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1984: Terminator, Dune, Unendliche Geschi, Splash und weitere Klassiker

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Buyer’s Guide: Orange Juice und Edwyn Collins – die wichtigsten Alben


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Essentiell

Orange Juice: You Can’t Hide Your Love Forever (1982)

Die Tragik dieser Band war, dass sie erst nach ihrer Auflösung 1984 zur Spitze nicht nur einer, sondern gleich zweier Genres gezählt wird: Post-Punk – Simon Reynolds verewigte sie im Buchtitel seines Standardwerks „Rip it up and start again“ – sowie natürlich Shoegaze. Edwyn Collins gebar sich als zaghafter Gentleman ohnegleichen, „hesitate“ könnte sein meistbenutztes Wort sein. „Falling and Laughing“ dokumentiert Kontaktarmut, aber auch den Trost, den Musik bietet, „Avoid eye contact at all costs“ und „Only my dreams satisfy the real need of my heart“. Für ihr Debüt nahmen Orange Juice die auf dem Glasgower „Postcard“-Label veröffentlichten ruppigen Singles neu auf. Bläser erschlossen ihnen nun neue Welten. Collins verstand sich auch als Soulsänger – bei dem Gedanken, er könnte Al Green covern, hatten seine Freunde angeblich gelacht. Als sie dann „L.O.V.E. Love“ hören, lachte keiner mehr.


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Orange Juice: Rip It Up (1982)

Der Titelsong, ihr einziger UK-Erfolg: Platz acht. Die Sensation war der neue Schlagzeuger Zeke Manyika. Der gebürtige Simbabwer schrieb und sang bei „A Million Pleading Faces“ und „Hokoyo“ mit, verlieh Orange Juice einen im Post-Punk bislang nie gehörten, afrikanisch-rhythmischen Schliff. „I Can’t Help Myself“ ging in den Charts leider unter. Der Journalist Simon Goddard witterte Ungerechtigkeit: Warum wurde diese Four-Tops-Hommage kein Hit, das gleichzeitig veröffentlichte Supremes-Cover von Phil Collins, „You Can’t Hurry Love“, dagegen schon?


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Orange Juice: The Orange Juice (1984)

Produzent und London-Dub-Pionier Dennis Bovell versetzte Collins in tropischen Songs wie „Scaremonger“ oder „What Presence?!“ in permanenten Hitzeschwall. Nie sang er zersetzender, hungriger. Spiegelte gerade mal „I Guess I’m Just A Little To Sensitive“ das frühe Glasgow-Understatement des verschnupften Edwyn wider, beteten Stücke wie „Out for the Count“ für das Ende: Eigentlich war Collins bedient, weil seine Musik keiner mehr hören wollte. Das „The“ im Albumtitel als verzweifelter Versuch, die Marke Orange Juice als Synonym für die Band zu etablieren.


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Edwyn Collins: Gorgeous George (1994)

„Der Sänger von Orange Juice!“ raunten manche, die Collins von früher kannten, auch solche, die ihn nicht kannten, aber mitreden wollten. Viele dachten 1994, das müsse Britpop sein. Er war 35, „A Girl Like You“ Top Ten in 15 Ländern. Sex-Pistols-Drummer Paul Cook spielte das Vibraphon, der Rhythmus sampelte Len Barrys „1-2-3“ von 1965 – Collins vereinte Avantgarde und Historie. Das an die OJ-Single „Flesh of my Flesh“ erinnernde „If You Could Love Me“ war nicht von dieser Welt. Nur „The Campaign for Real Rock“, das die Modeopfer der Musik verhöhnte, offenbarte den über Jahre genährten Groll.


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Lohnend

Orange Juice: Texas Fever (1984)

Ein Mini-Album mit sechs Songs, das dennoch enorme Spannbreite aufwies. Von der Rockabilly-Humoreske „The Day I Went Down To Texas“ bis zur höflichen Etikette des romantischen „A Place In My Heart“, das spürbar macht, wie Collins der Angebeteten sanft auf die Schulter tippt: „If I May Be So Bold As To Make The Assertion, That Your Only Lover Is Just An Aversion.“ In „Punch Drunk“ überließ er letztmals einem anderen das Mikro: Gitarrist Malcolm Ross, Gründungsmitglied bei den „Postcard“-Kollegen Josef K, danach engagiert bei Aztec Camera. „Bridge“ nahm die Frustration vorweg, das Arrangement mit der Erfolglosigkeit: „For You May Say I’ve Yet To Find My Voice / I Wouldn’t Change It For The World / Not For Your World“.


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 Edwyn Collins: Doctor Syntax (2002)

Das Cover zeigt den Dichter Michail Lermontow, der Titel verewigt einen Comic von William Combe und Thomas Rowlandson. Der Bezug auf Künstler aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert wirkt vielleicht etwas zu artifiziell, zu bemüht im Kontrast zu dieser Musik. Aber Collins gelang etwas, was man ihm nicht zugetraut hätte: eine auf Synthesizer und Loops basierende, schwermütige Lounge-Platte, er klang wie Angelo Badalamenti mit einem Computer – als hätte es den Jingle-Jangle-Gitarristen Collins nie gegeben. Folgerichtig weisen die Albumcredits vor allem „Programming“ als Quasi-Instrument aus. Den Mut, einen Song schlicht „The Beatles“ zu nennen, muss man erstmal haben, am schönsten ist die vieldeutige Zeile „I Me Mine / Brian Epstein“.


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Edwyn Collins: Losing Sleep (2010)

Das erste nach den zwei Schlaganfällen eingespielte Album. Collins leidet bis heute unter Sprach- und Bewegungsstörungen, aber singen kann er fast so gut wie früher. Und alle kamen, sangen mit, komponierten mit, spielten mit. Weggefährten wie Johnny Marr und Roddy Frame, als auch Follower wie Franz Ferdinand, The Cribs und Romeo Stodart von den Magic Numbers. Collins selbst griff zur Mundharmonika. Höhepunkt ist das Liebeslied „In Your Eyes“, das Duett mit dem The-Drums-Hipster Jonathan Pierce. Das Plattencover versinnbildlicht Frieden: Es zeigt Collins‘ Zeichnungen der Vogelwelt.


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Weiterführend

Orange Juice: The Glasgow School (2005)

In den Nullerjahren waren Orange-Juice-Reissues Raritäten. Lichtblick: diese Frühaufnahmen für „Postcard“. Das Ramones-Cover „I Don’t Care“ huldigte unvermuteten Idolen, „Holiday Hymn“ hätte den Platz auf einem Studio-Album verdient gehabt.


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Big Gold Dreams: A Story of Scottish Independent Music 1977-1989 (2019)

Das Postpunk-Triumvirat? Orange Juice, Josef K und Aztec Camera. Die Compilation zur gleichnamigen Doku beinhaltet auch Stücke der Cocteau Twins und The Jesus and Mary Chain, dazu die Simple Minds, damals noch Johnny & The Self Abusers.

Schwach

Edwyn Collins:  I’m Not Following You (1997)

Nach dem „Gorgeous George“-Comeback schoss Collins‘ mit seinem Protestalbum sogleich übers Ziel hinaus. Er parodierte per Vocoder im Mark-E-Smith-Duett „Seventies Night“ das Disco-Genre, reimte später „Paris“ auf „Embarassed“ und giftete gegen Konzerne, die ihn – das hätte ihm auch Neil Young stecken können – nie zur Kenntnis nehmen würden: „Adi Dassler, Have You Heard The News? Gonna Stomp All Over Your Three-Stripe Shoes“.


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Film: „The Possibilities Are Endless“ (2014)


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Zwei Wörter konnte Edwyn Collins nach den Schlaganfällen sagen, „Yes“ und „No“, dazu den Satz, der seine mühevolle Reha und die Hoffnung beschreiben würde: „The Possibilities are Endless“. Doku eines bewundernswert uneitlen Popstars, nun mit Behinderung, gestützt von seiner Frau und Managerin Grace Maxwell sowie dem Sohn William.

Preziosen

Coversongs & Rares

Moscow Olympics

Kalter Krieg? Orange Juice bejubelten die Olympischen Sommerspiele 1980, riefen „Moscow!“, die Melodie ist einer offiziellen Hymne würdig.

Blokes on 45

Für Radiomoderator John Peel waren sie arrogante „Blokes“, Orange Juice revanchierten sich mit dieser für ihn aufgenommenen BBC-Session.

Flesh of my Flesh

Alle Maxi-Versionen der Single sind aufregend. „Here’s a penny for your thoughts / Incidentally, you may keep the change“ – geniale Eröffnungszeile!

Poor Old Soul

Der Song mit den meisten Neueinspielungen, von „Postcard“-Fassungen, über „Pt.1“ und „Pt.2“, bis zu dem auf Französisch gesungenen.

Pale Blue Eyes

Nach dem Orange-Juice-Split tastete Collins sich mit einem Cover seiner Lieblingsband The Velvet Underground zurück. Duett mit Paul Quinn von Bourgie Bourgie.

My Beloved Girl

Stand-Alone-Single, 1987. Der Sound erinnerte an den Open-Road-Optimismus des Freundes Roddy Frame, der parallel „Love“ veröffentlichte.

Hellbent on Compromise

Der Titel seines zweiten Soloalbums liest sich wie ein unfreiwilliges Friedensangebot –die 1990er-Platte ist schwer erhältlich.

Get It On

Auf dem 1996er-Sampler „Duos Taratata Vol. 2“ findet sich dieses T.-Rex-Cover, ein Duett mit Boy George. Genau, reinhören müssen Sie nicht.

The Gospel According To Tony Day

Über Bowies „Laughing Gnome“-Single von 1967 wird gelacht, Collins macht aus deren schrägen B-Seite einen bitterernsten Trauermarsch.

We Can’t Stop What’s Coming

Lebenszeichen von Orange-Juice-Drummer Zeke Manyika: Auf der 2017er-Comebacksingle von The The trommelt er für den alten Freund Matt Johnson.


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Die besten deutschen Songs aller Zeiten: Extrabreit - „Polizisten“

Ja, das ist ein altes Lied über ein aktuelles Thema. Man wundert sich fast, wie stark auch schon im Zeitalter vor U-Bahnhof-Kameras, Prism-Programm und maschinenlesbarem Personalausweis das Gefühl des Überwachtwerdens sein konnte. Was wie ein verständnisvoller Bericht über das Leben hart arbeitender Streifenbeamter beginnt („Sie rauchen milde Sorte, weil: das Leben ist doch hart genug“), wird immer mehr zum beklemmenden Szenario, je länger dieser geisterhafte, mit Dub-Andeutungen eher untypische Extrabreit-Song sich dreht und wendet: An jeder Ecke steht ein Polizist, und selbst der harmlose Teenager – nach der Tanzstunde mit der neuen „Bravo“ an der Bushaltestelle oder in der Schlange…
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