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Glaube, Liebe Hoffnung (21): Straßenjungs gewinnen über Biedermänner

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Glaube, Liebe Hoffnung (21): Straßenjungs gewinnen über Biedermänner

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“Ringend auf dem Meer des Lebens! / Wider Bosheit, Neid, Verleumdung / Kämpft ich um des Tages Notdurft / Mit dem einen dieser Arme. / Mit dem andern dieser Arme / Hielt ich über Tod und Abgrund / In des Sonnengottes Strahlen / Mein Gedicht, die Lusiaden, / Bis sie wurden, was sie bleiben.”

Camões

Wie zu erwarten ist Portugal der erste Halbfinalist dieser EM. Nachdem im ersten Elfmeterschießen des Turniers mit Polen noch ungerechterweise das schlechtere Team weitergekommen war, sorgte der Fußball-Tie-Break diesmal für Gerechtigkeit. Denn Portugual war über weite Teile des Spiels das bessere Team: Trotzdem der frühe Rückschlag das Spielkonzept von Fernando Santos Mannschaft komplett zerstört hatte, bekamen sie das Spiel zunehmend unter Kontrolle, erspielten sich 54% Ballbesitz, 7-2 Ecken und 16-12 Torschüsse, davon 10 zu 5 aufs Tor.

Einmal mehr aber konnten die Portugiesen ihre Überlegenheit nicht in zählbare Resultate ummünzen. Die Polen waren fleißig und bemüht, aber oft mit der Aufgabe überfordert und schlicht nicht gut genug. Es war schon früh im Spiel erkennbar, dass die einzige Halbfinalchance für die biederen Polen darin lag, im Elfmeterschießen durchzukommen. Die Polen retteten das Spiel tatsächlich über die Zeit. Doch bei aller Sympathie für die Dortmunder im polnischen Kader: Der Sieg von Portugal war verdient.

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Ihre roten Stammtrikots schienen den Portugiesen zunächst kein Glück zu bringen. Die Abwehr fand lausig in die Partie, Pepe stand nicht auf Lewandowskis Zehenspitzen, so glückten diesem und mit ihm den Polen ein Traumstart nach kaum zwei Minuten.

Das 1:0 spielte den Polen in die Karten. Die Portugiesen taten sich zunächst und genau genommen sogar die ganze Partie über schwer, ihrer Verwirrung Herr zu werden. Polen machte weiter Druck, und nach der 20.Minute gelangen den Polen gleich  mehrere Chancen Chancen gegen ein portugiesisches Team, das deutliche Abwehrschwächen zeigte.

Erst als in der 29. Minute ein glasklarer Elfmeter nicht gegeben wurde, wirkte dies wie eine Initialzündung für den Neustart. Die Portugiesen rissen sich zusammen, vor allem Silva und Nani wechselten oft die Positionen und zwangen Polen zu erhöhter Wachsamkeit. Wobei Silva weiter hinten spielte, gegen Baszczikowski keine ähnliche harte Manndeckung praktizierte, wie gegen Kroatiens Modric, sondern eher den Raum des vorgeschobenen polnischen Mittelfelds abdeckte, und insgesamt blasser wirkte. Nani dagegen war einmal mehr noch über Ronaldo hinaus ein Schlüsselspieler der Portugiesen. Zugleich ist die spielerische Harmonie zwischen ihm und Ronaldo die zentrale Achse des portugiesischen Offensivspiels. Sie wird jeder potentielle Gegner unterbrechen müssen.

Schon in der 34. Minute war alles wieder ausgeglichen. Polen kam auch in der Folge mehr über Links.

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In der zweiten Halbzeit erspielte sich Portugal mehr Chancen, doch besonders Ronaldo muss sich vorwerfen lassen, selbst exzellente Gelegenheiten nicht verwertet zu haben. Der Real-Superstar ist trotz immer wieder glänzender Einzelmomente der Problemfall in einem ansonsten kompakten, ausgeglichenen portugiesischen Team, das vor allem in seiner Kollektivleistung überzeugt, und in dem die Spieler von Vizemeister Sporting Lissabon die Kollegen von Meister Benfica und deren ewigem Rivalen FC Porto an Quantität wie Qualität deutlich in den Schatten stellen.

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Die Portugiesen, habe ich mir sagen lassen, seien jenseits der bekannten Nicht-nur-Klischees wie Saudade und Melancholie auch feiner, englischer. Arrogant sind sie, das ist keine Frage. Sie seinen “alles Mama-Söhnchen”. Mag sein. Was ich auf dem Platz sehe, ist eher Arbeiterfußball. Bis hin zu Ronaldo kämpferisches Spiel, Wille zum Gewinnen, Drang zum Tor. Kein kühles Kalkulieren, keine Chuzpe a la Italia. Aber das, was man “streetwise” nennt, die Tugenden der Straße. Sie haben kraftvolle Körper, sind nicht übermäßig groß und feingliedrig – nichts am portugiesischen Spiel wirkt bürgerlich oder so Boarding-School-haft wie etwa das der Belgier.

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Man kann es natürlich so ausdrücken: Portugal ist zwar Halbfinalist, aber sie haben noch kein Spiel  bei dieser EM in der regulären Spielzeit gewinnen können.

Andersrum geht’s aber auch: Portugal ist noch immer unbesiegt. Sie zeigen Nervenstärke und Konsequenz. Die Polen haben sich gegen Portugal weitaus weniger Chancen erspielen können, als im Vorrundenspiel gegen die Deutschen. Jetzt ist das Traumhalbfinale Belgien-Portugal und damit die ultimative Konfrontation zweier Fußballstile in Sicht.

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Denn heute Abend wird Wales gegen Belgien ausscheiden. Man sollte Belgiens Sieg gegen die Ungarn zwar nicht überschätzen und seine Höhe war eh ein Witz. Trotzdem sind Offensive und Mittelfeld der Belgier enorm stark. Vor allem Hazard ist bislang “der” Star dieser EM, der alle anderen Spieler in den Schatten stellt. Da die Abwehr, erst recht nach Vermaehlens Sperre und Vertonghens Verletzung das Sorgenkind der Belgier ist, werden sie ihr Glück mehr denn je in der Offensive suchen, und die Waliser gar nicht erst über die Mittellinie kommen lassen. Falls das doch geschieht, droht aber auch kein übergroßes Ungemach.

Die Waliser haben bisher wenig nach vorn gebracht, aber in der Abwehr hervorragend gespielt. Sie werden darauf setzen, unterschätzt zu werden und im Übrigen so stumpf wie engagiert verteidigen. Entscheidend wird sein, wie der Waliser Star Gareth Bale disponiert ist. Belgien sollte ihn in Manndeckung nehmen, um mit ihm das Herz des Waliser Spiels auszuschalten, und sich im Übrigen an Englands Sturmlauf in der zweiten Halbzeit gegen Wales orientieren. Ein klarer Sieg ohne Verlängerung ist wahrscheinlich. Mein Tip: 2:0 für Belgien.

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Derweil brodelt in England die Gerüchteküche. Bei den Buchmachern gilt ausgerechnet Jürgen Klinsmann als wahrscheinlicher Kandidat für die Nachfolge Roy Hogdsons. Der Guardian ist dagegen, und argumentiert überzeugend, warum “Cleansman” nach wie vor ein Trainer “auf der Suche nach seinem Stil” ist, der eine “bestenfalls gemischte Bilanz” vorweisen kann.

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