K’naan im Interview. „Troubador“ zum Vorabhören.


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Die Geschichte seiner aktuellen Welt(meisterschafts)hits „Wavin‘ Flag“, haben wir schon an anderer Stelle erzählt und schon dort darauf hingewiesen, dass der somalischstämmige Kanadier K’naan mitnichten ein Gröhlhymnenlieferant ist, sondern neben einer interessanten Lebensgeschichte auch Meinung und Haltung mitbringt.

Dabei inszeniert er sich jedoch nicht als sperriger Politkünstler – er kann massentaugliche Pop-Songs schreiben, wie „Bang Bang“ (bei dem, Gott bewahre, Maroon 5-Sänger Adam Levine mit singt), beherrscht souveränen Dicke-Eier-Crossover-Rap wie „If Rap Gets Jealous“ (bei dem Kirk Hammett Gitarrenriffs beisteuert), aber er hat auch Hochpolitisches im Angebot, wie z. B. den Song „Somalia“, der versucht, die durch all die Piratendramen und Bürgerkriegsbilder aus Mogadischu verzerrte Sicht auf sein Geburtsland zu korrigieren. Oder den Song „America“, bei K’naan die Chuzpe besitzt, ihn mit einem Part zu beginnen, der in seiner Muttersprache gesungen wird.

Auch sein Rap-Flow kommt erfreulich unprollig daher, obwohl er durchaus Freund deftiger Worte ist. Die heute in Deutschland veröffentlichte Version seines zweiten Albums „Troubadour“ hat zum Beispiel neben dem „Celebration Mix“ seines Songs „Wavin‘ Flag“ auch einen weiteren Bonustrack im Angebot: „Does It Really Matter?“ Ein munteres „Fuck You!“ an die Reißbrettkarrieren der Mainstream-Popwelt: „They say it wont be long, keep on singing your song / But ayo you need a single, single to make a mingle / Something that’s kinda simple, I’d hate to call it jingle / A single is a missile, takes you right to the middle of 106 and park and maybe Jimmy Kimmel / You’ll need somebody famous co-signing for your anus / Who you got on the album I don’t see where the name is / But I do it my own way I do it my own way I do, if you do what you do your own way you could be famous too.“

Wir trafen K’naan, als er auf Pressereise in Berlin weilte und sprachen mit ihm eher weniger über koffeinhaltige Brause und eher mehr über seinen Background und seine politischen Ansichten. Ein Auszug:

Deine Live-Show war meiner Meinung nach dichter dran an einer Spoken-Word-Performance als an einem HipHop-Konzert. Auch dein Flow ist oft eher erzählender Storytelling-Singsang denn Rap-Staccato. Woher kommt das?
Daran ist sozusagen meine Kindheit in Somalia Schuld. In der Zeit vor dem Bürgerkrieg waren meine Eltern mit vielen Autoren und Drehbuchschreibern befreundet. Ich war umgeben von Menschen, denen Sprache sehr wichtig war. Aber es ist interessant, dass du von Storytelling sprichst. Das trifft die Sache genau: Mit sieben / acht Jahren war ich in unser Familie so was wie der offizielle Geschichtenerzähler. Wir hatten jeden Freitag so einen Abend und ich war quasi zur Prime Time dran. Also „sammelte“ ich Geschichten aus unserer Nachbarschaft oder von Freunden und Verwandten. Du musst wissen, dass diese Geschichten fast wie Filme erzählt wurden, man schmückte sie aus, entwickelten Charaktere, erfand Szenen und Bilder dazu. Wenn mir mal keine Geschichten einfielen, bin ich immer zum Hause meines damaligen besten Freundes gefahren und habe mit seiner Großmutter geredet. Eine wunderbare Frau, die über Stunden erzählen konnte. Ich hatte also schon immer eine tiefe Liebe für das Erzählen von Geschichten im Allgemeinen. Und irgendwann dann auch die Fähigkeit, mir eigene Geschichten auszudenken.

Wie hast du es geschafft, das ins Englische rüber zu retten? Ich habe Englisch erst mit 15 gelernt. Eigentlich zuerst nur aus der Notwendigkeit heraus, um mit meiner neuen Umwelt zu kommunizieren. Wir sind im Krieg erst nach New York geflüchtet, wo mein Vater schon vor uns hingezogen ist, weil er dort arbeiten konnte. Und dann nach Kanada weiter, als man uns in Amerika nicht mehr haben wollte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich versucht habe, die Sprache so zu nutzen wie meine eigene. Aber das war schwer: Somalisch ist eine unglaublich reiche Sprache – es gibt viel, viel mehr Wörter, als es sie in Englisch gibt. Ich fühlte mich, als wäre ich ein Zweimetermensch, der plötzlich T-Shirts in Kindergröße tragen sollte. Ich musste viel an meinem Englisch feilen und ein Gefühl für die Sprache entwickeln – aber gerade das reizte mich auch: Dass es eben so lange dauerte. Im Rückblick glaube ich aber, dass das eine ganz natürliche Entwicklung war. Diese Sprache umgab mich im täglichen Leben, also wollte ich auch sie so benutzen und fühlen können wie meine Muttersprache.

Du hast einen sehr politischen Song umgeschrieben in eine neue Version, die zudem eine große Werbekampagne begleitet. Hast du nicht Angst, dass du vielleicht nur damit wahrgenommen wirst, oder dass dieser Song alles andere, was du bist und sagst, überstrahlt?
Für mich ist es eine große Chance, und ich mag die neue Version, mit den Trommeln, den Chören, dieser umarmenden Wirkung, die der Song hat. Ich habe mich schon immer als einen Mittler zwischen den verschiedenen Welten gesehen. Und dieses Lied wird mich und meine Geschichten sicher vielen Menschen näher bringen. Einige werden denken: „Wow, was für ein großartiger Pop-Act!“ Es wird nicht allen so ergehen, aber der ein oder andere wird sicher wissen wollen, wer ich bin, wo ich herkomme – und was ich zu erzählen habe. Das ist dann der belohnende Moment für mich. Ich finde es auch eher angenehm, dass man mich und meine Kunst auf verschiedene Weisen lesen kann. Ich hasse es, auf eine Rolle festgenagelt zu sein.

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