Musik – Storys

  • Cash - American Recordings

    Johnny Cash – „American Recordings“

    Die letzten beiden Alben von Johnny Cash kamen einem schon vor wie die Arbeit am eigenen Nachruf - nicht umsonst spielten die Fernsehsender an jenem für uns so traurigen Tage, als Johnny zur geliebten June heimkehrte, das Video zu seiner Version des Nine Inch Nails-Songs "Hurt", anstatt sich, wie sonst bei solchen Anlässen, eilig eine fragliche Würdigung aus allen Filmschnipseln, derer man habhaft werden konnte, zusammenzustoppeln. mehr…

  • Warren Zevon

    Warren Zevon – „Sentimental Hygiene“

    Damals kam Warren Zevon aus der Entziehungsklinik, in der ihm die Alkoholsucht ausgetrieben worden war. Fünf Jahre waren seit "The Envoy" vergangen, dem Album, das ihn den Plattenvertrag kostete und das niemand richtig mag. mehr…

  • The Housemartins

    The Housemartins – „London 0 Hull 4“

    Von den eigenen Witzen überholt wurden die Housemartins spätestens im Video zur Single „Five Get Over Excited“. Der damalige Schlagzeuger Dave Hemingway wird ganz am Anfang der Spielhandlung entführt, bekommt einen großen Sack mit Augenschlitzen über den Körper gestülpt und stolpert als heiteres Gespenst durch den Rest des Films. mehr…

  • Van Dyke Parks

    Van Dyke Parks – „Song Cycle“

    Ich führe im Foyer eines Essener Hotels ein Interview, als ein schnauzbärtiger, weißhaariger Mann mit der Statur eines leicht dicklichen Katers sich zu uns setzt, um bei meinen Interviewpartner eine Zigarette zu schnorren. Er schaut auf den Interviewplan und wendet sich mir zu: „M-A-I-K... is that you?“ Ja. Das bin ich. mehr…

  • Elvis Costello - Punch The Clock

    Elvis Costello – „Punch The Clock“

    Auf besonderen Wunsch von Lord And Lady Muck. Es gibt Songs, für die man kein Englisch oder überhaupt eine Sprache beherrschen muss. Okay, das redet man sich später ein, falls man noch ein Kind war und von den Schlagern jener prägenden Jahre nicht loskommt. mehr…

  • Talking Heads 77

    Talking Heads – „77“

    Damals gab es ja diese Pullover, bevor sie Sweatshirts hießen, mit der Zahl 77 und oft irgendeiner amerikanischen Universität drauf. Als Kind hatte man den Unfug von C&A zu tragen, mit Cord-Overall und Safari-Hemden. mehr…

  • Disintegration

    The Cure – „Disintegration“

    Tausend Keyboards klingeln, und eine Gitarre wie eine große Träne fällt langsam zu Boden. Dann die Stimme: das Greinen eines greisen Säuglings, enervierend, zickig, idiosynkratisch. "Boys Don't Cry" hatte die Stimme früher gesungen, aber auf niemanden traf das weniger zu als auf den Mann mit der Stimme, auf Robert Smith. mehr…

  • Joni Mitchell - The Hissing Of Summer Lawns

    Joni Mitchell – „The Hissing Of Summer Lawns“

    Die Emanzipation der Popmusik vom pubertären “boy wants girl” oder auch gerne mal “girl loves boy“ zu einer eigenen Kunstform Mitte der 60er Jahre schien ausschließlich eine männliche Domäne zu sein, wobei viele „Künstler“ mit Hippieattitüde, Chauvinismus und Größenwahn den Pop bald zu Lächerlichkeiten führten, die Pat Boone oder Frankie Avalon sich nicht hätten träumen lassen: „Their Satanic Majesties Request“, „Revolution # 9“, „Mind Gardens“ – von der ganzen Artrockmischpoke mal ganz zu schweigen. mehr…

  • The Nits

    The Nits – „dA dA dA“

    Ein Bekannter klagte neulich über die Handhabung berühmter Musiker in durchschnittlichen Plattenläden. Der Versuch, die eigentlich fast überall nachgeschmissene LP „Blonde On Blonde“ von Bob Dylan zu erwerben, scheiterte alleine an der Tatsache, dass Dylan sehr viele Platten veröffentlicht hat, und sich darunter ebenfalls sehr viele als „Hits“ deklarierte Stücke befinden. Folge: Im Dylan-Fach (immerhin) befanden sich ausschließlich „Greatest Hits“-Zusammenstellungen, aber kein einziges Original-Album. Mein Freund hat sich „Blonde On Blonde“ dann in diesem verrückten 24-Stunden-Shop namens Internet bestellt. Da gibt es ja angeblich alles. Sogar Vinyl. mehr…

  • Elvis Costello

    Elvis Costello – „This Years Model“

    Es war wohl etwa 1989 oder 1990, ich war pickelig und verwirrt, als ich das erste mal seine Stimme hörte. Es war ein Streit um ein Mädchen, denke ich. Zwei Typen. Der eine hoffnungslos romantisch, der andere bissig und zynisch. Der eine mein großer Held seit ich das erste Mal ein Album der Beatles gehört hatte, der andere mir unbekannt. „You Want Her Too“ hieß das Stück, in dem diese zwei Weltbilder aufeinanderprallten. Ich war, nachdem ich es zum ersten Mal gehört hatte, bereit, das eine, gegen das andere einzutauschen und machte mich auf die Suche nach dem Mann, der – wenn man dem Aufdruck auf dem Cover des Albums „Flowers In the Dirt“ von Paul McCartney glauben durfte – Declan MacManus hieß. mehr…

  • Leonard Cohen

    Leonard Cohen – „Songs Of Love And Hate“

    Der Abschluss von Leonard Cohens "Songs"-Trilogie, aber versöhnlich und beruhigt war hier überhaupt nichts. "Songs of Leonard Cohen" und "Songs From A Room" hatten die Urgewalt dieser dritten LP nur angedeutet. Das beinahe flehentliche Vertrauen an die "Sisters Of Mercy", der introvertierte "Stranger Song", die grandiose "Story Of Isaac" mit Metaphern aus Gold, der ergreifende Rückblick "Seems So Long Ago, Nancy". Alles Musik, für die man nicht töten, sondern leben wollte; ingeniös, unangreifbar und doch erst der Anfang. mehr…

  • John Cougar Mellencamp

    John Cougar Mellencamp – „The Lonesome Jubilee“

    Heute, da alles ein "Projekt" sein muss, kann man die Platten von John Mellencamp in der Mitte der 80er Jahre als "Generationenprojekt" bezeichnen. Springsteens gebrochener Patriotismus hatte ihm die Augen geöffnet für das eigene Land, und so sang er "Smalltown" und "R.O.C.K. In The U.S.A." auf der nur scheinbar dumpfen Platte "Scarecrow" (1985), einer Verewigung seiner Heimat Bloomington, Indiana, und eines der schönsten Dokumente amerikanischer Folklore. "There is nothing more sad or glorious than generations changing hands", hatte er der LP vorangestellt, ein Spruch seines gestorbenen Großvaters (vielleicht aber auch von Abraham Lincoln), und die Platte birst fast vor Stolz und Unbeugsamkeit. Mellencamp setzte in dem Stück "Rain On The Scarecrow" dem Farmer an sich pathetisch ein Denkmal und erinnerte an die Pionierarbeit der Bauern: "This land fed a nation, this land made us proud." mehr…

  • Hüsker Dü

    Hüsker Dü – „Land Speed Record“

    Es ist das beste Cover, das eine Hardcore-Platte damals haben konnte: Die Särge der ersten in Vietnam getöteten amerikanischen Soldaten, bedeckt mit den Stars & Stripes, vorn dran baumeln noch die Ehrenmedaillen wie Christbaumschmuck, im Hintergrund stehen ein paar Militärgestalten am hellen Eingang zu dem Mausoleum, das vermutlich ein Frachtflugzeug ist. mehr…

  • Blondie

    Blondie – „Eat To The Beat“

    Okay, hier geht es vor allem um Sex. Der Sex ist ein guter Verkäufer, und er hat viele (längst nicht alle) Blondie-Platten verkauft. Das ist komisch, weil auf „Plastic Letters“, „Parallel Lines“ oder „Eat To The Beat“ keine sexy Musik ist. Erst beim Wiederhören merkt man das so richtig, aber schon damals hat sich keiner ernsthaft eingebildet, dass Debbie Harry mit irgendeinem von den Leuten, für die sie sang, echten Sex haben wollte. In der Stimme lag nie Ermutigung, immer nur Ablehnung, Langeweile, das Zischen, wenn jemand durch knapp geschlossene Zähne genervt einatmet. Trotzdem war sie Ende der siebziger Jahre das, was man ein Sexsymbol nennt, und das ist ganz richtig so: Wo ein Symbol steht, ist per Definition die Sache, um die es geht, schmerzlich abwesend. mehr…

  • Robert Wyatt

    Robert Wyatt – „Rock Bottom“

    Robert Wyatt, vormals Schlagzeuger von Soft Machine und Matching Mole, sitzt in einem Haus auf einer Insel vor Venedig, beobachtet die Eidechsen an der Wand und schreibt auf einem kleinen Keyboard neue Songs. Er ist mit seiner Freundin Alfreda Benge hier. Sie arbeitet in der Stadt an einem Film: „Don’t Look Now“ (Deutscher Titel: "Wenn die Gondeln Trauer tragen"), dem Meisterwerk des britischen Regisseurs Nicolas Roeg. mehr…

  • Ups..

    Flowerpornoes – „Ich & Ich“

    „Ich & Ich“ – ist Tom Liwa, damals Songschreiber der Duisburger Band Flowerpornoes, Dylan-Fan oder ist er schizophren? Dylan mag er, das weiß ich. Ich sah ihn zum ersten Mal 1998 auf einem Dylan-Konzert in Essen. Er stand vor mir und als ich mich mit einem Freund darüber unterhielt, dass Peter Maffay Van Morrison gefragt hatte, ob der bei seinem „Begegnungen“-Album mitmachen wollte, drehte Liwa sich um und zischte: „Woher hat das Schwein denn die Adresse“. Morrison mag er also auch. Dazu später mehr. Aber ist Tom Liwa schizophren? Ich sag’s mal so: Das sind wir alle. mehr…

  • Ups..

    Camper Van Beethoven – „Key Lime Pie“

    Der Redakteur von der Lokalzeitung kam damals mit der monatlichen Lieferung aus dem Virgin-Büro in die Redaktion. Er verteilte die Rezensionsexemplare. In jenem Herbst hatte ich bereits Lenny Kravitz’ "Let Love Rule" bekommen, und während man heute jede Platte dieses Mannes fürchtet, glaubte man damals locker an die Wiedergeburt von Otis Redding, John Lennon und ein paar anderen Toten. Ehrlich. mehr…

  • Joe Jackson

    Joe Jackson – „I’m The Man“

    Die Plattenrezension hätte damals so beginnen müssen: "Seine Formulierungen sind so spitz wie seine Schuhe..." Tatsächlich handelte "Look Sharp!", Joe Jacksons Debüt, eher davon, dass es nicht hinhaut mit den Mädchen, dass sie immer mit den anderen Kerlen gehen, dass die Zeitungen lügen und dass Joe verdammt viel Zeit hat, um über sein Leben nachzudenken. Kein bisschen war er der lässige Draufgänger, den er so großmäulig spielte, und "Is She Really Going Out With Him?" war zwar sein wahrhaftigster Song, doch ging es ihm kaum um das Mädchen, schon eher um den Burschen. Joe war kein Punk, alles war Pose, aber damals war es auch egal. mehr…

  • Ups..

    John Cale – “Music For A New Society”

    Man hört ja doch immer am liebsten Musik von Leuten, die einem irgendwie ähnlich sind. Anders lässt sich die Proliferation herzerweichender Kritiken zu Platten, die alle irgendwie von traurigen bis verzweifelten jungen Männern weißer Hautfarbe stammen, in dieser Rubrik wohl nicht erklären. Geben wir es ruhig zu, wir sind doch allesamt ausgesprochene Romantiker. mehr…

  • Gene Clark

    Gene Clark – „Gene Clark (White Light)“

    Die ersten beiden Byrds-Alben haben sicherlich einige schöne Songs zu bieten und auch aus musikhistorischer Sicht einen gewissen Stellenwert. Doch man will ja nicht der Musikhistorie, sondern feiner Musik lauschen, und so richtig gut wurden die Byrds erst, als sie begannen, sich von Bob Dylans Rockzipfel zu lösen. Das war auch die Zeit, in der ihr talentiertester Songschreiber Gene Clark die Band verließ. Dies allerdings nicht, ohne den verbleibenden Musikern seinen größten Coup "Eight Miles High" zurückzulassen, der seine Brillanz freilich erst durch Roger McGuinns Free-Jazz-inspirierte Gitarre entfaltete. mehr…