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Er hat dem Leid die schönste aller Stimmen gegeben: Robert Wyatt wird 70

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Er hat dem Leid die schönste aller Stimmen gegeben: Robert Wyatt wird 70

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Er war ein Derwisch, der mit nacktem Oberkörper auf sein Schlagzeug eindrosch und ihm dabei manchmal gar – wie der große Elvin Jones – eine Melodie abrang. Er war ein Tunichtgut und ein Schwerenöter, ein Dadaist und Spaßmacher, ein Anarchist und ein Jazzer, einer, den Grenzen nur interessierten, weil es sie zu überwinden galt. Dann fiel er im Alter von 28 volltrunken aus dem Fenster und musste sich von da an im Rollstuhl fortbewegen. In seiner Musik überwand er aber selbst diese Einschränkung, ließ seine traurige, schöne Stimme klingen wie die Trompete von Miles Davis und verwandelte den Schmerz in Schönheit.

Geboren wurde Robert Wyatt-Ellidge am 28. Januar 1945 als Sohn einer Journalistin und eines Psychologen im englischen Bristol. Er ging in Canterbury zur Schule, lernte den amerikanischen Schlagzeuger George Neidorf kennen, der ihm Unterricht gab, und den australischen Hippie Daevid Allen, mit dem er in Bands spielte – zunächst im von Sun Ras Free Jazz inspirierten Daevid Allen Trio, dann bei den Jazz-infizierten, Song-orientierten Wilde Flowers, wo er seine hohe Stimme erstmals erklingen ließ. Platten veröffentlichte diese Band nicht, doch sie war der Samen, aus dem die Canterbury Scene spross: Wyatt zog mit Kevin Ayers und Hugh Hopper weiter zu Soft Machine, Allen stieg kurz ein, gründete dann aber Caravan.

Soft Machine vereinten ihre Liebe zum Jazz mit der schrulligen Psychedelia der Zeit, spielten neben Pink Floyd im Londoner UFO Club und im Roundhouse und tourten mit der Jimi Hendrix Experience durch die USA. Ayers verließ 1968 die Band, um als Troubadour durch die Lande (und Betten) zu ziehen, Soft Machine spielten von da an Suiten statt Songs, wurden virtuoser und komplexer; ihre dritte Platte, ein irres Jazz-Elektronik-Rock-Fusion-Werk, war schließlich ihr Meisterstück. Danach wurde es dem Instinktmenschen Wyatt bald zu ernst und theoretisch und er verließ die Band, um eine Zeit lang mit der Spaßfraktion Matching Mole weiter zu musizieren.

Anfang 1973 begleitete er seine Freundin Alfreda Benge nach Venedig, wo sie als Schnittassistentin an Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ mitarbeitete. Die beiden bezogen mit der Hauptdarstellerin Julie Christie ein Haus auf der Insel Guidecca, und während die Damen in der Stadt drehten, schrieb Wyatt auf einer kleinen Spielzeugorgel Liebeslieder für seine Alfie, um sie ihr vorzuspielen, wenn sie beim Mondlicht wieder nach Guidecca übergesetzt hatte:

You look different every time you come

From the foam-crested brine

It’s your skin shining softly in the moonlight

Partly fish, parly porpoise, partly baby sperm whale

Am I yours? Are you mine to play with?

Im Juni 1973 wollte er mit den neuen Lieder ins Studio gehen. Doch am Abend vor den Aufnahmen fiel er volltrunken aus dem vierten Stock eines Wohnhauses in Maida Vale, London. Acht Monate verbrachte er im Krankenhaus, das er schließlich im Rollstuhl verließ, um gleich ins Studio zu gehen und seine Liebeslieder an Alfie aufzunehmen. Zum ersten Mal konnte er sich hier nicht mehr hinter seinem Schlagzeug verstecken und sang mit zerbrechlicher Stimme zu kindlich gespieltem Keyboard, während Soft Machines Hugh Hopper, Caravans Richard Sinclair, Fred Frith und der junge Mike Oldfield eine geradezu schwerelosen Sound erzeugten, der wie nichts sonst klang im Prog-Rock-verseuchten England. Diese Lieder schienen eher eine beseelte Fortführung von Cans ozeanischem „Future Days“. Man hatte fast das Gefühl, der tragische Unfall war für Robert Wyatt am Ende eine Befreiung von den Fesseln der Virtuosität und der elitären Haltung der Prog-Rocker und Jazz-Fusionisten.

Am Tag, als das Album schließlich erschien, heiratete er seine Alfie. Mit einer Coverversion des Monkees-Hits „I’m A Believer“ schaffte er es im selben Jahr sogar in die Single-Charts und trat in der britischen Chartshow „Top Of The Pops“ auf. Ausgestrahlt wurde sein Auftritt jedoch nicht: Ein Mann im Rollstuhl sei kein familienfreundliches Programm, hieß es.

Ein Popstar war aus ihm nicht mehr zu machen. Es war kein leichtes Leben ohne Geld in einer kleinen Kammer in London, die nicht einmal genügend Platz für ein Klavier bot, um neue Musik zu komponieren. Ende der Siebziger trat Wyatt in die Kommunistische Partei ein und weigerte sich, weitere Alben für die Majorfirma Virgin aufzunehmen. Stattdessen machte er bis zum Ende seines Vertrages lieber Singles mit Protestsongs, Arbeiter- und Befreiungslieder für das Indie-Label Rough Trade. Unter schlechten Bedingungen, mit beschränkten Möglichkeiten Lieder der Freiheit zu singen – das nannte man damals Punk. Wyatt sang „At Last I Am Free“ von Chic und Elvis Costello und Clive Langer schrieben ein Lied über den Falklandkrieg für ihn, das „Shipbuilding“ hieß. 1985 erschien bei Rough Trade ein neues Soloalbum, das wie ein Demo klang. Doch selbst mit bescheidenen Mitteln gelangen Wyatt mit „The Age Of Self“ ein überaus eingängiger Popsong und mit dem epischen „Gharbzadegi“ eines seiner schönsten Lieder.

Ende der Achtziger zog das Ehepaar Wyatt von London Richtung Norden. Ins kleine Städtchen Louth in der Grafschalt Lincolnshire. Dort haben die beiden seitdem ein kleines Häuschen für sich, und Robert hat endlich einen Raum, in dem er ungestört Musik machen und alte Jazzplatten hören kann. Das erste Album, das in Louth entstand, war Anfang der Neunziger „Dondestan”. Die Aufnahme der neuen Lieder, die zum Teil Vertonungen von Alfies Gedichten waren, wurde für den Künstler allerdings zum Albtraum: Die Kosten fürs Studio übernahm er zunächst selbst, um dem Druck einer Plattenfirma zu entgehen. Nach drei Tagen, die ihn ungefähr 2000 Pfund kosteten, hörte er sich die Aufnahmen an und hasste sie. Die Vorstellung, Geld, das er nicht hatte, für Musik auszugeben, die er nicht mochte, machte ihn fertig. Er musste abbrechen. Schließlich lud Ex-Roxy Music-Gitarrist Phil Manzanera ihn in sein Studio in London ein und bot ihm an, für einen Pauschalpreis so lange aufzunehmen, bis er mit dem Ergebnis zufrieden wäre. Auf diese Weise entstanden auch die folgenden Alben: das impressionistische „Shleep“ (1997), das schimmernde, vielgestaltige „Cuckooland“ (2003) und das bunte Konzeptwerk „Comicopera“ (2007), auf dem Wyatt seinen gesamten Kosmos in drei Akten bannt: von der Musik der Freiheit, die man Jazz nennt, über den Protest gegen Unterdrückung und Kriegstreiberei, zur Realitätsflucht in die Avantgarde.

Auf „For The Ghosts Within“, seinem Album mit dem israelischen Saxofonisten Gilad Atzmon und der britischen Komponistin Ros Stephen, interpretierte er 2010 u.a. Standards von Johnny Mercer, Thelonious Monk und Billy Strayhorn. Am Ende sang er noch einmal „At Least I’m Free“ und schloss schließlich mit „What A Wonderful World“. Wenn man hört, wie Robert Wyatt diese Lieder singt, glaubt man für ein paar Minuten, sie könnten wahr sein.

Ein Dichter, so erklärte der dänische Philosoph Sören Kierkegaard am Beginn seines Hauptwerks „Entweder-Oder“ „sei ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen in seinem Herzen birgt, dessen Lippen aber so geformt sind, dass, indem der Seufzer und der Schrei über sie ausströmen, sie klingen wie eine schöne Musik.” Robert Wyatt hat dem Leid die schönste aller Stimmen gegeben. Alles Gute zum 70.!

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