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Die Stimme: Zum Tod von Dieter Thomas Heck

15 Jahre, 183 Sendungen lang führte kein Weg an Hecks streng, aber immer mal wieder anders reglementierter Schaubude vorbei. Media Control ermittelte seit Mitte der 70er-Jahre, später durften die Zuschauer per Anruf und „TED“ ihre Lieblingslieder bestimmen, und wer dreimal dabei war, der musste raus. Heck überreichte in Plexiglas gegossene Einsen, Zweien und Dreien. Er ermöglichte Bernd Clüver und Juliane Werding, Roland Kaiser und Bernhard Brink, Howard Carpendale und Mary Roos, Costa Cordalis und Jürgen Marcus, Vicky Leandros und Lena Valaitis und Henry Valentino und die Gebrüder Blattschuss und Helga Feddersen und Didi Hallervorden. Es war ein Zirkus der Rituale und hinter den Kulissen ein Bacchanal, wie nicht nur Gunter Gabriel später erzählte.

Heck 2012 in Offenburg

Dieter Thomas Heck war Direktor, Zeremonienmeister und Herbergsvater, mit 40 Jahren ein soignierter Herr. Seine Schützlinge liebten ihn. Er war der Gottseibeiuns des Feuilletons und der Watschenmann des Bildungsbürgertums. Die „ZDF-Hitparade“ war eine raffinierte Inszenierung des unverstellt Künstlichen, die Musik – das „Playback“ – wurde eingespielt, der Toningenieur saß gut sichtbar hinter seinem Pult und wurde witzelnd angesprochen. Die „Hitparade“ zeigte jederzeit, dass alles gemacht war. Es war eine ehrliche Veranstaltung. Das Publikum auf der Tribüne klatschte steif mit, Mädchen in Schlaghosen überreichten ihren Lieblingen rotwangig Blümchen – Küsschen auf die Wange.

Dieter Thomas Heck diversifizierte: Er moderierte „Die Pyramide“ im ZDF, eine ernste Ratesendung, bei der Kandidaten an den Sessel gefesselt wurden, damit sie nicht gestikulierten und ein Hausjurist am Telefon zu Rate gezogen wurde, den Heck bespöttelte. Doktortitel galten ihm nichts. Er war ja ein König. Die „Neue deutsche Welle“ integrierte er als Altvorderer souverän und duldsam: Auch das wird vorübergehen. Es ging vorüber.

Dieter Thomas Heck, 183. und letzte Sendung der ZDF-Show „Hitparade“ am 10.11.1984 in Berlin

Heck hätte die „Hitparade“ nicht abgeben sollen. Es gab Nachfolger, aber keiner konnte ihm nachfolgen. Viktor Worms und Uwe Hübner waren Männer der nachgeborenen Generation, sie imitierten das Joviale, aber sie hatten keine Autorität. Sie kumpelten. Der Grandseigneur moderierte nach 1984 „Melodien für Millionen“, „Musik liegt in der Luft“ und zahllose Schlager-Festivals und Benefiz-Shows, er huschte durch „Tatort“ und Vorabendserien, immer er selbst: die toupierten Haare, die Brille, die Stimme. Diese Stimme.

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Ein Teil Musikgeschichte: Diesen Orten wurden großartige Songs gewidmet

Berlin: Iggy Pop – „The Passenger“ https://www.youtube.com/watch?v=D9srgtTTVwk Vielleicht kann sich der eine oder andere noch an das Gefühl erinnern, wie es war, in den Siebzigern durch Westberlin zu streifen – Iggy Pop, der dort zu jener Zeit mit David Bowie lebte, Musik machte und sich von einschlägigen „Künstler-Substanzen“ fernzuhalten versuchte, hat sein damaliges Lebensgefühl im Song „The Passenger“ auf dem Album „Lust For Life“ für die Ewigkeit konserviert. Fotografin Esther Friedman, die sieben Jahre ihres Lebens mit dem Künstler teilte, erklärte einst, dass „The Passenger“ durch Pops Fahrten mit der Berliner S-Bahn inspiriert wurde: I am a passenger I stay…
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