Highlight: I.M. Rock: Was die Stasi mit der Musik der DDR zu tun hatte

ROLLING-STONE-Reportage

DDR-Popkultur – Revolution in Grenzen

Es ist der 22. März 2019. Bettina Wegner sitzt in ihrem Wohnzimmer in Berlin-Frohnau, plaudert unbekümmert, qualmt in einer Tour, lacht wie ein junges Mädchen. Seit 1983 lebt sie im Westteil der Stadt. Neben der Tür zum Garten hängt ein Foto ihrer geliebten Eltern. Geerbt hat sie von ihnen einen untrüglichen Gerechtigkeitssinn. Ihr Humor ist dagegen einzigartig. Bettina-Wegner-Humor. Auf die Frage, welches Erinnerungsstück mit auf das Foto für den ROLLING STONE könnte – vielleicht eine Packung Zigaretten, die sie sich mit Wolf Biermann geteilt hat –, antwortet sie: „Wir können meine Gitarre mitnehmen oder eine leere Schachtel Casino, die ich allerdings alleine aufgeraucht habe, denn Biermann war, solange ich ihn kenne, Nichtraucher.“ Wegners Haus wirkt angenehm schlicht, ein Schönheitsmakel im Spalier gepflegten Wohlstands. Kurz nach ihrer Ankunft in Frohnau stieß sie in der Nähe auf ein Weltkriegsdenkmal. Der von einem Stahlhelm gekrönte Steinklotz steht noch immer. Damals befestigte sie einen Zettel daran, kritzelte darauf einen Satz von Kurt Tucholsky: „Soldaten sind Mörder.“

„Eine Staatsbürgerschaft wechselt man doch nicht wie ein T-Shirt“

Ihre Widerborstigkeit prädestiniert sie früh zur Songschreiberin und Sängerin in der Tradition amerikanischer Folk-Ikonen. Die musikalische Grundausstattung erhält sie 1971 im Studio für Unterhaltungskunst, wo auch Nina Hagen ihr Diplom als „Staatlich geprüfte Schlagersängerin“ abgelegt hat. Mit Schlager hat Wegner zwar wenig am Hut, doch die Vorteile der Ausbildung nutzt sie gern. Nur in die Partei will sie nicht. „Nach meinem Gefängnisaufenthalt war da für mich ein Haken dahinter“, sagt die Frau, die mit ihrer Entschlossenheit so manch ausgekochten Stasi-Offizier zur Verzweiflung trieb. Sie zahlt die Rechnung für ihre Haltung, bekommt Repressalien zu spüren. Konzerte können nur in semi-offiziellem Rahmen und unter falschem Namen stattfinden. Alben darf sie nicht aufnehmen. Amiga, das einzige Label der DDR, steht unter staatlicher Aufsicht. „Wer etwas auf Rille veröffentlichen wollte, musste dort Klinken putzen“, erklärt Jörg Stempel, der von 1980 bis 1988 die Programmgestaltung von Amiga leitete.Wegner putzt lieber die Klinken von Kirchen und Studenten-Klubs. Die Demütigungen münzt sie um in erhebende Klagegesänge. Sie schreibt gegen die Verharmlosung der Naziverbrechen, gegen Militarismus und Faschismus – und gegen den Missbrauch marxistischer Ideale im Dienste der Diktatur. Sie empört sich über Ignoranten und Machos. Und sie mahnt als zweifache Mutter vor der Grausamkeit an den Jüngsten der Gesellschaft. Joan Baez covert ihren berühmtesten Song, „Kinder“. Ihr großes Thema aber ist der Identitätsverlust. Stücke wie „Von Deutschland nach Deutschland“, „Heimweh nach Heimat“ und „Wenn meine Lieder nicht mehr stimmen“ sind die Tränen eines Landes, das niemand mehr betritt. 1976 ist Wegner Mitunterzeichnerin eines offenen Briefs gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Was hätte sie denn noch zu verlieren gehabt? „Bei mir war ja schon alles im Klo“, meint sie trocken. Sie verliert noch einiges, wird am Ende regelrecht rausgeekelt aus der DDR. Die Stasi hatte gehofft, sie würde von einer ihrer Westreisen nicht zurückkehren. Nun nötigen sie die Genossen zum Gehen. Sie wehrt sich. Als ihr eine weitere Haftzeit droht, geht sie rüber. Im Westen nimmt sie ihre Lieder auf, singt sich Trauer und Frust von der Seele. Doch versteht man sie auch? Als die Wiedervereinigung kommt, verliert sie zum zweiten Mal ihre Heimat. Die doppelte Entwurzelung ist das Trauma vieler DDR-Exilanten. Wegners Lieder stimmen bis heute.

„Ich hatte nie Skrupel, etwas zu machen, von dem ich keine Ahnung habe“

Im Osten Brandenburgs blühen die Landschaften, aber sonst wenig. Eine halbe Stunde auf sonnendurchfluteten Alleen ohne Gegenverkehr. „Zollbrücke“ steht auf dem Richtungsweiser. Noch ein paar Hundert Meter bis zur Grenze, wo die Oder Deutschland und Polen trennt. Hier im strukturschwachen Nirgendwo liegt das Theater am Rand. Es sieht aus wie ein moosbewachsenes Raumschi , das in eine Scheune gekracht ist. Der Akkordeonist Tobias Morgenstern hat dieses Idyll 1998 gemeinsam mit dem Schauspieler Thomas Rühmann geschaffen. Die Besten des DDR-Jazz kommen regelmäßig in den kleinen Ort, in den sich sonst nur Radwandertouristen und Störche verirren. Anfang August füllen Günther Fischer und seine Band den Schuppen für zwei Konzerte. Am ersten Abend kokettiert er: „Ich hatte nie Skrupel, etwas zu machen, von dem ich keine Ahnung habe.“ Er stellt seine Musiker vor. Am Schlagzeug: Wolfgang „Zicke“ Schneider, seit 1964 an seiner Seite. Sie spielen das Stück „Für Achim“. Das hat Fischer seinem verstorbenen Trompeter Hans-Joachim Graswurm gewidmet. Die Jazz-Elegie transzendiert an diesem Abend nicht nur einen schmerzlichen Verlust – sie scheint den Knoten zu lösen, der lange etwas verschnürt hat. Eine ostdeutsche Seele womöglich.

Günther Fischer, 2019

Tags darauf versucht Fischer einen Witz: „Von der Bühne schauen wir oft auf einen grauen Teppich.“ Das Publikum dürfte durchschnittlich in seinem Alter sein. Mitte 70. Die Wehmut unter dem grauen Teppich lässt sich nur erahnen. Applaus brandet auf, wenn Fischer einen Song ankündigt oder eine Melodie anstimmt. Ein Hauch von früher. Er sagt: „Niemand kann die Stimme von Manfred Krug ersetzen, aber ich bin nun mal das Original.“ Das Original ist Saxofonist, Komponist und Arrangeur. Günther Fischer gehört zu jener Gattung von Künstlern, die sich mit dem SED-System arrangieren, die nach Wegen suchen, sich zu verwirklichen, ohne dem Staatsapparat in die Quere zu kommen. Fischer macht in der DDR eine erstaunliche Karriere. Ab Mitte der Sechziger heißt seine bevorzugte Ausdrucksform Jazz. Es ist ein Universum, zu dem Funktionäre keinen Zugang finden. Sie können es beobachten und verunglimpfen. Walter Ulbricht, bei rassistischen Äußerungen nicht zimperlich, bezeichnet Jazz als „Affenkultur des Imperialismus“. Verbieten kann er ihn nicht, dafür mangelt es seinen sozialistischen Kulturwächtern am Gespür für Zwischentöne. Und auf die kommt es in einem oft nonverbalen Genre an. Fischer studiert an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin, seiner wahren Leidenschaft frönt er vorerst im Geheimen. Wie sein amerikanisches Vorbild wird der DDR-Jazz in Kellerräumen und abgelegenen Kaschemmen geboren. „Wir wollten avantgardistische Dinge tun. Auf dem Gebiet war Jazz die Nummer eins“, erklärt Fischer. „Wenn die gewusst hätten, dass ich bei Lenz spiele, wäre ich geflogen.“ Die Band-Formationen des Trompeters Klaus Lenz sind eine Art Durchlauferhitzer für unzählige Talente. Dass sich Jazz in der DDR zur progressiven Kunstform mausert, ist Leuten wie ihm zu verdanken. Fischer fühlt sich bei Lenz jedoch schnell unterfordert. Er gründet sein eigenes Quintett. Ende der Sechziger lernt er Manfred Krug kennen. „Ich hatte nie vor, Lieder zu schreiben“, gesteht er. Für Krug ändert er seine Meinung. Es ist der Beginn einer kreativen Partnerschaft, die vier Platten abwirft, die heute zu Recht Klassikerstatus genießen. Inspiriert von Chicago, Marvin Gaye und Blood, Sweat & Tears schüttelt Fischer ein Meisterstück nach dem anderen aus dem Ärmel, bedient sich bei Jazz, Pop, Soul, Rock, Blues und Bossa Nova. Krug verleiht ihnen seinen raubeinigen Charme. Er barmt, röhrt und raspelt durch die Arrangements; es klingt, als würden Adriano Celentano und Ray Charles Gedichte von Wilhelm Busch vertonen. „Texte: Clemens Kerber“, informieren die Rückseiten der Platten. Hinter dem Pseudonym steckt Krug selbst. Seine Alltagspoesie schmiert Farbe ins trübe Antlitz des sozialistischen Realismus. Krug, der Mann aus der Arbeiterklasse, holt den Arbeiter von seinem Heldensockel und tanzt mit ihm eine Runde Swing. Ironie der Geschichte: Fischer und Krug hatten ursprünglich englische Texte im Sinn. Die Entscheidung dagegen fällt auf höherer Ebene. Im Nachhinein ist Fischer froh über das Verbot. „Auf Englisch hätten wir irgendeine banale Scheiße fabriziert, denn es konnte ja keiner die Sprache.“ Der Erfolg gibt allen Beteiligten recht.

Superstars sind in der DDR – wie so vieles – Mangelware. Krug ist einer. Amiga-Nachlassverwalter Jörg Stempel erklärt warum: „Viele Schauspieler benutzen ihre Popularität, um auch zu singen. Aber von denen kann ihm keiner auch nur im Mindesten das Wasser reichen.“ Fischer bestätigt: „Er war ein Talent, wie es höchstens alle 50 Jahre vorkommt.“ Krug kostet seinen Ruhm aus, sammelt Oldtimer und Antiquitäten, bewohnt mit seiner Familie eine prächtige Villa in Berlin-Pankow. Auch Fischer genießt Privilegien, unter anderem Konzertreisen ins westliche Ausland. Inzwischen ist in den Regierungsetagen angekommen, dass sich mit Jazz das Ansehen der DDR aufbessern lässt. Fischer zieht einen denkwürdigen Vergleich: „Das hat man behandelt wie den Leistungssport.“ In seiner Disziplin gewinnt er so regelmäßig wie sowjetische Athleten bei den Olympischen Spielen. Er wird der gefragteste Komponist des Landes. Die Sängerinnen Uschi Brüning, Veronika Fischer und Regine Dobberschütz interpretieren seine Lieder. Fischer schreibt die Musik für unzählige Filme. Er hegt Verbindungen zum Kulturministerium. Das lässt ihn gewähren, genehmigt Arbeiten für das Zürcher Schauspielhaus und David Hemmings’ „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ mit David Bowie in der Hauptrolle. Erst in den Neunzigern sinkt sein Stern. Probleme, an Aufträge zu kommen, hat Fischer zwar keine. Doch etwas lastet schwer auf ihm. 1993 beschuldigt ihn Manfred Krug in einem „Spiegel“-Artikel, im Auftrag der Stasi spioniert zu haben. Fischer erzwingt eine Gegendarstellung. „Ich habe niemals in meinem Leben jemanden bespitzelt“, beteuert er noch heute. Im undifferenzierten Nachwende-Klima nützt das wenig. Da reicht schon der bloße Verdacht, um ein Leben zu ruinieren. Fischer kommt mit einem blauen Auge und einem dunklen Fleck in der Biografie davon. Bedenken an seiner moderaten Gegenwehr wischt er mit einem Satz aus der Trickkiste für clevere Geschäftsmänner vom Tisch. „Ich hätte doch nie unsere Legende kaputt gemacht!“

Jazz ist die Musik des Klassenfeindes

Uschi Brüning

Zur Legende hat es Uschi Brüning nicht gebracht. Vielleicht weil sie Manfred Krug zu sehr verehrt hat, um sich aus seinem Schatten zu lösen. Vielleicht weil die Kapellen, in denen sie in ihrer Geburtsstadt Leipzig und später in Berlin sang, vor allem eins waren: Männersache. Uschi Brüning ist die ungekrönte Königin des deutschen Soul-Pop und Jazz. Sagen kann man ihr das nicht. Es würde ihr die Schamesröte ins Gesicht treiben. „Wir müssen alle noch lernen, uns im Applaus zu baden“, bemerkt sie bei einem Konzert in der Berliner Bar jeder Vernunft. Ist das der Grund, weshalb ihre Bekanntheit in den alten Bundesländern gegen null tendiert? Ja, ist es der Grund, warum Generationen von Künstlern noch immer nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen? Können sich die Ostler einfach nicht behaupten? „Sicher, wir schielten nach dem Westen … träumten von der Welt jenseits der Mauer, wollten auch dort einmal zeigen, was wir draufhatten … Alles, was von ‚drüben‘ kam, übte einen Reiz auf uns aus, die Menschen hatten ein gewandteres Auftreten, waren selbstbewusster, alles Dinge, die mich einschüchterten. Wenn ich es recht bedenke, waren wir doch sehr unselbstständig, stark im Dagegensein, aber unfähig, etwas zu verändern“, steht in Brünings kürzlich erschienener Autobiografie „So wie ich“. Ihre Schüchternheit hat sich im Laufe der Zeit in Tollpatschigkeit verwandelt. Kein Uschi-Brüning-Konzert ohne einen umgerempelten Notenständer oder ein versehentlich entstöpseltes Mikro. Im Mai 2019 sitzen wir im Ratskeller Köpenick – noch so ein Traditionsort des DDR-Jazz. Hier kann sie außer einer Tasse Kaffee nichts umwerfen. Aus den Restaurant-Boxen tönt Rammstein. Und draußen feiern die Fans des 1. FC Union Berlin den Aufstieg ihrer Mannschaft in die Fußball- Bundesliga mit Rauchgranaten. Eigentlich wisse sie gar nicht, was es noch zu erzählen gäbe. Es stehe ja schon alles in dem Buch. Brünings Terminkalender quillt über vor Konzerten. Nach unserem Gespräch fährt sie wie fast jeden Abend zu ihrem Mann, dem Saxofonisten Ernst-Ludwig Petrowsky. Er liegt in einem Altenheim. Luten, wie er in Musiker-kreisen genannt wird, habe sie befreit. Als Sängerin und als Mensch. Er weihte sie ein in die Möglichkeiten des Free Jazz.

„Wir müssen alle noch lernen, uns im Applaus zu baden“

Wo jeder individualistische Ausdruck als Dekadenz des Klassenfeinds verdammt wird, sind Improvisation und Transzendenz der Schlüssel zur inneren Revolution. Ihre Jazz-Initiation erlebt Brüning, lange bevor sie ihren Mann kennenlernt: bei einem Gastspiel von Louis Armstrong, der 1965 durch die DDR tourt. So schnell wie bei dieser Offenbarung schlägt ihr Puls nicht mehr bis zu jenem Tag, an dem Klaus Lenz – besagter Trompeter und Bandleader – bei ihr anruft und sie zu einem Vorsingen einlädt. Lenz lässt jede neue Sängerin das Beatles-Stück „Yesterday“ vortragen. Brüning besteht den Test. Nach ihrem Umzug aus Leipzig taucht sie tiefer ein in die blühende Ost-Berliner Musikszene, die sich in Clubs wie der Großen Melodie im alten Friedrichstadtpalast trifft. Sie erwirbt sich den Ruf einer exzellenten Live-Sängerin. Der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf geht zu ihren Auftritten und widmet ihr in „Die neuen Leiden des jungen W.“ eine Lobeshymne. Lenz ermöglicht ihr Konzerte mit Manfred Krug. Brüning hat Engagements in verschiedenen Combos. Nur ein eigenes Album fehlt ihr. Irgendwann wechselt sie zu Günther Fischer, der ihr geniale Soul- Pop-Stücke wie „Hochzeitsnacht“ auf den Leib schneidert. Es sind die frühen 70er-Jahre, die DDR-Popkultur floriert. Heute sagt Uschi Brüning: „Ich bin auch erstaunt, was wir alles hatten. Es war ja jeder in seiner Nische. Da hat man manches auch nicht mitbekommen.“ Zum Beispiel „Nach Süden“ der Gruppe Lift, das zu ihrem aktuellen Programm „Herzenslieder“ gehört. Der Song verpackt seinen Traum von Freiheit in Metaphern, die für DDR-Bürger nicht schwer zu entschlüsseln sind:

Nach Süden, nach Süden wollte ich fliegen,

Das war mein allerschönster Traum.

Hinter den Hügeln wuchsen mir Flügel,

Um vor dem Winter abzuhaun.

Die Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu hören, wächst mit der Not. Zudem gelingt es ostdeutschen Musikern auf verblüffende Weise, ihre Inspirationsquellen aus dem westlichen Ausland wie trojanische Pferde durch den Eisernen Vorhang zu schleusen. Es gibt Jazz und Folk. Es gibt eine Blues-Szene um die Meistergitarristen Hansi Biebl, Jürgen Kerth und Stefan Diestelmann. Es gibt wundervolle Platten, etwa das Debütalbum von Veronika Fischer & Band. Und es gibt zahlreiche Rock-Künstler. „Udo Lindenberg wird angedichtet, er habe die deutschsprachige Rockmusik erfunden. In der Wahrnehmung im Westen sicher, weil sich keiner für Musik aus dem Osten interessiert hat! Dabei hat Udo zu Beginn seiner Karriere auch erst englisch gesungen, da hatten wir schon Bands wie Team 4, die Horst Krüger Band, Lakomy, Electra und die Puhdys“, stellt Jörg Stempel klar. Auch Pop passt in den Siebzigern längst nicht mehr in die Kinderschuhe hüftsteifer Sechziger-Formationen wie der Theo Schumann Combo. Die Songschreiber Franz Bartzsch und Holger Biege entfalten eine mitreißende, melodievernarrte Popsprache. Wem bei Bartzschs „Blues für ein Mädchen“ oder Bieges „Sagte mal ein Dichter“ keine Freudentränen kommen, dem wird auch bei „Pet Sounds“ und „Talking Book“ nicht warm ums Herz. Manche solcher Perlen fristen heute ihr Dasein auf Samplern – die Original-Alben sind längst vergriffen und wurden nie oder nur selten neu aufgelegt.

Die 70er-Jahre sind aber auch die Zeit der inneren Emigration. Repression und Überwachung durchdringen den Alltag. Die Mehrheit der Bevölkerung zieht sich zurück. Überall schießen Plattenbauten und Datschen aus dem Boden. Erich Honecker regiert die DDR nicht, er verwaltet sie wie eine Schrebergartenkolonie. Und auf den Fluren des Kulturministeriums spukt ein mausgrauer Konsens. Die Ausbürgerung von Wolf Biermann und die Ausreise Manfred Krugs lösen Ende der Siebziger einen regelrechten Künstler-Exodus aus. Die meisten gehen in der BRD unter. Wer bleibt, muss öffentlich Buße tun oder mit Verhaftung rechnen. Auf jede halbwegs geglückte Musikerlaufbahn kommen in der DDR zwei tragische. Mit einigen kann man nicht mehr sprechen. Sie leben nicht mehr. Ein Name, der immer wieder auftaucht, wenn es um Menschen geht, denen die Stasi besonders übel mitgespielt hat, ist der Texter und Liedermacher Gerulf Pannach. Er schrieb unter anderem für die Klaus Renft Combo, die mit ihrer Mischung aus Garage-Rock und Protestlied regelmäßig an den Horizont der Herren Kulturaufseher stieß. Auch Pannach unterzeichnete im November 1976 die Protesterklärung gegen die Biermann-Ausbürgerung. Nach neunmonatiger Haftstrafe wurde er nach Westberlin abgeschoben. Dort brachte er seine Verzweiflung zu Papier:

Ob im Osten oder Westen,

Wo man ist, ist’s nie am besten.

Suche, Seele, suche.

Fluche, Seele, fluche.

Pannach starb 1998 an Nierenkrebs. Spekulationen über die Ursachen seines Todes konnten nie geklärt werden. Demnach hatte ihn das MfS einer hohen Dosis Röntgenstrahlen ausgesetzt. Leute wie Gerulf Pannach und Klaus Renft haben Türen aufgestoßen, durch die jüngere Musiker wie André Herzberg gehen konnten. Mitte Juni sitzt Herzberg in einem Berliner Café und bestellt sich einen Salat mit Ziegenkäse. Wir müssen noch warten. Auf Jürgen Ehle. Der wohnt in der Märkischen Schweiz, und sein Zug hat Verspätung. Herzberg ist Sänger und Schriftsteller, Ehle ist Gitarrist. Wir befinden uns in dem Stadtviertel, nach dem sie 1981 ihre Band benannt haben: Pankow. Herzbergs Mutter war zu DDR-Zeiten Staatsanwältin. Sie hat Musiker verknackt, die Instrumente geschmuggelt haben. Sein Vater arbeitete als Journalist, was eine gewisse Regime-Treue voraussetzte. „Die Auseinandersetzung mit meinen Eltern hat mir die Kraft für meine Musik gegeben“, erklärt der 63-Jährige und wischt sich den Mund ab. „Als ich bei Pankow angefangen habe, hat sich das angefühlt wie Revolution.“ Die Revolution fand auf der Bühne statt. „Live konnte man einiges machen, was auf Platte nicht möglich gewesen wäre.“ Zum Beispiel in ihrem Programm „Paule Panke“. Als Album durfte dieser Bastard aus Theatersatire und Rock-Musical lange Zeit nicht erscheinen.

Fortsetzung:

Friederike Göckeler
Friederike Göckeler


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