Christian Bale: Der öffentliche Widerling


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Unvergessen, wie Christian Bale einst der versammelten Presse Fragen nach seiner Rolle als mordender Wall Street-Banker Patrick Bateman in „American Psycho“ beantwortete. Es war eine verblüffende Demonstration an Gleichgültigkeit, gekrönt von höhnischem Gelächter und persönlichen Attacken. Der damals noch unbekannte Waliser hatte sich einen privaten Spaß mit der Presse erlaubt und – bis hin zur Nutzung des US-Akzentes und bissiger Formulierungen aus dem Skript – noch einmal den Bateman gegeben.

Heute wird Bale in Folge des Phänomens „The Dark Knight“ sowie prominenter Rollen in „Terminator – Die Erlösung“ und jüngst Michael Manns Gangster-Epos „Public Enemies“ allerorten zum Superstar erklärt – doch Irritationen hinsichtlich seiner Person nimmt er noch immer billigend in Kauf. Im Gegenteil, es tut keiner in seiner Liga mehr dafür, öffentlich ungelitten zu sein. Vergessen wir mal seinen Wutausbruch am „T4“-Set, der seither gar als Dance-Remix durchs Netz geistert. Oder den nebulösen Streit mit der Familie, der ihm vergangenes Jahr in London eine später fallengelassene Anzeige einbrachte.

Wo schließlich stünde geschrieben, dass Schauspieler anders als der Rest der Menschheit allzeit ihre Emotionen unter Kontrolle zu haben hätten? Nein, Bale polarisiert auch in aller Seelenruhe, wenn er bei aktuellen Terminen weiter die Wand hochfährt und ob vermeintlicher Arroganz augenrollende Befrager hinterlässt. Auch auf der Leinwand macht er keinerlei Anstalten, das Publikum zu gefühlter Kumpanei einzuladen. Hart, humorlos und hermetisch legte er bereits seine Rollen als Bruce Wayne und John Connor an – und auch als Jäger des legendä-ren John Dillinger (Johnny Depp) in „Public Enemies“ bleibt er nun durchweg undurchdringlich, ein Mann auf Mission, ohne Rücksicht auf Gefangene oder zart Besaitete. Um Aufmerksamkeit und Anbetung betteln, wie es die Persönlichkeitsstrukturen in seiner Profession gemeinhin vorsehen, sieht anders aus.

„Was soll ich dazu sagen“, stöhnt Bale, „ich verachte nun mal romantische Komödien und suche mir lieber Projekte, in denen ich mich fordern kann und so weit wie möglich hinter den Figuren verschwinden kann.“ Was wie die Varia­tion einer oft gehörten Phrase klingen mag, ist für den Extremisten und Puristen Bale bitterer Ernst.

Ob er für Independent-Produktionen wie „Der Maschinist“ oder „Rescue Dawn“ Leib und Leben riskiert, wenn er sich bis zur Unkenntlichkeit herunter hungert oder von Werner Herzog am Hubschrauber baumelnd durch den Dschungel schleifen lässt. Oder ob er in millionenschweren Blockbustern beispiellose schauspielerische Großzügigkeit beweist, indem er den Kollegen all die spektakulären Momente überlässt, während er stur den stillen Brüter durchzieht.

Regelmäßig strebt Bale das schizophrene Ziel an, vor der Kamera an vorderster Front zu stehen und dabei am liebsten unsichtbar bleiben zu wollen. Auftritte wie unlängst in Paris, als er mit unbewegter Miene mal wieder den Journalistenfresser gab, überraschen niemanden mehr. Hielt er doch schon als Dreikäsehoch nach seinem ersten großen Film „Im Reich der Sonne“ die wartenden Reporter und seinen konsternierten Regisseur Steven Spielberg zum Narren und verschwand heimlich aus dem Hotel, um über die Champs-Élysées zu spazieren.

Das Schauspielern ist ihm etwas zutiefst Privates, mit dem er – „ich bin definitiv pervers“ – Ängste überwindet, den inneren Schweinehund zu besiegen sucht. Geteilt bestenfalls mit Crews wie beim Dreh von „The Dark Knight“ in Chicago, wo man ihn in Pausen ausgelassen scherzen sah, als hätte ein Außerirdischer von seinem Image Besitz ergriffen. Bis er sich beobachtet wähnte. Und sofort das bekannte Pokerface aufsetzte. Wäre ja noch schöner, wenn die Welt wüsste, dass er gar kein so übler Bursche ist.

Roland Huschke