John Hiatt: Jenseits aller Logik


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Ach, diese deutschen Fans! Fahren mal eben sieben Stunden bis nach Amsterdam – und haben dann nicht mal Tickets für die ausverkaufte Show im Paradiso. „Und ich dachte immer“, scherzt John Hiatt nach der Autogrammrunde, „ihr Deutschen plant immer alles so genau.“ Sagt’s und fragt den Tour-Manager, ob da nicht doch noch was zu machen sei, mit ein paar Gäste-Pässen.

Die Musik-Kathedrale mitten in Amsterdam ist nicht irgendein Club auf der Tourlandkarte. Schon gar nicht für John Hiatt. 1979 spielte er hier sein erstes Konzert in Europa, mit kleiner Band im Vorprogramm von Southside Johnnys R&B-Revue. 31 Jahre später müssen die Leute im Paradiso die Stücke nicht mal erkennen. Für ein sprühend-intensives „Like A Freight Train“ etwa, vom neuen, soeben veröffentlichten Album „The Open Road“, gibt’s fast den stärksten Beifall.

2010 sitzt John Hiatt neben Lyle Lovett auf der Paradiso-Bühne. Die beiden teilen neben ihrem Management auch ihren Sinn für Humor. Amüsiert-routiniert spielen sie sich die Bälle zu, etwa wenn Hiatt nach Lovetts Julia-Roberts-Nachklapp „One Eyed Fiona“ süffisant anmerkt, dieser Song sei ja „so unglaublich visuell“. Ja, das hat schon ein bisschen was von den Muppets-Opis oben auf dem Balkon.

Auf die Frage aber, ob sie bei der Gelegenheit nicht auch mal einen Song zusammen schreiben könnten, reagiert Hiatt fast, als würde man ihm irgendein unwürdiges Duett nahe legen. „Hab‘ ich nicht mal dran gedacht. Und ich weiß nicht, wie’s bei Lyle ist. Wir sind zu dumm, um da gleich eine große Gelegenheit zu wittern.“ Und wie wär’s einfach mit Neugier? „Wer weiß, vielleicht eines Tages? Das Schöne an dieser Tour ist: Keine Setlist, nichts ist geplant. Leute haben zu Recht angemerkt, dass es absolut keinen Grund hierfür gibt. Aber genau das macht es für uns noch schöner. Es ist eine komische Paarung, jenseits jeder Logik, und genau das gefällt uns.“

Seit „The Tiki Bar Is Open“ (2001) ist John Hiatt ein Independent-Künstler im besten Wortsinn. Dass er dann auch noch den letzten Schritt vollzog und 2007 mit „Same Old Man“ auch sein eigener Produzent geworden ist, erscheint da nur konsequent. Auch wenn Jim Dickinson es nur für „Masturbation“ hielt, wenn sich Musiker selbst vom Mischpult aus beaufsichtigen. Hiatt lacht herzhaft. „Ja, das klingt nach Jim. Ich vermisse ihn. Aber wie heißt es auf seinem Grabstein: ,Ich bin nicht fort – ich bin nur tot.‘ Ich bin nicht so gut darin, Ideen zu erklären. Warum versuch ich’s dann nicht gleich selbst und geb mir die Chance, mal richtig Mist zu bauen – statt wieder nur frustriert zu sein, wenn andere etwas nicht umsetzen können? Klar, ich lerne immer noch. Andererseits hab‘ ich schon über 20 Platten mit guten Leuten gemacht. Alles halb so wild also. Das Herz muss nur glauben, was die Ohren hören.“

Mit Nick Lowe und „Riding With The King“ hatte John Hiatt 1983 „zunehmend meine eigene Stimme“ gefunden. Der Brite gehörte auch vier Jahre später zum Studioensemble um Hiatts Ex-Arbeitgeber Ry Cooder, als „Bring The Family“ zum „großen persönlichen Wendepunkt“ wurde. Zuvor konnte Hiatt endlich dem Alkohol und anderen Drogen abschwören, die „mein Leben so beherrscht hatten, dass ich mich kaum auf anderes konzentrieren konnte. Erst dann kam ich wieder richtig an meine Kreativität heran“.

Die lebt er heute im „Highway 61 Recording, Tanning And Barbecue“ aus, ein schöne naheliegender Name für die umgewidmete Rennauto-Werkstatt auf seiner Farm vor den Toren von Nashville. Vor vier Jahren musste Hiatt endgültig aus seinem geliebten Flitzer aussteigen. War es schwer loszulassen? „Ja, das war’s. Ich habe die Rennen genossen. Die Geschwindigkeit und diese Art Ballett, wenn alle im Kreis fahren und es richtig hinbekommen wollen. Aber auch die Arbeit an der Geometrie des Autos. Ja, ich vermisse das.“

„The Open Road“ kann seinem Titel mit Songs wie „Haulin'“ und „Go Down Swingin'“ gerecht werden. Einer der schönsten Songs wurde aber von der heimatlichen Scholle inspiriert. Hiatts Frau war des Nachts öfter aus dem Schlaf hochgeschreckt, auch er selbst hörte immer wieder „komische Geräusche“, die ihm wie „das Testbild-Surren von 100 Fernsehern“ vorkamen, und die Kinder sahen gar „Augen im Dunkeln funkeln“. Befreundete Indianer mit Medizinmannschulung reisten an und diagnostizierten „böse Schwingungen“. Es stellte sich heraus, „dass da vor 300 Jahren in einer blutigen Schlacht viele Leute zu Tode gekommen waren. Offenbar steckten Geister fest. Also machten wir eine kleine Zeremonie, kochten was für sie und schickten sie damit auf die Reise.

Jörg Feyer

Hier eine Aufnahme des im Text angesprochenen Konzerts im Paradiso in Amsterdam.

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