Matthew E. White – Weißer Anzug, schwarze Seele

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Matthew E. White – Weißer Anzug, schwarze Seele

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Was bisher geschah: ein vollbärtiger Missionarssohn und einige hippieske Freunde gründeten ein Plattenlabel mit dem schönen Namen Spacebomb. Um Künstler anzulocken und zu zeigen, auf welche Musik sie stehen, nahmen sie auf dem Dachboden eines kleinen Häuschens in Richmond/Virginia eine Referenzplatte auf, die ihre Liebe zu klassischem R&B, Soul und Gospel ausstellte – komplett mit Streichern, Bläsern und Chören. Sie tauften das Werk „Big Inner“ – und in dem Titel steckte schon alles drin: die Naivität und die Innigkeit, die opulenten Arrangements und das altmodische Handwerk. Das Album wurde ein großer Erfolg, White reiste 18 Monate lang mit seiner Band um die Welt, spielte in kleinen Clubs, im Opernhaus von Sydney, auf dem Glastonbury Festival und beim ROLLING STONE Weekender raue Südstaaten-Garagenrock-Versionen seiner Lieder und brachte selbst beinharte Agnostiker dazu, Gospelsongs mitzusingen, als wären sie gerade erleuchtet worden.

Diese Geschichte klingt so verdammt romantisch und magisch, dass man denken könnte, sie wäre aus der Feder des wundervollen Pop-Fantasten Jonathan Lethem geflossen. „Aber genau so war es“, sagt der vollbärtige Missionarssohn, der Matthew E. White heißt, und lacht. Seine tiefe Stimme passt zu seiner mächtigen Erscheinung. Er wirkt älter als seine 32 Jahre, was wiederum gut zu seiner alten Seele passt. „Ich weiß noch, wie ich sagte: ,Niemand macht heute mehr Platten wie diese – und ich frage mich, ob die Leute das mögen.‘ Wir wussten alle, dass wir gut sind, und wir wussten auch, dass das, was wir taten, einzigartig ist.

Bon Iver ist ein inspirierender Freund

Wir waren mit ganzem Herzen dabei. Was uns allerdings überraschte, war, wie viele Menschen das genauso sehen wie wir. Das war geradezu ein Schock!“ Keine Frage, sie mussten mit ihrer Musik und ihrer Geschichte einen Nerv getroffen haben, geplant war das ganz sicher nicht „Manchmal sind es einfach glückliche Umstände, die dafür sorgen, dass du zufällig den Zeitgeist genau triffst“, sagt er. „Justin Vernon alias Bon Iver ist ein Freund von mir. Ich mag ihn sehr, und er ist ein inspirierender Typ, aber seine Sachen sind nicht sooo viel besser als die all der anderen, die in diesem Bereich arbeiten. Doch seine Musik explodierte, weil sie zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Kultur traf. Da geht es um die Interaktion von Musik und Kultur, das ist etwas anderes als die Interaktion zwischen Musik und dem einzelnen Hörer. Man kann nie wissen, was den Zeitgeist trifft. Wenn man versucht, das zu steuern, wird man ihn aber sicher verfehlen.“

Man merkt, dass White sich viele Gedanken gemacht hat über seine Musik und ihre Wirkung. Seine langen Antworten trägt er im Brustton der Überzeugung vor. Vielleicht hat er ein wenig Predigertalent von seinen Eltern geerbt, die unter anderem auf den Philippinen und in Japan die Frohe Botschaft verkündeten, sodass er Teile seiner Kindheit im Ausland verbrachte und die amerikanische Kultur über Greatest-Hits-Sammlungen von Chuck Berry und den Beach Boys vermittelt bekam. Erfolg lasse sich nicht kontrollieren, sagt er, aber man könne lernen, sein Handwerk zu beherrschen, und man könne besser werden mit dem Alter. „Guck dir all die Künstler außerhalb der Musikwelt an, wie die sich in ihrem Leben entwickelt haben: Picasso, Matisse, Beethoven … Die wurden alle immer besser, weil sie nicht auf irgendeinen Teenager-Markt oder Zeitgeist schielen mussten wie viele Popmusiker. Und das ist auch die Herausforderung, der ich mich stelle: Ich will mit jedem Album besser werden und versuche nicht, die Platte zur Zeit zu machen, sondern eine, die zu jeder Zeit perfekt passt.“

Als er während der Shows in die begeisterten Gesichter der Fans schaute, habe er gedacht: „Wenn ihr das schon mögt, dann wartet mal ab, was als Nächstes kommt. Wir können viel mehr als das!“ Klingt nach jeder Menge Selbstvertrauen, doch ganz so leicht ging die weitere Arbeit bei Spacebomb nicht von der Hand. White war nach der langen Tour vollkommen erschöpft und hatte angesichts der hohen Erwartungen, die an den Nachfolger von „Big Inner“ gestellt wurden, einige schlaflose Nächte. „Ich glaube, die Erwartungen von außen waren nichts gegen die Erwartungen, die ich selbst an mich hatte“, sagt er.

„Schon ,Big Inner‘ habe ich mit großem inneren Druck gemacht, etwas Gutes hinzukriegen.“

Direkt nach „Big Inner“ hatte er mit seinen Spacebomb-Komplizen das Debütalbum seiner alten Highschool-Freundin Natalie Prass (siehe Kasten links) produziert, das vor Kurzem erschienen ist. Er ist sehr stolz darauf und hält es seiner Arbeitsethik folgend für eine bessere Platte als sein eigenes Debüt. Darüber könnte man streiten. Dass sein wenig später erschienenes neues Werk, „Fresh Blood“, nun ein mehr als würdiger Nachfolger seines Debüts ist, bestreitet dagegen sicher niemand. Aufgenommen selbstverständlich am selben Ort und mit denselben Leuten. „Vermutlich wäre es für mich nicht möglich, nach Berlin oder gar in eine andere amerikanische Stadt zu ziehen“, sagt White. „Es gibt dieses Label und diese Idee, weil es in Richmond die Leute gibt, die es möglich machen. Wir wollen alle das Gleiche. Wir haben dieselbe musikalische Moralität, wir sind uns einig in den Dingen, an die wir glauben und an die wir nicht glauben, wir schätzen dieselben Dinge, und wir sind uns einig in den Dingen, die wir nicht schätzen. Es gibt natürlich auch mal Reibungen, die muss es auch geben, aber wir sprechen dieselbe Sprache, wir haben dasselbe Vokabular.“

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