Folge 18

Die Plagen des Sommers

Wir im Norden sind besonders geschlagen durch unseren langen Winter und vor allem durch die lange graue Zeit in der sich das Wetter nicht entscheiden kann. Nach Neujahr warten wir manchmal Monate im Nieselregen, im Nebel, im grauen fahlen Licht der nichtanwesenden Sonne hinter der kilometerdicken Wolkendecke.

Wenn dann die ersten warmen Tage irgendwann Anfang Mai kommen, ist es so, als wenn wir unter Wasser zu lange die Luft angehalten hätten, und mit dem letzten Rest an Leben in uns schnellen wir nach oben um einzuatmen.

Wir eilen nicht mehr von Eingang zu Eingang um Erledigungen zu machen, sondern wir betreten – so wie die Menschen des Südens – die Straßen, um auf ihnen zu gehen und zu verweilen, wir sitzen auf Plätzen, um zu sehen und zu sprechen, und suchen jede Möglichkeit, uns unter freiem Himmel zu versammeln.

Doch die Plagen des Sommers lassen nicht lange auf sich warten. Sobald sich das warme Wetter einmal eingerichtet hat, tauchen sie eine nach der anderen auf:

Erstens: Insekten. In Form von Motten, Mücken, Wespen. Diese Plagegeister sind verkraftbar, man kann sich recht einfach gegen sie wehren, indem man sie zum Beispiel mit einem Pantoffel totschlägt.

Zweitens: Die Hundesaison beginnt! Bereits schwieriger zu handhaben, da an jedem Hund, den man mit seinem Pantoffel totschlagen möchte, immer noch ein menschlicher Wurmfortsatz dranhängt. Die Kombination Mensch-Hund ist eh eine sonderbar verquere. Menschen führen Hunde durch die Gegend und diese nutzen die Möglichkeit, um sofort soviel Urin und Kot wie möglich im städtischen Raum abzuschlagen. Die von mir vermutete psychologische Bedeutung dazu ist: Hundebesitzer möchten gerne in der Öffentlichkeit urinieren und koten. Da das mit gesellschaftlicher Missbilligung verbunden ist, haben sie ihren Anus extrahiert, ihn durch eine Leine in eine Art laufende Boje ausgelagert, ihm einen unschuldigen Namen wie „Bootsmann“ verpasst und führen ihn nun „Gassi“. Durch diesen einfachen Trick müssen sie sich kaum noch an die geltenden Verkotungsvorschriften halten. Mit anderen Worten, sie führen ihre eigenen Ani an der Leine spazieren und können dadurch fast nach Belieben Verdautes absetzen. Zu bemerken dabei: Ein Mensch mit einem Hund ist also immer auch ein Mensch mit zwei Arschlöchern.

Die größte Plage des Sommers ist allerdings rein menschlicher Natur, sie trägt ihren Namen wie eine Drohung: Biker – genauer gesagt: Harley- Fahrer.

Harley-Fahrer sind eine eigene Abspaltung des männlichen Geschlechts, das ja per se schon eine perverse Abspaltung des menschlichen Geschlechts ist. Harley-Fahrer sind die Krone dieses Irrwegs der Schöpfung: reiche, ältere Männer im Freiheitswahn. Sie verwechseln die ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit, wenn sie mit einem Soundpegel von durchschnittlich 110 dB (also der Lautstärke eines startenden Flugzeuges) durch die Innenstädte dieses Landes fahren, mit Bewunderung. Sie glauben tatsächlich, dass all die Menschen, die sich erschreckt, irritiert, genervt, verängstigt oder auch angewidert nach ihnen umschauen, dieses aus Respekt tun, aus Verehrung und Interesse. Sie genießen ihr Auftreten und finden es gerechtfertigt, dass alle Lebewesen im Umfeld von 500 Meter um sie herum für die Zeit ihres Auftauchens weder hören noch kommunizieren können, alle sollen gefälligst schweigen, wenn sie auftauchen.

Man sagt, solche Männer hätten kleine Penisse und müssten ihre Minderwertigkeitskomplexe mit großen Maschinen sublimieren. Ich glaube das nicht. Ich halte das für billige, geschmacklose Ironie. Ich kann über solche Witze nicht lachen. Harley-Fahrer haben ganz normale Penisse, einige vielleicht sogar sehr schöne. Problematisch sind – ihre Säcke! Sie haben ekelhafte fette, volle Säcke, die wie bösartige Kröten zwischen ihren Beinen lauern.

Versuch einer körperlichen Kategorisierung: Ihre Torsi sind riesige, brachiale Trumme, sie wirken wuchtig, massiv, und sind berstend vollgestopft mit aufgemotzten männlichen Organen, Drüsen, Muskeln, Sehnen und vor allem Samensträngen. Harley-Fahrer produzieren viel Adrenalin, sehr viel Testosteron und vor allem sehr, sehr viel Sperma in ihren massiven Krötensäcken. Sie sind bis zum Rand vollgepumpt mit ihrem eigenen Sperma. Der Begriff Spermatanker erscheint angebracht, denn sie könnten ganze Städte mit einer Entleerung besamen, auch auf die Gefahr hin, dass die Einwohner dabei ertrinken müssten. Wenn sie schwitzen, zum Beispiel beim Trainieren im Harley-Biker-Center, fließt ihnen das eigene Sperma über die Stirn. Wenn sie erkältet sind, fließt es ihnen aus der Nase. Und wenn sie sich verletzen, quillt Sperma aus ihren Adern. Sind Harley-Fahrer traurig – weinen sie Sperma.

Man muss aufpassen, wenn man sie anfasst, weil sie immer etwas klebrig sind und bei jeder Berührung sofort befruchten können. Das klingt vielleicht positiv und lebenszugewandt, aber zu ihrer Fruchtbarkeit kommt ihre enorme Aggressivität. Wenn es geht, wollen sie erst schlagen und dann befruchten. Am liebsten erst totschlagen, aber dann doch noch befruchten. So dass der Samen in das Ei eindringt, wenn die besamte Person das Leben aushaucht – erotique paradox.

Um die Menschen vor einem solchen Besamungsexitus zu schützen, sollten wir – so wie in dem Film „die Klapperschlange“ – eine komplette Stadt zur Harley-Town erklären, eine Stadt, zu der dieses Image gut passt. Man könnte einen großen Zaun um die Stadt bauen und alle Harley-Fahrer der Welt dort einsperren – Zigtausende. Und die dürften dann endlos in dieser Stadt im Kreis fahren, in einem gigantischen Malstrom, bis sie und die Stadt – schon vollkommen irre von dem infernalischen Lärm, den betäubenden Abgasen, dem bestialischen Gestank und den Flüssen von Sperma – schließlich in einem ultimativen Crescendo explodieren würden. Mein Vorschlag für diese Stadt wäre: Düsseldorf.

ROLLING STONE präsentiert: 

Die große Rocko Schamoni Schau 22

Unser Kolumnist geht mit seinem neuen Album „All Ein“ auf Tour, spielt neue Songs und liest seine „Dummheit als Weg“-Texte. Auch in Düsseldorf.

Fr. 26.08. Barmstedt Kulturschusterei       
Di. 30.08. Köln Gloria 
Mi. 31.08. Düsseldorf Zakk 
Do. 01.09. Essen Zeche Carl        
So. 18.09. Bremen Schlachthof      
Do. 22.09. Hannover Pavillon       
Mi. 28.09. München Volkstheater 
Do. 29.09. Wien Rabenhof       
Sa. 01.10. Hamburg Schauspielhaus       
Sa. 15.10. Zürich Kosmos  
So. 16.10. Stuttgart Im Witzemann 
Fr. 04.11. Göttingen Göttinger Literaturhebst  
Di. 13.12. Berlin Festsaal Kreuzberg 

Autorenbild von Kerstin Behrendt