Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Pro Polonäse

E-Mail

Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Pro Polonäse

Facebook Twitter Google+ Whatsapp Email Kommentare
von

Folge 96

Neulich habe ich geheiratet. Als ich von meiner Hochzeit erfuhr, habe ich spontan zugesagt. Die Braut war die schönste, die ich je gesehen hatte. Auch der Trauzeuge hätte nicht besser sein können. Warum also überlegen?

So eine Hochzeit ist eine aufregende Sache. Sie konfrontiert einen mit nahezu allen großen Fragen des Lebens. Nur der popkultu­relle Wert einer solchen Veranstaltung hält sich in Grenzen. Und das, obwohl die Musik auf meiner Hochzeit sehr toll war. Für den Eröffnungstanz hatten meine Braut und ich uns das schöne Lied „La coppia più bella del mondo“ ausgesucht, einen Sixties-Beat-Walzer, den Adriano Celentano 1966 mit seiner Frau, Claudia Mori, aufnahm. Im Refrain heißt es, frei übersetzt: „Wir sind das schönste Paar der Erde und bedauern alle, die traurig sind, weil sie nicht wissen, was Liebe heißt.“ Weiter weiß das Paar zu berichten, dass die wahre Liebe stets im Ring verbunden ist, es handelt sich mithin um ein erzkatholisches Ehelied. Danach brannte die tolle DJane ein Feuerwerk beliebter Tanzboden­feger ab. Ich tanzte, tanzte und tanzte. Irgend­wann fand ich mich sogar inmitten einer Polonäse wieder. „Ist das nicht der Pfeil da inmitten der Polonäse?“, fragte sich wohl manch ein Gast. Tatsächlich, ich war es.

Das Entscheidende ist: Alle spitzfindigen Geschmäcklereien, mit denen man sich seit Jahren gegen die gleichgeschaltete Beschallung öffentlicher Räume und größerer Feiern geharnischt hat, spielen bei Hochzeiten plötzlich keine Rolle mehr. Nachdem die kundige Auflegefachfrau zunächst danach trachtete, meiner Italophilie Rechnung zu tragen und erst mit Lucio Battistis „Ancora tu“ und dann mit Pino D’Angios „Ma quale idea“ für Ausgelassen­heit gesorgt hatte, folgten so bewähr­te Brecher wie Molokos „Sing It Back“, „Kiss“ von Prince, Blurs „Girls & Boys“ und ähnliches mehr. Nichts anderes hätte Sinn ergeben: Genau so müssen Hochzeiten bedeejayt werden.

Zwischendurch setzte es noch Kracher wie „Twist And Shout“ und „Under My Thumb“: Letzterer Song ein sicherer Tanzflächenfüller für Zeitgenossen, die gern den Beat-Rolli zu dampfenden Sechzigerrhythmen vollschwitzen, gleichzeitig ein für eine Hochzeits­party textlich recht tollkühnes Lied. Doch von den bereits erwähnten Italo-Ausflügen wurde aller Distinktion an diesem Abend klar die Tür gewiesen, wofür ich sehr dankbar bin.

Auch die Hochzeitsreise nach Italien verlief ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn in popmusikalischen Belangen. Der Italiener ist, was Musik angeht, bekanntlich konservativ und bevorzugt die ewige Wiederholung des Bewährten. Die Zeiten, in denen die Celentanos, Battistis und andere Cantautori musikalische Tollkühnheiten veranstalteten, sind eben vorbei. Und so drangen in dieser Zeit fast ausnahmslos Schlager an unsere Ohren, in denen die bellezza des Landes, der ganzen mondo, ach was, überhaupt die bellezza besungen wurde. Zwar sollen sich in Rom ja etliche Düsterpsychedeliker gegenseitig auf den italienischen Schuhen herumstehen, im Radio sind diese freilich nicht zu vernehmen. Mir war das ganz recht. Immerhin ist der italienischsprachige Mainstream nicht so weinerlich wie der deutsche.

Eines Abends schalteten meine Frau und ich einmal den Fernseher ein und wurden einer italienischen Castingshow ansichtig, in deren Jury die Gruselsängerin Skin, einstmals mit der Gruselband Skunk Anansie erfolg­reich, herumsaß. Die Dame grimas­sierte und fuchtelte, als wollte sie halb Italien in Grund und Boden fuchteln, doch ihre einheimi­schen Kollegen ließen sich den Schneid nicht abkaufen. Das war’s dann aber auch wirklich mit der Popkultur auf der Hochzeitsreise. Nein, halt, da waren noch die Al-Bano-Plakate. „Al Bano?“, höre ich meine Leser aufgeregt fragen. „Der mit Romina Power??“ Ja, genau der. Al Bano ist immer noch unterwegs, wahrscheinlich mit einer Arma­da von Chorsängerinnen, denen der sympathische Sänger die Parts seiner Ex­gattin anvertraut hat.

Um es kurz zu machen: Wenn Sie mal Ruhe vor Popmusik, ihren Schrecken, Fährnissen und Abgründen brauchen – heiraten Sie einfach und fahren Sie nach Italien! Dann wird endlich alles gut.

E-Mail

Nächster Artikel

Vorheriger Artikel