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Willander sieht fern

Letzte “Wetten, dass ..?”-Sendung: Der längste Kindergeburtstag der Welt

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Willander sieht fern

Letzte “Wetten, dass ..?”-Sendung: Der längste Kindergeburtstag der Welt

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Sogar Wotan Wilke Möhring behauptet, in der alten Zeit – frisch gebadet und im Frottee-Schlafanzug – mit Salzstangen im Kreise der Familie „Wetten, dass ..?“ geguckt zu haben. Er erinnert an eine denkwürdige Wette: wie jemand eine Wärmflsche aufblies, bis sie platzte. Das war in der ersten Sendung, 1981 mit Frank Elstner. Der Gast Hermann Maier, einst Skifahrer, glaubt sich an die Wette mit dem Lastwagen auf vier Biergläsern zu erinnern. Auch Helene Fischer saß in den Gottschalk-Jahren („ … nicht jeden Samstag, aber immer, wenn es kam“), mit den Lieben vor dem Fernseher, bestimmt frisch gebadet. Und an Karlheinz Böhm und seine Afrika-Wette, gerade noch einmal gezeigt, erinnern sich sowieso alle. Es würde nicht wundern, wenn Ben Stiller – der einzige Vertreter von „Hollywood“ in der Abschiedssendung – eine warme Erinnerung an seine Jugend mit der Show hätte.

Keiner will daran schuld sein, dass es „Wetten, dass ..?“ nun nicht mehr gibt. Als Sargträger und Nekrologen haben sich zwar nicht die ehemaligen Moderatoren versammelt: Frank Elstner, Thomas Gottschalk und Wolfgang Lippert wollten oder sollten nicht Geschichten aus dem Krieg erzählen, das hätte auch den Betrieb aufgehalten. Aber einige Stammgäste, die ein neues Produkt auf den Markt gebracht haben oder einfach ein glückliches Jahr hatten, konnten doch verpflichtet werden. Die Fantastischen Vier hampeln zu einem zusammengeramschten Stück anlässlich ihres 25. Jubiläums auf der Bühne herum und verbreiten sich auf dem Sofa. Die unvermeidliche, immerzu gickelnde Eislauf-Mamsell Katharina Witt kommt mit dem schwerzüngigen Hermann Maier. Olli Dittrich, der in Sprache und Phänotyp dem von ihm bewunderten Uwe Seeler immer ähnlicher wird, kündigt seine neue Sendung an. Der erloschene Otto Waalkes erscheint in Begleitung von Michael „Bully“ Herbig und dem Mann, der sich Elton nennt. Waalkes wirbt für seine Synchronstimme in den „Ice Age“-Filmen, Herbig bemerkt, dass er diesmal keinen Film vorzustellen hat, und Elton hat gar nichts. Helene Fischer singt im kleinen schwarzen Anzug mit Fliege „So kann das Leben sein“ und setzt sich dann mit Jan Josef Liefers aufs Sofa; beide hatten ein sehr gutes Jahr und werden ein sehr gutes nächstes Jahr haben.

Ein lobotomisiert wirkender Bauernjunge erkennt mit Nachhilfe vier Hunde am Schlabbern von Leberwurst auf seinem Handrücken – wie abgerichtet meldet er „Leckt zart!“ und „Leckt wild!“, und am Ende leckt ein Tier die Wurst von Eltons Wange. Ein Blinder ermittelt als sein eigenes Echolot die Dimensionen eines Puzzle-Teils, ein Dutzend Cheerleaders aus Elmshorn wirft zwei Mädchen in die Höhe, wo sie Wäsche an eine aufgespannte Leine hängen, und ein junger Mann klettert schneller an der Fassade eines Parkhauses hinunter, als ein Rennfahrer im Auto die Serpentinen fahren kann – „eine Superwette, superspannend“, wie Olli Dittrich, der noch einmal den sogenannten Reporter der Außenwette gibt, angestrengt findet.

Ben Stiller muss seinen Film „Nachts im Museum 3“ bewerben, er ist zweifellos vor der Show gewarnt worden: Seine Mimik verrät Anspannung und die Zuversicht eines Mannes, dem Folter angedroht wurde. Noch selten hat ein Komödiant derart unlustig einen Auftritt absolviert. Elton fasst er ans Gesicht und schnüffelt dann an seiner Hand, um den Leberwurstdunst einzuatmen; er verzieht das Gesicht. Mit Robin Williams habe er immer gern zusammengearbeitet. Bald danach darf Stiller die Halle verlassen – Markus Lanz attestiert ihm einen „entspannten Auftritt“. Hermann Maier musste schon früher gehen: Zwar wird seine sprühende Präsenz nicht vermisst – aber welche Verpflichtung könnte ihn am Samstagabend um 22.30 Uhr bedrängen?

Wotan Wilke Möhring spielt in einem Weihnachtsfilm mit Nora Tschirner und Heike Makatsch, der aussieht wie „Tatsächlich … Liebe“, und erklärt wieder, dass er früher Punk war und dass die Adventszeit so wichtig sei wie Weihnachten selbst und Weihnachten mit Kindern am schönsten, und er, Möhring, habe ja Kinder. Schließlich begleitet Til Schweiger, der einen Film mit Dieter Hallervorden gedreht hat, den im Rollstuhl sitzenden Samuel Koch in die Halle. „Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen“, sagt Lanz, nachdem er sich über die Schulter des Gelähmten gelehnt hat. „Das Publikum steht auf“, sagt Lanz, und viele Zuschauer auf den Rängen stehen auf. Koch hatte vor vier Jahren bei „Wetten, dass ..?“ einen Unfall, als er versuchte, auf elastischen Stelzen über fahrende Autos zu springen. Damals gab Thomas Gottschalk auf, das Ende der Sendung schien nah.

Markus Lanz verzögerte das Ende. Zuletzt hatte er noch fünf Millionen Zuschauer, aber jetzt hat er bestimmt viel mehr. Die Sendezeit ist um eine Stunde überzogen. „Es war der längste Kindergeburtstag der Welt“, sagt er mit belegter Stimme und meint vermutlich „Wetten, dass?“ insgesamt. „Mit Salzstangen.“ Die Idee der Salzstange hat sich festgesetzt. „Das Leben geht weiter – wetten, dass ..?“ Wahrscheinlich ist Lanz erleichtert. Man sieht Bilder von großen Momenten der Show. Dann singt der Graf von Unheilig, der seinen letzten (!) Auftritt im Fernsehen hat, ein schwülstiges Abschiedslied von seiner neuen, letzten Platte: „Ihr habt uns mit Applaus getragen … Nichts im Leben ist unendlich … Wir danken euch für all die Jahre … Es ist Zeit zu gehen, wenn es am schönsten ist … Wir werden euch im Herzen tragen … Kein Augenblick ist je verloren.“

Aber was hat wohl Hermann Maier gemacht?

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