Exklusive rollingstone.de-Premiere: Der neue Clip zu Bob Dylans „Guess I’m Doin‘ Fine“


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Die Songs, die Bob Dylan nach seiner Phase als Interpret von Folk-Klassik in den Clubs von Greenwich Village wie in einem schöpferischen Rausch zu schreiben begann, hätte keine Plattenfirma – auch Folkways nicht! – auf LPs publizieren können. Aber sein äußerst geschäftstüchtiger neuer Manager Albert Grossman sorgte dafür, dass er just neu geschriebene Kompositionen jederzeit im Studio des Musikverlags Witmark & Sons aufnehmen konnte. Von Kollegen wie Dave Van Ronk ob der Produktivität und der schieren Klasse der zunehmend immer noch besseren Songs bewundert, sah sich Dylan deswegen nicht in derselben Rolle wie die Lohnschreiber in Don Kirshners Brill-Building-Unternehmen, die maßgeschneiderte Vorlagen (möglichst bitte potenzielle Hits) für renommierte und neue Interpreten lieferten. Dass sich schon bald immer mehr Sangeskollegen der auf Azetaten vervielfältigen Demos annahmen, um von Ohrwürmern wie „Blowin‘ In The Wind“ oder „Tomorrow Is A Long Time“ eigene Aufnahmen zu machen, war ihm aber sicher nicht unangenehm. Das konsolidierte ganz beträchtlich das Selbstbewusstsein des Bob Dylan, der bekanntlich in frühen Jahren für Anerkennung und Bestätigung seitens anderer doch sehr empfänglich war.

Etwas ratlos darf man sich angesichts der jetzt erstmals offiziell vorgelegten knapp vier Dutzend Leeds- und Witmark-Demos fragen, wieso er manche der absolut hochkarätigen Songs wie „Mama, You Been On My Mind“, „Tomorrow Is A Long Time“, „Farewell“ oder „Only A Hobo“ nie auf Platte veröffentlicht wissen wollte. Den „Talking John Birch Paranoid Blues“ reichte man später immerhin als Mitschnitt von 1963 aus der Carnegie Hall nach, und ebenfalls auf dem „Bootleg Series Vol. 1 – 3“-Set von 1991 erschien dann doch noch das Studio-Outtake von „Only A Hobo“, das – obwohl dafür aufgenommen – es aus unerfindlichen Gründen nie auf seine dritte LP geschafft hatte. Die professionelle Aufzeichnungsqualität dieses Outtakes darf man von den Witmark-Demos nicht erwarten. Deswegen waren die Songs wie „I Shall Be Free“ trotzdem alles andere als Entwürfe. Letzterer kommt sogar mit einer kompletten Strophe, die er bei der Studio-Version für „Another Side Of Bob Dylan“ nicht mehr sang.

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Franz Schöler