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Die am meisten überschätzten Filme aller Zeiten (3): Full Metal Jacket

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Die am meisten überschätzten Filme aller Zeiten (3): Full Metal Jacket

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ROLLING STONE präsentiert: Die am meisten überschätzten Filme aller Zeiten. In unserer Serie stellen wir Werke vor, die gut sind, aber nicht so gut, wie die meisten Kritiker finden (“Fitzcarraldo”); Werke, die weniger klug sind als gedacht (“Blade Runner”); sowie Werke, die einfach nur weh tun (“True Romance”, den natürlich nur jemand wie Tony Scott drehen konnte). Teil drei:

Full Metal Jacket (Stanley Kubrick, 1987)

Als „Full Metal Jacket“ 1987 in die Kinos kam, hatte Regisseur Stanley Kubrick bereits 7 Jahre keinen Film mehr gedreht. Nach „Barry Lyndon“ (1975), einem dreistündigen historischen Sittengemälde, das mit eindrucksvoll gefilmten tableaux vivants und niemals zuvor inszenierten Szenen bei Kerzenlicht vor allem die Kritik begeisterte, das Publikum aber nach dem Leinwandepos „2001 – Odyssee im Weltraum“ (1968) und der kontroversen Gewaltmeditation „Uhrwerk Orange“ (1971) aufgrund seiner lakonischen Erzählhaltung eher verstörte, kam mit “Shining” (1980) der große Erfolg. Nur Stephen King gab schmollend Interviews, dass er mit Kubricks Adaption seines Schockers nichts anfangen könne.

Nach „Wege zum Ruhm“ war Kubricks Versuch, in “Full Metal Jacket” den Vietnam-Konflikt zu dramatisieren, bereits der zweite große Kriegsfilm. Doch im Gegensatz zu dem subtilen Macht-Drama mit Kirk Douglas in der Hauptrolle verliert sich „Full Metal Jacket“ darin, die Gräuel der Militärschlachten irgendwo zwischen Satire und Horrorfilm einzurahmen. Natürlich ist die erste halbe Stunde, die zeigt, wie Rekruten knallhart ausgebildet und zu Tieren degradiert werden, brillant.

“Full Metal Jacket” ist alles mögliche, aber kein politischer Film

Der Sprung in ein in England notdürftig auf einem Industriegelände nachgestelltes Vietnam fällt aber narrativ enttäuschend aus; die Schilderung des Kriegsreporteralltags bleibt seltsam zahnlos und die bitter-zynische Abrechnung mit einer Nation, die im Grabenkampf mit dem Kommunismus einen völlig aussichtslosen Konflikt mit Waffengewalt niederzuschlagen versucht, erscheint niemals politisch virulent zu werden. Kubrick, ansonsten immer am Puls der Zeit gewesen, verlor sich zum ersten Mal in seiner Karriere in der eigenen, zunehmend anachronistischer werdenden Vorstellungswelt. 

Kein Wunder: Der Regisseur kam nach „Die durch die Hölle gehen“ (1978) und „Platoon“ (1986) einfach zu spät, außerdem hatte Francis Ford Coppola mit „Apocalypse Now“ (1979) schon den fiebrigen Vietnam-Albtraum gedreht, der im Grunde Kubrick vorbehalten war. So blieb dem Amerikaner im englischen Exil nichts anderes übrig, als  ein paar Kunstpalmen zu pflanzen, die selben zwei Hubschrauber und Panzer, die gemietet waren, auf trickreiche Art und Weise in unterschiedlichsten Variationen zu filmen und mit einem allerdings immer noch atemberaubenden Schluss die völlige Verrohung der Soldaten zu dokumentieren.

Seinem Gesamtwerk konnte er damit aber zumindest ideologisch keine neue Stoßrichtung geben. Insgesamt ist der moralische Unterbau mit seiner skeptischen Dekonstruktion der wankelmütigen conditio humana längst durchsichtig geworden. Im Fußball würde man wohl sagen: Die Taktik ist entschlüsselt.

Ein Film über den Kriegsfilm

„Full Metal Jacket“ gilt als Klassiker des Anti-Kriegsfilms, obgleich sich der 1999 gestorbene Filmemacher immer dafür ausgesprochen hat, ihn als Kriegsfilm zu bezeichnen.  Denn jede Darstellung von Krieg könne zwar die Sinnlosigkeit des Gemetzels verhandeln, diene aber trotz des subversiven Anspruchs letztlich als Gewaltpornographie für die (vor dem Kampf gelangweilten) Marines.

Und so ist die größte Stärke von „Full Metal Jacket“ auch seine größte Schwäche: Statt einen zeitgenössischen Film über den Vietnamkrieg zu erzählen, beschränkt sich Kubrick auf den irr gewordenen Blick von Private Pyle (der Jack Nicholsons Fratze des Wahnsinns aus “Shining” unfreiwillig komisch Revue passieren lässt), die Hasstiraden des gnadenlosen, bis zur Parodie verzerrten Ausbilders Sgt. Hartman und eine Auseinandersetzung mit den Bildern des Krieges, wie sie im Kino und Fernsehen inzwischen zur Gewohnheit geworden waren.

Das reichte, um zu einem Klassiker zu werden. Im Vergleich zu „Wege zum Ruhm“ (1957)  und anderen Monolithen des Genres  wie „Birth Of A Nation“ (1915), „Im Westen nichts Neues“ (1930), „Barfuß durch die Hölle“ (1959) oder „Komm und sieh’“ (1985) fällt die philosophische Tiefe gegenüber den spektakulären und natürlich immer noch dringlichen Bildern deutlich ab.

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