• Wong Kar-Wei: Chungking Express

    3. April 1996

    Die Wiederkehr des Melodrams zur Zeit beginnt in Asien. Ein Jahr vor der Rückgabe an China breitet sich Fatalismus über Hongkong aus, und in der Kapitalismus-Enklave werden Träume wieder Träume. Alles zerläuft, und läuft doch zusammen. So sind auch die Episoden über zwei Polizisten mit den Dienstnummern 223 (Takeshi Kaneshiro) und 663 (Tony Leung) angelegt […]

  • Sean Penn spielt die Rolle seines Lebens, “Dead Man Walking” ist der Film des Jahres – Tim Robbins heißt der Regisseur

    Der Regisseur und die Nonne: Wie ein Pfarrer schreitet Tim Robbins im Interconti das Spalier der Fotografen und Kameraleute auf der Pressekonferenz der Berlinale ’96 ab. Seine Hände hat er weihevoll vor seinem dunkelblauen Jackett gefaltet, über der Knollnase und den Pausbacken glänzen wässrig große, von dicken Falten umgebene Augen. Vor ihm strebt die korpulente […]

  • Gerhard Schröders Dilemma Reflektiert die derzeitige Agonie der Sozialdemokratie

    Der unaufhaltsame Wandel des Dr. Juso zum Mr. Heide-Strauß. Denn woran Gerhard Schröder als Vorsitzender der Jungsozia- listen damals noch glaubte, das mußte er als Ministerpräsident ablehnen. Und die Trennung von seiner ewig prinzipientreuen und rigorosen Frau ist auch Symbol für die innere Zerrissenheit der SPD: hier die politisch korrekte Mahnung, dort der politisch not- wendige Pragmatismus. Können Kohls Sympathien für den Kon- trahenten da noch verwundern?

  • Am überraschenden Erfolg zerbrachen die Rainbirds vor Jahren – eine Nummer kleiner geht es nun wieder los

    Mach den Zugaben spielten sich gespenstische Szenen ab, damals vor acht Jahren hinter der Bühne des Berliner Tempodroms: Letztes Konzert der zweiten großen Rainbirds-Tour, rund zweitausend Fans schrien begeistert nach mehr – doch hinter den Kulissen eskaliert der zwei Jahre lang unter dem Deckel gehaltene Streit um Erfolg, Karriere und Streß. Die Rainbirds, umjubelte deutsche […]

  • Die Hamburger Band Tocotronic hat schon wieder eine neue Platte fertiggestellt – schöne Grüße aus dem Egoland

    Dezember 1994: In einer nach Renovierung schreienden, jedoch aus Geldmangel nicht erhörten Fabriketage sitzen drei junge Männer, die zwei Omawörter evozieren: “Flegel” und “lümmeln”. Die Flegel sind Jan, Dirk und Arne von Tocotronic, einer “neuen Hamburger Hoffhungsträger-Band”, wie der Untergrund hysterisch kräht. Und sie lümmeln sich in der Sperrmüllsitzgruppe des Hamburger Labels L´Age D´or. Gerade […]

  • Theo Waigel hat den Wege-Zoll entdeckt

    Das Gezeter war groß: Die Erhöhung der pauschalen Ausländersteuer (von 15 auf 25 %) schien den Untergang des Abendlandes heraufzubeschwören: Das Ausbleiben internationaler Künstler, so lamentierten in- und ausländische Promoter, werde den Freizeitpark Deutschland zur Entertainment-Diaspora verkümmern lassen. Da die Eintrittspreise nicht weiter erhöhbar seien, würden die armen Künstler massenhaft ins Ausland ausweichen. Gemach, gemach. […]

  • Iggy Pop

    Ist “Naughty Little Doggie”, der Titel Deines neuen Albums, eine Anspielung auf Gangsta-Rapper à la Snoop Doggy Dogg? Eigentlich sollte das Album “Innocent Little Doggie” heißen, aber auf dem Weg zur Druckerei hat einer wohl einen Bock geschossen. Ich mußte lachen, dachte mir dann aber: “Hey, das ist ja wirklich gut” also hab ich’s gelassen. […]

  • Noch Fragen? Hier ist die Antwort: Guinness goes Pop

    Mit sechs Bänden, 3000 Seiten und über 15000 Eintragungen gehört “The Guinness Encyclopedia Of Populär Music” zweifellos in das gleichnamige Buch der Rekorde. Für Colin Larkin, den Herausgeber, ist das Konvolut freilich mehr als ein Konglomerat von Kurzbiographien. Etliche Jahre seines Lebens hat der Brite dem Opus Magnus gewidmet, hat dafür seine Ehe geopfert und […]

  • Expeditionen in die tropische Leidenschaft der Metropolen: Combustible Edison

    The Millionaire, Chefideologe der Easy Listening-Pioniere, ist eine seltsame Erscheinung. Im Nadelstreifenanzug, schwarzer Brille, gepaart mit der gebeugten Müdigkeit und Blässe des Nachtmenschen, sitzt er vor dem schwarzen Kaffee. Frappierend frisch jedoch entpuppt er sich, wenn er über sein Lieblingsthema dozieren darf: Swingertum und Cocktailrevolution! Auf meinen zweifelnden Blick hin ist The Millionaire, im früheren […]

  • Die Karriere kann warten. Michael Hall läßt sein Song-Talent im verborgenen blühen

    Austin/Texas, “kleine priviligierte Insel” der Kultiviertheit im großen Lone Star Stute. Hall hat sie hinter sich gelassen – die Stadt, die ihm in 18 Jahren zur Vertrauten wurde. Seit 1994 residiert er in einem polnisch-puertoricanischen Viertel von Chicago. Kaum angekommen, mußte Hall mitansehen, wie ein 11jähriger ein paar Gleichaltrige niedermähte, bevor er selbst erschossen wurde. […]

  • Joe Grusheky – Hamburg, Logo

    Als der “Boss” seine Gemeinde kürzlich zur Talking-Blues-Messe rief, monierten unkundige Nörgler, er “rocke” diesmal ja gar nicht. Drei Wochen später, nur drei Steinwürfe entfernt, holte sein Alter ego genau dies nach. Und merkwürdig: Gerade die persönliche Nähe zum prominenten Mentor erspart dem Mann aus Pittsburgh den Vorwurf billigen Epigonentums. Beide haben sich ihr Land […]

  • Willy DeVille – Hamburg, Gaswerk

    Man hatte sich gefreut. Es sollte ein Abend werden mit New Orleans-schwangerer Atmosphäre, also romantisch, sinnlich und voller lüsterner Lieder, so wie man das vom Meister der musikalischen Emotionen zu Recht erwarten kann. Doch dann kam alles ganz anders. Zunächst stand ein kilometerlanger Marsch vom nächstverfügbaren Parkplatz zur düsteren Halle an. Dort wartete man zwar […]

  • Bad Religion – Berlin, Loft

    Das Lager der letzten wahren Punkrokker mußte in der jüngsten Zeit zwei schwere Rückschläge hinnehmen. Erst kamen Green Day und machten Punk bei 14jährigen beliebt Blöd, wenn man doppelt so alt ist und sich von Rotzlöffeln als alter Sack bezeichnen lassen muß. Dann lösten sich die Ramones auf- ein Ereignis, das der Abschaffung der Sonne […]

  • Stumme Stimmen, geknebelte Sänger

    Die Stimme - Ruch oder Segen der Rock-Musik? "Wir schließen sie nicht prinzipiell aus", erklärt John McEntire von Tortoise. "Wenn wir sie verwenden würden, erhielte sie jedoch keine höhere Priorität ab die restlichen Instrumente. Übrigens: Natürlich hat auch jedes unserer Stücke eine Stimme, es ist eben nur keine menschliche."

  • Womöglich der amerikanischste aller Songschreiber: die lange Karriere-Achterbahnfahrt des Elliot Murphy

    Elliott Murphy ist vielleicht der amerikanischste aller Songwriter – seine Geschichten handeln auch immer von den Autos, in denen seine Figuren sitzen. Zum Beispiel “On Elvis Presley‘s Birthday” auf dem Album “12”: Der Erzähler erinnert sich, wie er als Junge mit seinem Vater in dessen Cadillac fuhr und im Radio der Geburtstag des King gefeiert […]

  • Dub-Reggae-Label Blood & Fire kümmert sich um Unterstützung

    Das kleine britische Dub-Reggae-Label Blood & Fire kümmert sich mit der Unterstützung des Simply Red-Apparates um das jamaikanische Musik-Schaffen.

  • Avantgarde adé: Die Jazz-Chanteuse Cassandra Wilson will ihre intellektuellen Fesseln endgültig abschütteln

    Sigmund Freud hätte zufrieden sein können mit einer Szene wie diesen auf der Produzenten-Couch eine schwarze Jazz-Sängerin, die als nicht ganz einfache Avantgarde-Diva gilt, gleichzeitig aber auch dem New Yorker “M-Base”-Kollektiv mit seinen Funk-Stolper-Rhythmen nahesteht. Neben dem Sofa sitzt ein Herr namens Craig Street. Den hatte sich Cassandra nicht ausgesucht, weil er zufallig im selben […]

  • Ein neuer Anlauft die zweite Karriere der Songschreiberin Maria McKee

    Auf dem Cover des neuen Albums “Live Is Sweet” ist – zweite Reihe, zweiter von links ein Verwandter von Maria Mc-Kee zu sehen: Onkel Frank mußte vor vielen Jahren in Frauenkleider schlüpfen, um mit einem Wanderzirkus tingeln zu können. Daß die Bande zu diesem Mann über bloßes Blut hinausgeht, verwundert nicht Schließlich hat sich auch […]

  • Nach Oasis und Blur rollt nun die zweite Brit-Pop-Welle an: Die Bluetones entdecken die Größe des kleinen Popsongs

    Alles an den Bluetones ist klassisch und schönen Traditionen verpflichtet, von der Guitar-Bass-Drums-Besetzung über die solitairen Songs und ihren jungenhaften Enthusiasmus bis zu diesem Namen: The Bluetones. Vor 40 Jahren hatte man damit Doowop verkaufen können, vor 30 Jahren Beat, vor 20 Jahren Pub Rock und vor zehn Jahren… vor zehn Jahren, sagt Sänger Mark […]