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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress

Laibach sind von Originalität und Schizophrenie besessen

Ohne ‚the sound of music‘ hätte es Laibach wahrscheinlich nie gegeben“, sagen Laibach, die sich nur als Gesamtkollektiv äußern. Laibach, die slowenische Band mit ihrem drakonisch-­martialischen Auftreten, die sich oft mit Faschismus­vorwürfen konfrontiert sieht und deren Sound sich Rammstein zu eigen gemacht haben? Und „The Sound Of Music“ („Meine Lieder – meine Träume“), das amerikanische Filmmusical von 1965, angesiedelt im beschaulichen Österreich von 1938, mit Kitsch und Liebreiz überfrachtet? Ja, ­genau die.

Die Geschichte von Laibach begann 1980. Eine Skandalchronik: ihr Name, die frühere Bezeichnung für Ljubljana, ihr Auftrittsverbot in Jugoslawien, ihr provokantes Spiel mit Symbolen und Sujets. Da passt „The Sound Of Music“ ziemlich gut in die Reihe von „Jesus Christ Superstar“, „Tann­häuser“, Nationalhymnen, „Sympathy For The ­Devil“ und ihrem notorischen Auftritt in Wilfried Minks „Macbeth“-­Inszenierung 1987 im Hamburger Schauspielhaus.

2015 reisten Laibach auf Einladung des Komitees für kulturelle Beziehungen nach Nordkorea – das erste Rockkonzert in einem Land, in dem die Leute denken sollen, dass sie alles hätten.

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Laibach wollten ohne Vorurteile in die Volksrepublik kommen, in der ein diktatorisches System herrscht. Sie wollten, so erklären sie rückblickend, sich selbst, das nordkoreanische Publikum und die weltweiten Medien „erleuchten“. Doch ohne Voreingenommenheit ging es nicht: „Wir fragten uns: Wie lösen wir ein Problem wie Korea? Und wir entschieden uns dafür, das Programm rund um ‚The Sound Of Music‘ zu gestalten. Nordkoreaner kennen diesen Film gut, denn es ist einer der amerikanischen Filme, die sie sehen dürfen und mit denen sie Englisch lernen.“ Da traf es sich gut, dass die Laibach-­­Mitglieder schon immer von „The Sound Of Music“ fasziniert waren, dass sie den Film als Kinder alle sehr oft gesehen, geradezu verschlungen hatten und sich wünschten, ein Teil der Trapp-Familie zu sein, mit dem Kindermädchen Maria das Bett zu teilen und Uniformen zu tragen.

Nazis als kosmopolitische Besatzungsmacht

Uniformen tragen sie als Laibach leidenschaftlich; Marias Bett hat wohl mehr mit der Freudschen Interpretation zu tun, die man laut Laibach auf „The Sound Of Music“ anwenden kann. Sie berufen sich auf den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek: die implizite Botschaft sei das Gegenteil der expliziten. Vielleicht seien bei näherer Betrachtung die Nazis eine „abstrakte kosmopolitische Besatzungsmacht“, während die Österreicher keine Widerständler sind, sondern „good small nationalist fascists“: „Die ‚Sound Of Music‘-Story passt gut auf die Situation in Nordkorea und kann bestätigend, aber auch aufrührerisch verstanden werden – je nach Blickwinkel. Der Film ist in Nordkorea wahrscheinlich so populär, weil er dem koreanischen Heimatfilm ähnelt – und Kim Jong-il, ein großer Filmliebhaber, sich als eine Art Von-Trapp-Vaterfigur für seine gefangene (‚trapped‘!) Nation sah.“

2017 erschien „Liberation Day“, die Dokumentation über Laibachs Konzert in Pjöngjang. Nun also das Album „The Sound Of Music“. Neben eigenwilligen Interpretationen von Stücken aus dem Film gibt es auch eine Version des koreanischen Volkslieds „Arirang“ und das Lied „Maria/Korea“ nach dem Song von Rodgers und Hammerstein, der in der Broadway-­Fassung von 1959 enthalten ist. „Laibach sind nicht von Originalität besessen – tatsächlich glauben wir nicht daran. Es gibt nichts Neues außer dem, was vergessen wurde.“ Sie betonen, dass es sich nicht um Coverversionen, sondern um Neu­interpretationen handle: Originalität durch den Kontext, nicht durch den Inhalt. Dabei interessieren sie sich vor allem für Stücke, „denen eine Art schizophrener Charakter innewohnt – die alte Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. ­Hyde“.

Die von naivem Frohsinn geprägten Songs klingen bei Laibach wie unheilverkündende Botschaften und entfalten durch die Diskrepanz von Darbietung und Inhalt eine verstörende Komik, wenn Sänger Milan Fras mit tiefer Bassstimme von „schnitzel with noo­dles“ singt. Doch jede künstlerische Aktion sei poli­tisch, so Laibach – damit spielen sie schon immer, obwohl sie behaupten, keine politische Gruppe zu sein: „Laibach is the return of action on ­behalf of the idea.“


Im neuen ROLLING STONE: CD New Noises „The Sound Of Music“

DIE TRACKS 1. Marianne Faithfull „Misunderstanding“ Es sind letzte und allerletzte Worte, die Faithfull gleich zu Beginn ihres wunderbaren Alterswerks, „Negative Capability“, singt, unter der Last eines bewegten Lebens, getragen von Warren Ellis’ klagender Geige. 2. Tusq „Different Planet“ Die Band aus Hamburg und Berlin sieht der Dystopie, dem End- of-the-world-as-we-know-It entgegen und träumt vom Leben auf einem anderen Planeten. Ihr drängender Indie-Rock zu flirrenden Gitarren beschwört den Mut zur Veränderung. 3. Richard Swift „Broken Finger Blues“ Eines der Highlights vom neuen, posthum veröffentlichten Album des Anfang Juli viel zu früh verstorbenen kalifornischen Songschreibers. „Broken Finger Blues“ ist himmlischer Neosoul,…
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