Expatriate: Exile On Friedrichstraße


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Das ist doch eine romantische Vorstellung: Die vier Musiker von Expatriate leben gemeinsam in einer großen Wohnung in Berlin, im Rock’n’Roll-Dauerurlaub, fern von der Heimat Australien. Im Prenzlauer Berg wird zusammen gelebt, diskutiert, Musik gemacht. Expatriate sind hier, weil sie daheim mit ihrer Musik schon viel erreicht haben und nun Europa erobern wollen. Berlin ist ein guter Ausgangspunkt für die Erforschung der Alten Welt, das sehen ja momentan viele so. „Berlin gibt jedem das, wonach er sucht“, sagt Bandleader Ben King philosophisch, „aber die Stadt läuft dir nicht hinterher, sie lässt dich machen. Alles hier ist sehr auf Durchgang geschaltet, ein Ort des Übergangs.“

Apropos: Expatriaten sind Menschen, die ohne Einbürgerung in einem fremden Land leben. Das ist das Thema von Ben King, der in einer internationalen Schule in Jakarta/Indonesien aufwuchs und das als eine entscheidende Erfahrung beschreibt. Wie die Welt in einer Nussschale sei es dort gewesen, sagt King und erinnert sich an kulturelle Unterschiede, Kommunikationsprobleme und asiatische Mädchen. Als King älter wurde, zog er des Vaters wegen ständig um, ein Leben in Transit. „Was gut war, verschwand nach drei Monaten wieder“, sagt King. „Ich habe aus dieser Zeit ein düsteres Lebensgefühl mitgenommen, einen tiefen Brunnen des Kummers. Für die Kunst war das natürlich gut.“

Auf dem Cover des nun auch hier veröffentlichten Expatriate-Albums, „In The Midst Of This“, weht eine Flagge, die beim genaueren Hinsehen Gesichtszüge trägt. Identität, Grenzen, Heimat – mit solchen Sachen beschäftigen sich Expatriate auf ihrer Platte. „Wir alle laufen herum wie kleine Staaten. Wir verteidigen uns, wir greifen an. Ich beobachte das und romantisiere es auf eine dunkle Weise.“

Jörn Schlüter