Jan Jekal / Girls


von

Ich war fassungslos, als Christopher Owens im Frühjahr 2012 seine Band Girls auflöste. Sie standen doch in schönster Blüte, hatten in drei Jahren zwei Alben und eine EP gemacht, ein Lied besser als das andere. Und ich hatte sie doch erst ein halbes Jahr zuvor live gesehen, im Hamburger Kellerclub Molotow, mit hundertfünfzig anderen Entzückten, völlig eingenommen von Owens‘ Verletzlichkeit, seiner dünnen, brüchigen Stimme, seinem Fifties-Songwriting, seiner Aura.

Frische Schnittblumen hatten die Monitore und Verstärker dekoriert. Die Bühne war so niedrig, dass sie mir bis zum Knie reichte. Wir waren aus Kiel angereist, was in der ersten Reihe niemanden beeindruckte; die anderen kamen aus Stockholm und Kopenhagen, eine kleine Gemeinde Eingeweihter, zum Gottesdienst gepilgert. Es gibt keine Bilder von dem Konzert, keine Videos auf YouTube, es gibt nur Erinnerungen: Chris Owens direkt vor mir, die Haare im Gesicht, Augen geschlossen, der schmale Oberkörper im Muskelshirt, und neben ihm JR White, die andere Hälfte der Band, der Bassist, der Produzent, der Owens‘ Emotion in Form brachte, mehr als einen Kopf größer als er, stämmiger, sachte im Takt schwingend. „Reach out“, flehte Owens im Song „Laura“, „and touch me, I’m right here“, und wir streckten unsere Hände aus. Der Schweiß tropfte von der Decke, es gab keinen Sauerstoff mehr im Raum, nur die Gitarren, das Schlagzeug, den Gesang, seinen und unseren.

Owens begann eine Solokarriere, nach der Auflösung der Band, veröffentlichte Country- und Gospelalben, und seit sechs Jahren nichts mehr. Vor der Band war er eine Zeit lang obdachlos gewesen, ein Lebenskünstler, und nun ist er wieder ein Nomade geworden, lebt in seinem Auto, schläft an der Luft. JR White hat nach dem Ende der Band nicht mehr viel gemacht, er baute ein Studio, in dem dann nichts aufgenommen wurde. Es heißt, er hatte es nicht leicht. Letztes Jahr ist er gestorben.

Es gibt keine Fotos von dem Konzert, keine Videos auf YouTube, aber es gibt die in rotem Fineliner handgeschriebene Setlist, die ich damals von der Bühne gegriffen habe und die heute in meinem Schlafzimmer hängt­­. Und es gibt das T-Shirt.