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Die Oscar-Gewinner 2016: ROLLING-STONE-Prognose zu den 88. Academy Awards

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Die Oscar-Gewinner 2016: ROLLING-STONE-Prognose zu den 88. Academy Awards

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Bester Film

Vor Kinostart wurde Steven Spielbergs Cold-War-Thriller „Bridge Of Spies“ als Favorit gehandelt. Nach Kinostart hat er lediglich noch Außenseiterchancen. Zu Recht, denn der Film ist smart und chatty, aber nicht so episch, wie er hätte sein sollen; es sind die persönlichen Beziehungen der vermeintlichen Feinde, US-Rechtsanwalt (Tom Hanks) und kommunistischer Spion (Mark Rylance), die hängen bleiben. Vielleicht hätte Spielberg ein Theaterstück daraus machen sollen, als multiperspektivisches Ausstattungskino überzeugt das Drama nur bedingt. Spielberg hat nicht einmal eine Regie-Nominierung erhalten.

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Mad Max: Fury Road ist der Actionfilm, der Science-Fiction-Film, der Outlaw-Film, den alle lieben wollen, vor allem Kritiker, die solche Genres sonst nur mit der Kneifzange anfassen. Es ist ein Phänomen, das ungefähr alle 15 Jahre auftaucht: Dann wird ein Kinowerk herausgegriffen und in den Himmel gelobt, weil man zuvor schon zu viele Versäumnisse (in den letzten 15 Jahren gab es z.B. die Batman-Filme oder „Skyfall“) verbucht hatte. So ein Fall ist der vierte Mad-Max-Streifen von George Miller. Ausgerechnet der. „Feminismus“, „Nonstop-Action“, eine „Hommage an das Stuntkino“ – natürlich kann man alles Mögliche in diesem mutig auf jeglichen Inhalt verzichtenden Film hineinprojizieren. Besser macht ihn das nicht.

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Gewinner: The Revenant. Er sah sowieso lange Zeit als der große Favorit aus. Zwölf Nominierungen, die meisten davon in technischen Bereichen, aber auch für „Hauptdarsteller“, „Regie“ und „Nebendarsteller“ – bis auf die Drehbuch- und Darstellerinnen-Kategorie ist alles Wichtige abgedeckt. Es gab außerdem den Golden Globen sowie einen BAFTA (British Academy Of Film and Televsion Arts) für den „Besten Film“, dazu den „Director’s Guild of America“-Award, der als hochgradig wegweisend für die Oscars gilt (Statistik: in acht von zehn Fällen). Noch Zweifel am Erdrutsch-Sieg bei den Academy Awards? Leise Zweifel. „Spotlight“ hat in der Kritiker-Gunst fast aufgeholt, erhielt den AFI Award (American Film Insitute Award) als auch den Screen Actors Guild Awards für das Schauspielensemble – auch dieser Preis für Darsteller fließt in die Chancenauswertung für einen „Besten Film“ ein.

Das größte Problem aber könnte, ungewollt, Regisseur Alejandro González Iñárritu selbst sein. Der Mexikaner würde im Fall der Fälle nach „Birdman“ seinen zweiten „besten Film“ in Folge feiern und vielleicht selbst noch eine Trophäe als Regisseur einstreichen. Das ist bei den Academy Awards eigentlich unerhört. Folgesiege gibt es dort höchstens in Schauspielerkategorien. Will das Oscar-Gremium sich also das leisten? In einer gerechten Welt müsste die Frage eher lauten: Hat „The Revenant“ die höchste Auszeichnung denn überhaupt verdient? Ja, schon. Es ist ein eher überwältigender als kluger Film, ein Überwindungs-Kino, mehr Kraftakt als Erzählung. Aber er ist, so, wie er ist, einzigartig. Ein Film wie dieser wird nie wieder gedreht werden.

Wäre doch bloß Werner Herzog wieder jung.

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In Spotlight hat „The Revenant“ seinen ärgsten Konkurrenten, und es ist schon auffällig, wie besonders deutsche Journalisten sich hungrig auf diesen Film stürzen, ein wenig auch wie geschlagene Hunde, denn wir können den Vorwurf der „Lügenpresse“ ja nicht mehr hören. Aber auch hier erleben wir saubere Recherche, die zu großartiger Arbeit führt. Tom McCarthys Film erzählt, wie die Zeitung „Boston Globe“ 2001 Missbräuche von Kindern aufdeckte, und wie die Katholische Kirche alles daran setzte, die Aufklärung zu vertuschen und ihre Priester aus dem Rampenlicht rauzuhalten.

Es ist McCarthys Kunst und gleichzeitig Manko, das unfassbare Verbrechen so nüchtern zu erzählen, als läse man es im „Boston Globe“ selbst. Vielleicht wäre „Spotlight“ deshalb eine Story, die man lieber auf Gedrucktem lesen statt im Kino sehen würde. Die zurückhaltenden Darstellungen – von einem peinlichen Oscar-Bait-Gefühlsausbruch Mark Ruffalos abgesehen – und die unspektakuläre Fotografie runden dennoch diese sehr gute Nummer zwei im Oscar-Jahrgang 2016 ab.

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The Big Short. Was macht man aus dem Horror der Finanzkrise von 2008? Vielleicht wäre man auf Adam McKay als Regisseur nur bedingt gekommen, er inszenierte zuvor „Anchorman“ und „Die etwas anderen Cops“, aber der Komödienfachmann macht das Beste und vielleicht einzig Mögliche draus: absurdes Kino, angelehnt an der realen Wirtschaftswelt. Was jedoch wenig hilft, die Finanzwelt zu verstehen  – selbst dann nicht, wenn Hollywoodstars unter ihrem echten Namen eingeblendet werden, um Aktien, Hedgefonds und Co zu erklären, oder wenn ein Jenga-Turm das fragile System darstellen soll. Fünf Nominierungen, darunter in den Kern-Kategorien Regie, adaptiertes Drehbuch sowie Schnitt. Keine ausschlaggebenden Preise im Vorlauf für die Oscars abgeräumt. Außenseiterchancen für den „Besten Film“. Die Frage ist einfach, will die Academy so ein kompliziertes Werk auszeichnen.

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Es sind, siehe „Mad Max: Fury Road“, die phantastischen Filme, die in diesem Jahr geliebt, wenn auch nicht bewundert werden. The Martian ist das zweite Beispiel. Seit seinem „Gladiator“ aus dem Jahr 2000 mühte sich Ridley Scott um eine weitere große Berücksichtigung bei den Oscars ab, nun ist es – ausgerechnet mit einer Komödie – erneut so weit. Für eine Regie-Nominierung hat es zwar wieder einmal, und das völlig zu Recht, nicht gereicht, aber die sieben Nennungen können sich dennoch sehen lassen. Die Geschichte vom auf dem roten Planeten zurückgelassenen Astronauten bietet ja auch alles, was das US-Herz begehrt, eine Mischung aus Wild West, Kolonialisierung und natürlich ein „Bring The Boys Back Home“. Die Amerikaner lieben ja das “alle für einen” noch mehr als das “einer für alle”. Im Vergleich zu den anderen Nominierten ist dieser Film dennoch nur wie ein Knoppers, die Mahlzeit zwischendurch.

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Beste Regie

Die Leistung von Action-Regisseuren wird meist verkannt oder einfach ignoriert. Kampfszenen, Verfolgungsjagden, Kamera unter dem Auto, Staub in der Nase – der kauzige Australier (man möchte ihn für kauzig halten, weil er Australier ist) George Miller, 70 Jahre alt, hat sich für Mad Max: Fury Road nicht gerade zurückgenommen. Einen Regie-Preis bekommt man für dieses Kino, auch wenn es angeblich mehr Stunts und Practical Effects als CGI enthält, aber nicht. Alfonso Cuarón erhielt zwar vor drei Jahren diese Auszeichnung, vor allem für seine technischen Leistungen, aber das war auch Kompensation dafür, dass sein „Gravity“ als Sci-Fi-Werk niemals als „bester Film“ honoriert werden würde. Die Mad-Max-Nominierung ist eh eine Pointe, bedenkt man, dass der „kauzige Australier“ zwar für „Happy Feet“ schon mal einen Oscar gewinnen konnte („bester animierter Film“), die Regie-Nennung ihm aber für diesen Truck-Trash hier vorbehalten bleiben sollte.

Mit Adam McKay hätte man vor Drehstart von The Big Short wohl nicht gerechnet, und die Academy wird sich hüten diesen Mann, der für „Anchorman“ verantwortlich zeichnete, mit einem Regie-Oscar auszuzeichnen.

Lenny Abrahamson ist fast 50, wird aber noch als Newcomer gehandelt. Vielleicht liegt das an seiner wie ein Independent-Film daherkommenden Tragikomödie „Frank“ aus dem vergangenen Jahr. Mit Room dem Drama über eine jahrelang in einem Schuppen gefangen gehaltene junge Frau und ihren dort geborenen Sohn, macht er alles richtig – das Werk ist auch, wenngleich chancenlos, für den “besten Film” nominiert. Seine Darsteller sind hellwach, Brie Larson hätte den Oscar verdient, der neunjährige Jacob Tremblay liefert eine der besten Kinderleistungen überhaupt ab, William H. Macy meldet sich, wenn auch nur in einer Nebenrolle, mit beeindruckender innerer Spannung zurück. Mitleidlos, nie tränenrührig, mit Blick auf das Wesentliche. Viel wichtiger als der unmenschliche Kerkermeister, über dessen Bestrafung wir uns keine Sorgen machen müssen, weil wir ihn aus den Augen verlieren werden, ist die Frage: Wie macht man Mutter und Kind mit der neuen Welt vertraut, die ihnen so lange verschlossen blieb? Für einen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“ wird das der Academy dennoch nicht reichen.

Gewinner: Alejandro González Iñárritu: Schafft er, nach „Birdman“, die Premiere, den zweiten Regie-Oscar in Folge? Golden Globe und den „Director’s Guild“ gab es für „The Revenant“ bereits. Iñárritu hätte ihn auch hier verdient. Seine Handschrift hebt den Film auf eine andere Ebene: die spektakulären One-Takes, die unbedingte Voraussetzung, nur bei realem Tages- und Nachtlicht zu filmen, der harte Gang in die Winternatur, der beeindruckendste digitale Bär aller Zeiten, und überhaupt die Message, dass Rache nur etwas für Leute ist, die nicht wissen, dass es danach noch ein Morgen geben wird, und viele weitere einsame Morgen mehr.

Tom McCarthy ist mit Spotlight vielleicht der unbekannteste Teilnehmer (seine auffälligste Arbeit war 2009 das Drehbuch für das Pixar-Abenteuer „Up“), aber nicht der chancenloseste. Er leitet in dem Missbrauchs-Drama ein Ensemble von Stars wie Michael Keaton, Mark Ruffalo, Stanley Tucci, Rachel McAdams sowie John Slattery, und aus dieser Gruppe entsprangen jeweils zwei Darsteller-Nominierungen. Nicht schlecht für einen Regisseur, dessen zuvoriger Beitrag noch das schlimme Adam-Sandler-Vehikel „Der Schuhmagier“ gewesen war. Man will sich nicht einig darüber werden, ob die nüchterne Anleitung seines aktuellen Allstar-Teams, in dem kaum einer hervorstechen will, die größte Stärke oder Schwäche von „Spotlight“ sein könnte. Prinzipiell ist es eher gut, wenn ein Filmemacher sich nicht aufdrängen will.

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