Willander Sieht Fern

Kladderadatsch – Arne Willander über die Krimi-Serie „The Team“

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Kladderadatsch – Arne Willander über die Krimi-Serie „The Team“

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Wenn bei Lars Mikkelsen auf  dem Piz Palü in der Schweiz das Handy klingelt und eine digitale Ermittlerin aus Kopenhagen am Apparat ist, um mit einem Engländer zu verbinden, den sie auf einem Bildschirm sieht, dann ist Europa auf dem Gipfel. Drei Prostituierte wurden binnen kurzer Zeit in Berlin, Antwerpen und
Kopenhagen ermordet, jetzt alarmiert Europol den dänischen Polizisten Harald Bjørn, der vom Berg herabsteigt, im Hotelzimmer mit Blick aufs Bergmassiv mit seiner Frau schläft und anschließend die Arbeit aufnimmt. In Berlin unterstützt ihn Jackie Mueller (Jasmin Gerat), in Antwerpen Alicia Verbeeck (Veerle Baetens), in Kopenhagen kümmert sich Finn Moesgaard (Ole Boisen). Ein belgischer Schriftsteller mit dem fabelhaften Namen Jean-Louis Poquelin steht unter Verdacht, der einem litauischen Kriminellen in die Quere gekommen ist, der wiederum mit einem reichen Ehepaar in Berlin befreundet ist, dessen Tochter eine der ermordeten Prostituierten war, die mit der Freundin des Schriftstellers im Bunde war, die im Salzburger Land …

Anhand der Serie „The Team“ kann man sehen, weshalb der europäische Gedanke so rührend und so vergeblich ist. Man denkt an die 60er- und 70er-Jahre, da Filme wie „Ein Dandy in Aspik“, „Anruf für einen Toten“, „Im Auftrag Ihrer Majestät“ und „Cassandra Crossing – Treffpunkt Todesbrücke“ europäische Schauplätze abklapperten, weil das Geld für die Produktion aus verschiedenen Ländern kam. „The Team“ ist eine Kooperation des Fernsehens in Dänemark, Belgien, Deutschland, der Schweiz und Österreich, weshalb der Österreicher Nicholas Ofczarek den Schurken aus Litauen spielt. Man sieht Videokonferenzen, bei denen die Ermittler zusammengeschaltet werden – einmal wirft die Belgierin der Deutschen eine Tüte Zucker im virtuellen Raum zu. Man sieht schmuddelige und elegante Hotelzimmer, Lofts und Konferenzräume in allen Ländern, man sieht eine Internationale der Prostituierten, nächtliche Stadtansichten, eine schmierige Küche mit asiatischen Flüchtlingen und ein litauisches Kind in Antwerpen, das von Lars Mikkelsen gefragt wird: „Sprichst du unsere Sprache?“ Die belgische Kommissarin sagt zur Mutter einer der Prostituierten: „Ich weiß, dass es sehr schwer für Sie ist, dass Ihre Tochter ihren Lebensunterhalt damit verdiente, ihren Körper zu verkaufen.“ Noch schwerer ist es für sie, dass die Tochter tot ist.

Wie in allen Kriminalserien gibt es eine Liebschaft, hier die Verbindung zwischen Lars Mikkelsen und Jasmin Gerat, die bei einer früheren Ermittlung etwas miteinander hatten. Sie stehen im österreichischen Schnee an einem Abhang. „War ’ne harte Zeit“, sagt Gerat. „Aber ich bin drüber weg.“ Mikkelsen sagt: „Ja, ich auch.“ Beide sind natürlich nicht drüber weg, und Mikkelsens Frau weiß, dass sie nicht drüber weg sind, und Gerats Freund weiß es noch nicht. Weil Jasmin Gerat sehr bubiköpfig und sehr sexy ist, sitzt sie in ihrem Büro einmal im BH am Telefon, während sie sich umzieht, und zur Videokonferenz erscheint sie in einem blauen Pullover, der Mikkelsen vergessen lässt, dass sie eine Aufgabe haben. Euro-Krimi heißt immer auch, mit schönen Frauen schöne (und grausige) Dinge zu tun – in „The Team“ gibt es viele schöne Frauen, und Sunnyi Melles spielt so fahl, schwindsüchtig und entrückt die trauernde Mutter, dass mindestens Ibsen, Wedekind oder Strindberg auf dem Spiel stehen.

Europa ist nicht kleiner geworden, obwohl immerzu die Mobiltelefone leuchten und die Routenplaner glühen. Es ist noch immer Retten, Rennen, Flüchten an pittoresken Orten; der österreichische Polizist ist so betulich, wie man sich den österreichischen Polizisten vorstellt, und wird von dem Schauspieler dargestellt, der den betulichen Wiener Kellner in „Spuren des Bösen“ gibt. Maximilian Schell lebt nicht mehr: Er hat in solchen europäischen Flickenfilmen gespielt und einen gedreht, „Der Richter und sein Henker“ mit Jon Voight, Jacqueline Bisset, Robert Shaw, Helmut Qualtinger und Martin Ritt.

Dänemark zeigt die Serie „The Team“ in acht Folgen, Deutschland in nur vier, aber in der Mediathek des ZDF kann man die Originalfassung auf Englisch und in den Landessprachen mit Untertiteln sehen. Man freut sich immer, wenn man eine Stadt wiedererkennt, einen Tunnel, einen Bahnhof, einen Flughafen oder einen Berg: Das ist die schöne Melancholie des europäischen Kladderadatsches.

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