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Der Sprachtrinker: Zum 70. Geburtstag von Harry Rowohlt

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Der Sprachtrinker: Zum 70. Geburtstag von Harry Rowohlt

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Noch gar nicht so lange her, da hieß es, man müsse nur „übersetzt von Harry Rowohlt“ auf ein Buch drauf schreiben und schon verkaufe es sich wie geschnitten Brot. Noch besser laufen sogar Tonträger, auf denen „gelesen von Harry Rowohlt“ steht. Schon weit vor dem Hörbuch-Boom war der Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper nämlich der liebste Vorleser des Landes; kein Kind muss heute mehr ohne A. A. Milnes „Pu der Bär“ aufwachsen, weil sich – den Verkaufszahlen nach zu urteilen – in jedem Haushalt ein Exemplar von Rowohlts Vortrag des Klassikers befinden müsste.

Noch schöner, als ein Buch von Harry Rowohlt vorgelesen zu bekommen, war es allerdings immer, ein Buch nicht von Harry Rowohlt vorgelesen zu bekommen, weil er nämlich – so geschehen bei seinen epischen, lange Zeit gar exzessiven Lesungen, gegen die Bruce-Springsteen-Konzerte quasi die Fünf-Minuten-Terrine des Storytellings mit Betonung sind – stattdessen selbst ins Fabulieren und Geschichtenerzählen geriet und aus dem Leben und Alltag des Übersetzers, Vorlesers und Teilzeit-„Lindenstraßen“-Darstellers (als Hartmut Rennep alias Penner Harry) berichtete. Ebenso wie in seinen eigenen Werken – der Kolumne „Pooh’s Corner“ für die „Zeit“, seinen gemeinsam mit Ralf Sotscheck auf Band gesprochenen Memoiren „In-Schlucken-zwei-Spechte“, seinen Versen und nicht weggeschmissenen Briefe – hielt er sich mit seinen Meinungen über Mitmenschen nicht zurück und stellte die Eitelkeiten und Empfindlichkeiten seiner Kollegen – ebenso wie die eigenen – ohne Scham aus.

Auf lange Lesereisen geht Rowohlt heute leider krankheitsbedingt nicht mehr, und man muss sich stattdessen mit – allerdings grandiosen – Tondokumenten mit Titeln wie „Der Paganini der Abschweifung“ behelfen. Und wenn man diese zur Feier des Tages mal wieder hervorkramt und nach nochmaligem Anhören die Lachtränen notdürftig getrocknet hat, während die Worte im Kopf nachhallen, geht einem auf, dass aus allem, was Rowohlt hier erzählt und rezitiert, vor allem die Liebe zur Sprache, zu Idio- und Dialekten, zu heiligen Trinkern, echten Typen und Renegaten (und die Missachtung derer, die all dies nicht lieben) spricht. Wie er sich die Worte genüsslich im Mund zergehen lässt, wie er das einfache schwäbische oder kölsche oder fränkische Volk nachahmt, wie er von seinen literarischen Helden Kurt Vonnegut, Flann O’Brien oder dem genialen Wiener Kaffeehausliteraten Alfred Polgar redet, die ihren Nachruhm zu (unterschiedlich) großen Teilen ihm verdanken, von Robert Crumb oder von Shel Silverstein, dem Komponisten von Songs wie „A Boy Named Sue“, „Sylvia’s Mother“ und „The Cover Of ,Rolling Stone’“, der hierzulande vielen erst kurz vor seinem Tod 1999 durch eine Rowohlt-Übersetzung namentlich bekannt wurde – nämlich als Autor von Schüttelreimen.

Der mittlerweile leider verstorbene Robert Gernhardt dichtete vor zehn Jahren:

Harry wird heut sechzig.

Sagt nun nicht: „Das rächt sich!“

Sagt vielmehr: „Das gibt sich.

Nur so wird man siebzig“

Das ist nun geschafft. Alles Gute zum 70. Geburtstag und vielen Dank für alles, lieber Harry Rowohlt!

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