Liedermacher als Staatskritiker


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Als Adenauer im Oktober 1963 mit siebenundachtzig Jahren abtrat und an den mittlerweile ungeliebten Vater des wirtschaftlichen Aufschwungs, Ludwig Erhard, übergab, schien es, als habe jemand einen gusseisernen Deckel vom Land genommen, sodass die schon länger brodelnde Unzufriedenheit mit den Umständen nun endlich überkochen konnte. Als im Sommer 1964 auch noch Bundestrainer Sepp Herberger, der bei der Fußballweltmeisterschaft in Chile 1962 mit seiner Mannschaft schon im Viertelfinale ausgeschieden war, seinen Hut nahm, schien die Zeit des Wirtschaftswunders endgültig vorbei.  

Die Stimmung im Land drehte sich. Die Rolle Deutschlands als schicksalsergebener Spielball der Weltmächte machte den Menschen Angst. Immer mehr Bundesbürger gingen bei den sogenannten Ostermärschen hauptsächlich gegen nukleare Aufrüstung auf die Straße. Und auch in der Kultur zeigte sich das Unbehagen am Status Quo. So wollten etwa die aus universitären Kreisen stammenden Organisatoren des Musikfestivals auf der Burg Waldeck im Hunsrück dem Schlagersoundtrack der bundesdeutschen Biederkeit etwas entgegensetzen: Bänkelsang, Chanson, internationale Folklore, US-Folksongs, jiddische Lieder, Politisches und unverkitscht Volksliedhaftes.  

Ein Jüngling, der gerade das französische Gymnasium in Berlin hinter sich gebracht hatte, trug beim ersten Festival im Mai 1964 Lieder des Schriftstellers Fritz Graßhoff vor; er hieß Reinhard Mey. Der Düsseldorfer Liedermacher und Kabarettist Dieter Süverkrüp sang ironisch von seinem abhanden gekommenen Nationalgefühl und machte sich über die miefige Gesellschaft der Bundesrepublik lustig, die endlich mal ordentlich durchgelüftet gehöre, und Franz Josef Degenhardt sang von Pest, Tod und Krieg und von einer Erbschaft, die er nicht annehmen wollte: 

 

„Ich machte Schluss mit der Zwecklosigkeit, 

den pietätvollen Riten. 

Ich lebe schließlich in meiner Zeit, 

mit ihren Requisiten. 

Was fang‘ ich mit Goethes Nachthemden an, 

mit Friedrichs Tabaksdosen, 

dem präparierten Kopf eines heiligen Mann, 

Pompadours Unterhosen 

und dem Zahn des größten Franzosen?“ 

 

Die Nationalsozialisten waren über die deutsche Geschichte hinwegmarschiert und hatten die Liedtradition gleich mit begradigt. „Tot sind uns’re Lieder, uns’re alten Lieder”, sang Degenhardt zu dieser Zeit an anderer Stelle, „Lehrer haben sie zerbissen, Kurzbehoste sie verklampft, braune Horden totgeschrien, Stiefel in den Dreck gestampft.” Es brauchte neue Lieder gegen die neuen Verhältnisse. Und die stammten, ebenso wie in den USA, von den Folksängern und Liedermachern und waren auch als Absage an die als affirmativ geltende Unterhaltungskultur zu verstehen. Die Rebellionshaltung des Rock’n’Roll galt nur als leere Geste, als Mittel zum Zweck, um die hormonell aufgepeitschte jugendliche Käuferschaft zu erreichen.