Nachruf auf Bruno Ganz: Der Nachdenker

Er hatte zwei Sprechweisen: die präzise, schneidende, das Hochdeutsche – und den schweizerisch gefärbten, behaglichen Singsang. Auf der Bühne war Bruno Ganz ein Riese der wortgenauen Pathoslosigkeit, im Kino wurde er zum Virtuosen des leise Sentimentalen. Das outrierte Belfern, das er 2003 für seine Rolle als Adolf Hitler in „Der Untergang“ einstudiert hatte, war etwas Äußerliches wie die umständliche Verkleidung. Ganz wusste, dass er fortan für dieses Kunststück berühmt sein würde, und spielte die Rolle dennoch. Es gab einfach keine Rolle, vor der er Angst hatte. Vielleicht hat er sich zu Hitler überreden lassen. Es war seine Profession.

1941 wurde Bruno Ganz in Zürich geboren, Sohn eines schweizerischen Vaters und einer italienischen Mutter, schon als Jugendlicher zum Schauspiel entschlossen. Mit 19 Jahren spielte er in einem Film von Karl Suter, „Der Herr mit der schwarzen Melone“, und ein Jahr später in „Chikita“ von demselben Regisseur. Er war Sanitäter beim Militär, absolvierte das Zürcher Bühnenstudio und verkaufte Bücher. 1962 ging er ans Junge Theater Göttingen und zwei Jahre später an Kurt Hübners Theater am Goetheplatz in Bremen, wo er bald in den großen Inszenierungen von Hübner, Peter Zadek und Peter Stein auftrat: in „Frühlings Erwachen“, „Hamlet“, „Macbeth“, „Die Räuber“, „Kabale und Liebe“, „Torquato Tasso“.

Bruno Ganz 1978, „Messer im Kopf“, hier auf einem amerikanischen Werbeplakat

Als Stein 1970 die Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin gründete, war Ganz der erste Schauspieler am ersten deutschen Theater: Bis 1975 spielte er in den Inszenierungen von Peter Stein und Klaus Michael Grüber. Bei den Salzburger Festspielen gab er 1972 neben Ulrich Wildgruber den Doktor in der Uraufführung von Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, inszeniert von Claus Peymann – ein lustvoll inszenierter Theaterskandal, weil Bernhard darauf bestand, dass am Ende die Notbeleuchtung ausgeschaltet werden musste: absolute Dunkelheit! Ganz wurde zum „Schauspieler des Jahres“ gewählt.

Kooperation

Peter Stein verfilmte 1976 seine Schaubühnen-Inszenierung von Maxim Gorkis „Sommergäste“. Danach spielte Ganz in Eric Rohmers Film „Die Marquise von O.“. Rohmer engagierte deutsche Theaterschauspieler, weil er große Gesten haben wollte. Vor den Dreharbeiten bat er die Schauspieler, sich ein erotisches Gemälde anzusehen. Bruno Ganz studierte es eine Stunde lang. „Er ist ein sehr gewissenhafter Schauspieler“, sagte Rohmer.

Der sprechende Engel wurde das Inbild des Bruno Ganz

In Wim Wenders’ „Der amerikanische Freund“ (1977) ist Ganz ein todkranker Bilderrahmenrestaurateur, der einen Mord begehen soll. In dieser vertierten Version von Patricia Highsmiths Roman sind es Ganz’ verzweifelte Melancholie, sein Summen von „Too Much On My Mind“ von den Kinks, seine schütteren Gespräche mit Dennis Hopper, dem amerikanischen Freund, die Sprachlosigkeit mit Lis Kreuzer und das Hamburg der 70er-Jahre, die den Film unvergesslich machen. Wenders ging dann nach Hollywood, Ganz auch: In Franklin Schaffners „Boys From Brazil“ spielte er neben Gregory Peck und Laurence Oliver eine Nebenrolle. In Filmen von Reinhard Hauff, Werner Herzog, Harun Farocki, Volker Schlöndorff und Rudolf Thome, auch in einigen französischen und italienischen Filmen spielte Ganz jetzt lieber als auf der Bühne. 1982 dreht er „Gedächtnis“, einen Film über die großen Schauspieler Curt Bois und Bernhard Minetti. Im selben Jahr war er noch einmal „Hamlet“ an der Schaubühne, 1986 und 1987 trat er in zwei Inszenierungen von Luc Bondy auf.

Bruno Ganz (* 22. März 1941 in Zürich, † 16. Februar 2019 ebenda)

Zehn Jahre nach „Der amerikanische Freund“ dreht er „Der Himmel über Berlin“ mit Wim Wenders (und Peter Handke): Der sprechende Engel wurde das Inbild des Bruno Ganz, war es sofort, als der Film 1987 in die Kinos kam. Bei „In weiter Ferne, so nah!“, 1993, war der Zauber aufgebraucht. Hajo Gies’ sechsteilige Fernsehserie „Tassilo – Ein Fall für sich“ blieb, das kann man sagen, unverstanden. Ganz spielte einen Kauz. Er war kein Komödienschauspieler. Aber man sollte diese schrullige Kriminalgrotesken noch einmal (oder überhaupt) sehen.

Bruno Ganz spielte große Rollen in kleinen deutschen Filmen, Kino und Fernsehen, und kleinere Rollen in großen internationalen Filmen: in „Der Manchurian-Kandidat“ von Jonathan Demme (2004), in „Jugend ohne Jugend“ (2007) von Francis Coppola, in „The Counselor“ von Ridley Scott (2013) – Spätwerke bedeutender Filmemacher, über die nicht viel zu sagen ist. In zwei Filmen von Theo Angelopoulos, „Die Ewigkeit und ein Tag“ und „The Dust Of Time“, ist Ganz vollkommen bei sich selbst: ein Suchender, ein Murmelnder, ein Übriggebliebener. Silvio Soldinis menschenfreundlicher Familienschwank „Brot und Tulpen“ (2000) wurde überaus populär. Sogar der Berlin-Thriller „Unknown Identity“ (2011) schillert für Momente, weil Ganz in ein paar geheimnisvollen Szenen neben Liam Neeson die Schau ist. In „Der Vorleser“, „Nachtzug nach Lissabon“ und „The Party“, zuletzt in Lars von Triers „The House That Jack Built“ ist Bruno Ganz der gewissenhafte Schauspieler in einem internationalen Ensemble.

Josef Meinrad hat Bruno Ganz 1996 den Iffland-Ring für den besten deutschsprachigen Schauspieler vermacht – ein Eitelkeitspreis für einen Mimen, der nie als eitel beschrieben wurde. Seit 1965 war er mit seiner Frau Sabine verheiratet, aber er lebte schon lange nicht mehr mit ihr zusammen. Ihr Sohn erblindete als Kind. Ganz wohnte in Berlin, er liebte Venedig, und in den letzten Jahren blieb er in seinem Haus am Zürichsee. Er sprach vom Alkohol und der Verbindung zur Erotik, der er verfallen war. Er war ein nachdenklicher Mann.

Bruno Ganz war nicht lange krank – im letzten Jahr zog er sich zurück und sagte alle Arbeiten ab. Vorgestern starb der stille Grübler und vornehmste Virtuose des Schauspiels im Alter von 77 Jahren in Zürich.

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