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Exklusiver Auszug: Ali Eskendarian – „Die Goldenen Jahre“


von

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Von dem Loft, in dem ich damals wohnte, waren alle schwer beeindruckt; nicht dass ich dort allein gewohnt hätte oder dass ein paar Leute, die sich in Brooklyn ein Loft teilten, etwas Ungewöhnliches gewesen wären, aber dieser Ort war etwas Besonderes. Schon die Lage in Williamsburg war sehr begehrt. Lange hatte ich versucht, mich von Williamsburg fernzuhalten, aber nach kurzem Exil in Texas ging gerade irgendwie nichts anderes, als in diesem Loft zu wohnen, mit fünf oder sechs anderen und massig Leuten, die rund um die Uhr kamen und gingen. Das Loft war in dem einzigen älteren Haus, das in diesem Teil des Viertels noch stand. Trotzig hielt es inmitten der toten glitzernden neuen Ekel- architektur aus, wie ein Schiffsriese, der auf die anrücken- den Abwrackcrews wartet.
Man musste vier Stockwerke hoch, durch ein riesiges Trep- penhaus, das einem nachts unheimlich vorkommen konnte, selbst uns Bewohnern, weil ein paar Etagen leer standen. Im vierten Stock öffnete sich ein schweres Eisengatter auf einen langen Flur mit drei Loftwohnungen auf jeder Seite, mal größer, mal kleiner, aber alle groß genug für mehr als vier Bewohner gleichzeitig. Unsere war die größte. Schon aus den Fenstern war der Ausblick atemberaubend, aber da- zu kam man durchs Badezimmerfenster auch noch auf ein Dach in Fußballfeldgröße, von dem aus man das ganze Pa- norama der Stadt vor sich hatte, unter einem fünfzehn Meter hohen Wasserspeicher und einem fünfundzwanzig Meter hohen Schornstein, die man beide von Manhattan aus sehen konnte, wenn man nach ihnen Ausschau hielt. Die Rohrleitungen waren ziemlich hinüber, das Warmwasser wurde nie warm, wenn man sich einen Kaffee kochen wollte, sah man eine Maus über die Herdplatten hüpfen. Wenn man den Toaster einschaltete, war oft im ganzen Haus der Strom weg, und wenn die Nachbarn oben auf und ab gingen, rieselte uns der Putz auf die Köpfe. Richtig sauberhalten ließ sich die Wohnung nicht.
Bei meinem ersten Besuch wusste ich sofort, dass ich hier eine Zeit lang wohnen musste, um mein Leben wieder geregelt zu kriegen. Der Ort war ein klasse Versteck, und ich war ja auch so etwas wie ein Flüchtling, der einen Neu- anfang brauchte. Keine Adresse, kein Telefon, keine Verbin- dung zu den Menschen aus meiner Vergangenheit, und mei- ne neuen Mitbewohner, alles Neuankömmlinge aus dem Iran, Rockmusiker, die es nach draußen geschafft hatten, kannte ich kaum. Aber sie kannten mich, sie hatten mich daheim in Teheran im Fernsehen gesehen, auf dem Sender Voice of America, den man illegal über Satellit empfangen kann.
Diese Typen waren viel jünger als ich, aber das war kein Problem, ich kam mir nicht sehr alt vor. Im Gegenteil, ich fühlte mich lebendiger denn je, und im folgenden Jahr würden wir wilde Zeiten ohne Ende erleben. Sie gaben mir ein Sofa zum Schlafen, es war Hochsommer, sehr heiß. Ich be- saß ein paar T-Shirts, zwei Paar Jeans, drei Paar Socken und meine geliebten schwarzen Lederstiefel. Hatte kaum Geld und keine Jobangebote. Ich war glücklich. Diese Kids waren nett zu mir, und bald würde ich mich dafür erkennt- lich zeigen können. Erste Geschäftshandlung war, mit ihnen auf eine zweimonatige Tournee durchs ganze Land zu gehen, als Vorgruppe. Ich sollte dreizehn Dollar am Tag zum Leben bekommen, ein karger Tagessatz, wie man es auch dreht und wendet.
Im Jahr davor, während meines selbst auferlegten Exils, fern von New York, hatte ich eine Art Wandlung durchgemacht. Ich war als Mensch nicht mehr heil oder heilig gewesen, hatte betteln und mir alles zusammenkratzen müssen. Meine Musikerkarriere und meine Beziehung mit meiner festen Freundin hatten damals ein unvermitteltes und hitziges Ende gefunden, und plötzlich war ich wieder in Dal- las gewesen, hatte bei meinen Eltern gewohnt und als Kellner in einem Frühstückslokal gejobbt.
Ein paar Monate, bevor alles den Bach runterging, saß ich noch ganz auf Wolke sieben. Der Anfang vom Ende war eine kleine England-Tournee gewesen, als Vorgruppe eines legendären alten Sängers, während an den letzten Vorberei- tungen für ein neues Album bei meinem Label gefeilt wurde, und ich gehörte zu so einer Art Supergroup, dabei hing schon dicker Verwesungsgeruch in der Luft. Der Traum war ganz klar und schön gewesen, was den Absturz umso schmerz- hafter machte. Man hätte viele Lügen schlucken müssen, um die Scharade fortzuführen. Die ganze Sache war faul bis ins Mark. Ich hatte nicht das Zeug für die große Karriere.
Vielleicht lag es auch an den Drogen und den Visionen. Vor Jahren hatte ich mit psychedelischen Halluzinationen an einem großen Fluss gesessen. Er floss so mächtig vorüber wie der alte Tigris oder der Nil, und sein Name war »Fluss der künstlerischen Schöpferkraft«. Mir wurde klar, dass man nur am Ufer dieses großen Flusses sitzen konnte, ei- nen Fuß hineintauchen, darin schwimmen, zu ihm beten, Menschen an seine Ufer führen, dass man ihn aber nie be- sitzen, nie aufstauen oder verschmutzen durfte. Man musste ihn um jeden Preis schützen. Zumindest musste er, wie der große Ganges, ein geheiligter Ort bleiben, denn alle mächtigen Flüsse spielen im Kreislauf des Lebens eine hochwichtige Rolle. Sie verbinden alles. Sie tragen dich. Sie sind im Universum ein Symbol für Unbeständigkeit, dafür, dass alles immer im Fluss ist, für die höchste Form der Freiheit.



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