• Zwille sein zahmes Milljöh

    3. November 1997

    Bitte einmal die Augen schließen und an die Siebziger denken: Gegenkultur, Alternativkultur, Subkultur – wie auch immer. Plötzlich stimmt die Polizei ihr dreigestrichenes LALÜ an, und es wimmelt im Kopf von Ablegern der Freak Brothers. Was da mit seismischem Zeichenstift zu Papier gebracht wurde, rekonstruiert sich im Wiederaufstand der Bilder wie von selbst. Gerhard Seyfrieds […]

  • Hinter der Maske des Junkies musiziert ANDREW DORFF fast auf Dylan-Niveau

    Das erste, was man diesem junkiehaft verkrumpelten Häufchen Mensch entgegenschnauzen will, ist »jetzt reiß dich mal zusammen!”, bevor das dann doch Anstand und Respekt vor dem Künstler verhindern. Andrew Dorffs Hände sind in ständiger Bewegung, ein ewiges Zittern, Pulen, Schubbern und Kratzen. Sein Blick ist überall, trifft aber nie deinen eigenen. Er sieht aus wie […]

  • Nach einem rastlosen Leben on the road legt Mike Watt den Rückwärtsgang ein

    Hier kommt die Geschichte von Richard James Watt. Er ging zur U.S.Navy, weil er es in dem kleinen Kaff, in dem er aufgewachsen war, nicht mehr aushielt. Dann war er die meiste Zeit unterwegs, auf dem Meer – und wenn er mal nach Hause kam, dann wurden meistens Umzugskisten geschleppt. Irgendwann streikte seine Frau. Denn […]

  • Wolfgang Doebeling über eine bittersüße Symphonie von The Verve, Naivität beim Sampeln und das böse Erwachen danach

    Der Mann kann einem leid tun. Da hat sich Richard Ashcroft sein Leben lang nach Ruhm und Geld gesehnt, trabte mit dieser ehrbaren Hoffnung im Herzen durch so manchen dunklen TunneL Und just, als er endlich triumphierend im Licht steht und “Schuldenfrei!” jubelt, zieht ihm einer den Boden unter den Füßen weg, einer, der niemals […]

  • WHERE THE STREETS HAVE NO NAME

    Der medienwirksame Auftritt in der zerbombten Stadt war auch ein Statement für das politische Engagement der Rockmusik. Ob U2 IN SARAJEVO aber mehr war als eine Geste, wagen selbst Optimisten nicht zu prophezeien.

  • Bowie in Berlin

    5. Oktober 1997

    Daß er '76 seinen ersten Wohnsitz in die Mauer-Metropole verlegt hatte, war zunächst niemand so recht aufgefallen. Mit Schützling Iggy Pop im Schlepptau, verstand es Bowie auch im Laufe der kommenden Jahre, die für ihn so exotische Front-Stadt zu erkunden, ohne von Fans oder Paparazzi belästigt zu werden. Daß er in Berlin mit "Low" und "Heroes" zwei seiner klassischsten Alben aufnahm, gilt inzwischen schon als Gemeingut; von Umfeld und Hintergründen aber war bisher nur sehr wenig bekannt. Peter & Leni Gillman haben erstmals Bowies unbekannte Jahre in Berlin minutiös & detailliert dokumentiert.

  • Stereolab – Dots And Loops

    3. Oktober 1997

    Früher wollten Stereolab nur eins, und das ohne jede Hast. Heute wollen sie alles – und zwar zugleich. An einem weit ausholenden, aber gänzlich selbstgenügsamen Schwingen arbeiteten die Londoner einst. Ein Grundton – vom Moog oder was sonst beim Eletrohöker um die Ecke modert – genügte, darauf wurden dann etliche Lagen Sounds geschichtet. Die Wiederholung […]

  • BRASSED OFF von Mark Herman

    Kleine, unprätentiöse Streifen mit klarer sozialkritischer Botschaft zeichneten das britische Free Cinema Mitte der 60er Jahre aus. Wie ein Nachkömmling dieser ruhmreichen Epoche wirkt dieser sehr präzise Film aus dem englischen Bergbaumilieu in Grimley, Yorkshire, 1992: Die lokale Kohlezeche soll stillgelegt werden, was auch das Ende der traditionellen Blaskapelle bedeuten würde. Trotz drohender Arbeitslosigkeit peitscht […]

  • ENGELCHEN von Heike Misselwitz

    Die Fenster ihrer Wohnung zeigen in den grauen Hinterhof, dahinter tost der Berliner Straßenverkehr und kreischen die Gleise des S-Bahnhofs Ostkreuz. Ein Mann wird von seiner betrunkenen und schwangeren Frau lautstark hinausgeworfen. Seine Sachen fliegen durchs Fenster. Ein Mädchen versucht ihn zu halten: “Papa, Papa”, und fällt, von dem wütenden Mann gestoßen, mit seinem Gesicht […]

  • Ten Milestones

    Es gab andere schöne und wichtige Folk-Alben vor “Frost & Fire” (Topic, 1965), etwa von Shirley Collins und Davy Graham, doch mit ihrem “Calendar Of Ceremonial Folk Songs” (Untertitel) gelang THE WATERSONS der erste unsterbliche Klassiker des Revivals, ein Konzept-Album, zudem mit unbegleiteten und wunderbar gesungenen Liedern zum Wechsel der Jahreszeiten. MARTIN CARTHY intensivierte auf […]

  • FAIRPORT CONVENTION – DIE ELEKTRIFIZIERUNG DER FOLK MUSIC

    MIT WECHSELNDEM BAND-PERSONAL MACHTEN SICH FAIRPORT CONVENTION UND STEELEYE SPAN AN DIE ELEKTRIFIZIERUNG DER FOLK MUSIC

  • Konkurrenz oder Kasperle-Theater? Deutsche Platten-Bosse über Richard Bransons zweiten Versuch im Musikgeschäft

    In Deutschlands Plattenbranche wird derzeit heftig gemunkelt: Sollte Bransons neue Firma, die zum Einstand nicht gerade mit Schlagzeilen glänzte, schon bald den ersten kapitalen Hecht an Land ziehen? Aus “gut unterrichteten Kreisen” ist bereits seit Wochen zu vernehmen, daß Herbert Grönemeyer mit dem Gedanken spiele, bei V2 zu unterzeichnen. Was Bransons Statthalter in Berlin weder […]

  • Bob Marley wurde zum Synonym für Reggae. Doch sein Tod markierte das Schwinden des Erfolgs und aller Innovation

    Erst eine schlecht heilende Wunde am Zeh des Hobby-Kickers, dann eine bösartige Wucherung. Jahre später schließlich der letale Tumor im Hirn: Am Ende starb die Ikone an den Folgen eines Fußballspiels. Und mit ihr der Reggae in kommerzieller Hinsicht – nach Bob Marley ist es keinem Künstler Jamaikas (und der Dritten Welt) mehr gelungen, international […]

  • Folk/Country

    SANDY DENNY Seit “Who Knows Where The Time Goes” (Hannibal) – 43 Aufnahmen auf drei CDs, zusammengestellt von Joe Boyd und Trevor Lucas – sind weitere CDs mit unveröffentlichtem, gleichwohl faszinierendem Studio- und Live-Material von dieser Sängerin erschienen, darunter eine Auswahl aus ihren BBC-Auftritten, bei denen Denny in sensationeller Form zu hören ist. Aber neben […]

  • PUNK ROCK EXPLOSION

    Man könnt es sich leicht machen und Richard Hell fragen. Der erzählt jedem, der es hören will, er sei der erste Punk gewesen, Punk Rock sei seine Erfindung. Zum Beweis knallt er seine Indizien auf den Tisch: mein Song (“Blank Generation”), meine Band (The Voidoids), meine Frisur (spiky und professionell gefärbt). Seine Friseuse führt er […]

  • COUNTRY LEARNS TO ROCK

    Ein Musiker, hochintelligent und bereits in frühen Jahren in Folk-, Rock- und Country-Roots firm, kreierte Mitte der Sechziger quasi im Alleingang eine Stilrichtung namens Country-Rock, die Rednecks und Hippies auf wundersame Weise einte und begeisterte: Gram Parsons. Parsons rastlose Suche nach der musikalischen solution führte über Pacers, Legends und Journeymen zur Gründung der International Submarine […]

  • FROM GLAM TO GLITTER

    Ach ja: Plateausohlen, Kajal-Stifte, Fake Furs, Talmi und so. Glam-Rock eben, oder nach einem seiner Vertreter, der heute noch als peinlich-Hebenswerter Anachronismus im britischen Fernsehen herumstrauchelt – Glitter-Rock: Wie man’s will, Hauptsache, es glitzert und glimmert, und der Sänger knickt nicht um und bricht sich den Knöchel. Glam-Rock war ein Ableger des Art-Rock (der, retrospektiv […]

  • Als der Soul in die Discos abwanderte, erschienen Sly Stone und George Clinton als die radikalen, stilprägenden Erneurer

    Er war der Totengräber des Soul, der aber beim Zuschaufeln des Grabs eine neue Epoche schuf: Kein anderer hat in den 70er Jahren mehr bewegt als Sylvester Stewart, den sie in den mean streets seiner Heimatstadt Vallejo nur Sly nannten. Niemand hat mehr bewegt, und niemand hatte mehr Einfluß auf das, was nach ihm kommen […]

  • THE PETARDS: Beat aus Schrecksbach

    Jahre bevor sich diese Nation über den Rauschebart von Fritz Teufel aufregte, trugen bereits die Gebrüder Ebert im hessischen Schrecksbach Indienklamotten sowie deutlich schulterlanges Haupthaar. Ihre Beat-Band The Petards wurde im Lande zwar nie so bekannt wie die Lords, die Musik der Hessen-Hippies wird jedoch bis heute von etlichen Fans verehrt und gilt bei Kraut-Kennern […]

  • BRENDA KAHN: Fragile Folkrock-Rebellin

    Null Bock auf Charts hatte die zarte New Yorkerin schon, als sich 1992 ihre zweite Platte “Goldfish Don’t Talk Back” wider Erwarten hervorragend verkaufte. Daher zog die Folkrockerin sofort die Notbremse, kündigte ihren Plattenvertrag bei einer Major-Firma und tingelte lieber ein paar Jahre durch die kleinen Clubs der Staaten. Unterwegs entstand das rotzig-rockige Werk JDestination […]