnet in Athens/Georgia, wo 1980 die Weltkarriere von R.E.M. begann. Im November 2013 sprangen Bassist Mike Mills und Schlagzeuger Bill Berry im kleinen 40 Watt Club auf die Bühne, um mit Gitarrist Peter Buck „(Don’t Go Back To) Rockville“ zu spielen. Stipe stand etwas abseits im Publikum und sah zu. Das Verlangen mitzumachen hatte er nicht. Selbst enge Vertraute der…
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