Die Mauer steht wieder: Roger Waters und „The Wall“

E-Mail

Die Mauer steht wieder: Roger Waters und „The Wall“

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Wir erinnern an dieses große Ereignis mit einem Text aus unserem Archiv über die Wiederaufführung des Spektakels in Deutschland im Jahr 2011:

Die Mauer steht wieder

Von Brian Hiatt

Noch einmal bringt Roger Waters seine Rock-Oper auf die Bühne – zum ersten Mal so, wie er sie selbst geplant hatte. „The Wall“ ist das Resümee seines Schaffens und zugleich sein letztes Großprojekt. Nun führt er das Spektakel in Deutschland auf.

Herbst 2010, New York City. In diesem Moment wäre Roger Waters froh, wenn er eine Miniatur-Ausgabe seiner „Wall“ zur Hand hätte. Kaum dass er seine 1,90 Meter auf dem Rücksitz der Limo verstaut hat, die uns zu einem Restaurant in Manhattan bringen soll, wird ihm klar, dass der Chauffeur ein wenig zu anhänglich ist. Waters sackt in sich zusammen. „Bin ein Fan, seit ich denken kann“, knarzt der baseballkappenbeschirmte Fahrer namens Fred mit breitem New Yorker Akzent. „Habe, Wish You Were Here‘ ins Herz geschlossen, als ich durch Europa getrampt bin. Das beste Album, das jemals gemacht wurde. Muss ein geiles Gefühl sein, zu wissen, dass man eine ganze Generation damit beeinflusst hat.“

Roger Waters – der Perfektionist

„In der Regel erfahren wir so etwas erst, wenn wir in Ihr Auto steigen“, sagt Waters in knochentrockenem Oxford-Englisch. Was sich hinter seinen stahlblauen Augen wirklich abspielt, lässt sich nur schwer erahnen. Aber es scheint, als wolle er diesmal gute Miene zum bösen Spiel machen. Es ist seiner Laune sicher auch nicht abträglich, dass er sich gerade schon ein paar Gläschen eines exzellenten Montrachet gegönnt hat, als Belohnung für einen anstrengenden Tag: Morgens war er von seinem Haus in den Hamptons nach Manhattan gefahren, hatte zunächst an Bizeps, Trizeps und der Bauchmuskulatur gearbeitet („Es bringt mich um, aber ich muss einfach kräftiger werden“), hatte dann mit einem Gesangslehrer Tonleitern geübt, um wieder die höheren Lagen aus seiner Jugend erreichen zu können, hatte mit einem Stylisten Bühnen-Outfits – ausnahmslos in Schwarz – ausgesucht (und dabei ein Paar Lederstiefel als „sehr Bruce“, andere als „zu Pete Townshend“ verworfen) und war schließlich in ein Produktionsstudio gefahren, um an Details der Bühnenbeleuchtung und Animation zu feilen.

Seit Januar 2010 arbeitet er nun ununterbrochen an der ersten definitiven Tour-Version dessen, was er als Kernstück seiner Karriere versteht: „The Wall“, die Geschichte eines entfremdeten Rockstars namens Pink, dessen Biografie eine unverkennbare Parallele zu seiner eigenen hat. Die Show wird nun auch in Deutschalnd aufgeführt. Pink Floyds ursprüngliche Bühnenversion – mit ihren überdimensionalen Puppen und der riesigen Mauer – lieferte die Grundlage für alle Bühnenspektakel, die danach folgen sollten, von „Steel Wheels“ bis „Zoo TV“. Aber die Show wurde nur in vier Städten gezeigt, stets unterbrochen durch mehrmonatige Pausen. Und da offiziell keine Aufnahmen von diesen Shows existieren (von Gerald Scarfes Animationen abgesehen, die auch in der Filmversion von 1982 eingesetzt wurden), gerieten sie immer mehr in Vergessenheit.

Diese Rock-Oper war eigentlich ein Himmelfahrtskommando

Die Shows schrieben rote Zahlen (bei Ticketpreisen von zwölf Dollar) und trugen dazu bei, dass die Band endgültig auseinanderdriftete. „Sie kamen immer näher an den Punkt, wo sie sich nicht mehr sehen wollten“, so Architekt Mark Fisher, der die alte und auch die neue Bühne baute (und für das „Spaceship“ bei U2s „360°“-Tour verantwortlich war). „Es war ein willkommenes Alibi, das ganze Projekt als unrealistische Schnapsidee abzutun und eigene Wege zu gehen.“

Licht-Regisseur Marc Brickman, der 1980 gerade zum Team gestoßen war, erinnert sich an seine ersten Eindrücke: „Es war der helle Wahnsinn, im Rahmen einer Rock’n’Roll-Show plötzlich so etwas wie eine Oper inszenieren zu wollen. 1980 konnte man von einem derartigen Projekt nicht einmal träumen.“ Für Waters hingegen war die Vorgabe schon damals klar: „Man kann die Leute nicht in den Zirkus locken und ihnen dann nur Flöhe präsentieren. Es müssen schon Elefanten und Tiger sein.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Roger Waters einen Fan bespuckte

E-Mail