Klassenkampf und Vietnam


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Ein Lied spreche nicht nur den Verstand des Zuhörers an, sondern auch sein Gefühl, erklärt Degenhardt dem Reporter hinter der Bühne, und sei daher „prädestiniert, intellektuelle Unzufriedenheit zu artikulieren, also politische Kritik zu üben. Das Lied kann natürlich niemals eine Welt verändern oder politische Zustände verändern. Politische Zustände, die man nicht mag, werden dadurch verändert, dass man sie beseitigt, aber man kann die Notwendigkeit zur Beseitigung klarlegen.”  

Der Liedermacher lässt sich von keiner Frage provozieren, antwortet so ruhig und besonnen, wie man das heute aus dem Fernsehen nicht mehr kennt. Er habe sich zu Anfang seiner Karriere nicht sonderlich für politische und soziale Verhältnisse interessiert, erklärt er, es seien vor allem Wolfgang Neuss, aber auch Wolf Biermann gewesen, die ihn politisiert hätten. In Vietnam sei der Klassenkampf in ein letztes Stadium getreten, sagt er, „die Besitzenden schlagen die Nicht-Besitzenden tot”. Er als Sozialist stehe da natürlich auf der Seite der Nicht-Besitzenden. Und dann liefert der Beitrag die letzten beiden Strophen seines Liedes vom Anfang nach: 

 

„Ich sing für euch, 

die ihr die feige Weisheit eurer Heldenväter 

vom sogenannten 

Lauf der Welt in alle Winde schlagt 

und einfach ausprobiert, 

was richtig läuft. Die ihr den Lack, mit dem  

die Architekten überpinseln, 

runterbrennt von allem rissigen Gebälk. 

 

Für euch, 

die ihr die fetten Köter  

in die Sümpfe jagt, nicht schlafen könnt, 

wenn ihr an damals denkt, und alle 

Allesfresser schnarchen hört 

und nicht auf Tempelstufen hocken wollt, 

solang der Schlagstock noch 

die weiße Freiheit regelt, 

Napalm noch die Speise für die Armen ist. 

Ich sing für euch.“ 

 

Degenhardts Zuhörer waren natürlich mit ihm einer Meinung, waren gegen den Vietnamkrieg und die alten Nazi-Eliten, standen auch beim Klassenkampf ideologisch auf seiner Seite – nicht selten, weil sie es sich leisten konnten. Es waren Studenten und Intellektuelle, die von Haus aus die Mittel für ein Studentenleben hatten oder fürs Intellektuellendasein bezahlt wurden.