• Sterne, Engel und fliegende Messen die Rückkehr von Siouxsie & The Banshees

    3. März 1995

    Zugegeben, es ist entsetzlich früh. Denn wer steht nach einer endlosen, champagnertrunkenen Nacht schon gern um 11:30 Uhr Rede und Antwort? In diesem Fall zu dem zwölften Album einer bewegten Karriere, die im September 1976 im Londoner „100 Club“ begann. Begleitet von Sid Vicious am Schlagzeug, schockte die damals 19jährige Punk-Queen Siouxsie mit einer 20minütigen […]

  • Manchmal etwas singen, das nichts bedeutet: die Kanadierin Sara Craig

    Um endlich einmal wieder das (Auflage-)lockende Antlitz von Tatjana Patitz auf den Titel tun zu können, überraschte ein Hamburger Boulevard-Blatt kürzlich mit der ungeheuer provokativen Einschätzung von Fellow-Model Paulina P., die sinngemäß ausführte, wer zuviel nachdenke, habe vor der Kamera oder auf dem Laufsteg nichts verloren. Und im Studio oder auf der Bühne auch nicht, […]

  • Gianna Nannini hat den Doktor-Titel gemacht – und ein neues Album

    Frau Doktor trägt Kampfhosen. Das paßt nicht zum blumigen Samtsofa, nicht zum fein gedröselten Porzellan-Kaffeetäßchen. Frau Doktor sieht nicht aus wie Italiens berühmteste weibliche Pop-Sängerin, auch nicht wie eine Dame mit hohen Akademiker-Würden. Seit letztem Dezember ist Gianna Nannini beides. An der Universität von Siena, Fakultät für Philosophie und Philologie, hat sich 38jährige ihren Doktortitel […]

  • Immer unterwegs: Der Schweizer Gitarrist und Chansonnier Stephan Eicher hat erstmals ein Live-Album vorgelegt

    Irgendwann während seiner letzten Tournee hielt Stephan Eicher um drei Uhr morgens den eigenen Bus an und stieg aus. Er kam zu Fuß im Hotel an, hatte auf dem Weg eine Bar gefunden, schlechten Champagner getrunken und eine Frau getroffen, die seine Musik nicht mochte. Das ist ungewöhnlich, weil es in Frankreich war, und dort, […]

  • Immer neue Kunststücke aus Chicago: die Avantgarde-Ensembles Tortoise und The Sea And Cake

    The Sea And Cake gehören nicht zu den Leuten, die sich selbst erklären. Warum sollten sie? Große Künstler haben es nie für nötig erachtet, die eigene Arbeit auseinanderzunehmen. Die Vier haben mit ihrem Debüt das zugleich leichteste und komprimierteste Stück Musik aufgenommen, das im letzten Jahr von Chicago zu uns herübergeweht ist. Und von dort […]

  • Comeback nach 23 Jahren: Colossesum bringen den Jazz zum Rock zurück

    Im Herbst 1971 trennten sie sich nach drei kurzen Jahren. Die zur Routine gewordene Hektik ununterbrochener Tourneen hatte bei Jon Hiseman (dr), Dick Heckstall-Smith (sax), Dave Greenslade (keys), Clem Gempson (g), Chris Farlowe (voc) und Mark Clarke(bg) ihre Wirkung gezeigt. Die musikalische Bilanz von fünf Alben konnte sich allerdings trotzdem hören lassen. Hiseman und Heckstall-Smith […]

  • Mary Chapin Carpenter – London, Her Majesty’s Theatre

    In Amerika sammelt sie seit acht Jahren und fünf Alben Fans wie andere Leute Muscheln. Sie gilt als neuer Country-Superstar, doch diese Schublade ist für die Sängerin, Songschreiberin und Gitarristin entschieden zu schmal gezimmert. Und der schlichte Aufbau sowie das sparsame Licht auf der Bühne des Majesty’s Theatre stellen bereits vor Show-Beginn klar: Hier gibt’s […]

  • Black Crowes – Hamburg, Sporthalle

    Die Black Crowes gehören neben Lenny Kravitz zu den wenigen Groß-Künstlern, in deren Musik nichts auf die Gegenwart verweist In der allgemeinen Rückbesinnung auf die Arrangements und Attitüden der 60er und 70er Jahre formierten sich zahlreiche Bands, die meist zu Recht als Retro-Rocker verspottet werden; aber selbst in diesem Trend ist die Glaubwürdigkeit der Black […]

  • Ins Land von Milch und Honig: Ein Solo der Mekons-Musikerin Sally Timms

    Größenwahn ist wirklich das Letzte, was man Sally Timms vorwerfen könnte. „Es ist ein kleines, fast privates Album, das keine großen Ambitionen hat“ – „Von der Rock-Musik gehen eigentlich keine Impulse mehr aus, wir recyclen doch nur noch“ – „Die Texte sind nicht autobiographisch, man sollte ihnen keine große Bedeutung beimessen“: Solche Sätze sagt sie […]

  • Halbwegs populär aber nicht berühmt: Tanya Donelley und ihre Band Belly

    Julie Burchill, der konservative Rache-Engel der britischen Pop-Publizistik, hat nicht immer recht. In effektgeilem Zuspitzungswahn ließ sie Tanya Donelly respektive. Belly kurzerhand in der Schublade „New Neurotics“ liegen, gleich neben Polly Harvey, Björk, Tori Amos, Kristin Hersh und Juliana Hatfield. Die Sorte Frau also, die angeblich weiterhin die pure Opfer-Mentalität pflege und die George-Michael-Empfehlung vom […]

  • Chrissie Hynde – The Pretenders

    Wenn das Slamdancing nicht sofort aufhört, verlassen wir augenblicklich die Bühne“, wettert Chrissie Hynde von der Bühne des Hollywood Palladium. Die Pretenders hatten das typische L.A.-Trend-Publikum zum Kochen gebracht, als eine mächtig abgetörnte Hynde mitten im Song abbricht und ins Mikro wütet: „Das hier ist kein Grunge- oder Alternative-Konzert! Wir spielen Musik hier! Bin ich […]

  • Beinahe wie aus Seattle: Sun wehren dem Opportunismus

    Nein, ein Rockstar wolle er nicht werden. „Das hat man in der Schule bei Berufs-Fragebögen eingetragen“, kalauert Jörg Schröder, der Sänger von Sun. „Rooockstaar!“ Wer deren Album „XXXX“ hört, ist irritiert: Sie spielen Musik, die hierzulande kaum jemand kann, eher aus Seattle stammt und selbst Minderbegabte zum Ruhm führte. Die Tantiemen sind gering, aber Schröder […]

  • Hier kommt Schwester S.: Unter den Fittichen des Rödelheim Hartreim Projekt entladt sie Emotionen

    Die Schwester ist verschlossen. Scheu starrt sie in der grotesk geräumigen Hotel-Suite auf den gewaltigen Tisch, auf dem noch die Gedecke von der Pressekonferenz liegen. Moses R, Wortführer beim Rödelheim Hartreim Projekt und gemeinsam mit Martin Haak ihr Beschützer, raunzt: „Gut, wenn Du nur mit ihr sprechen willst! Sie ist ja auch hübscher als wir. […]

  • Anarchistischer Crossover-HipHop aus Braunschweig: Such A Surge formulieren die Sehnsucht nach Wandel

    Die niedersächsische Stadt Braunschweig war bislang nicht bekannt als HipHop-Hort. Seit jedoch Matthias Lanzer auf seinem Klein-Label „Rap Nation“ einen Sampler mit Liedern von State Of Department, der Jazzkantine und anderen aufgenommen hat, rappelt es nicht mehr nur in Jugendzentren und Schulen. Die großen Plattenfirmen senden ihre Talentprüfer aus, um das Potential der Provinz zu […]

  • Nimm zwei

    Sie nennen es Hipjazz, und daß andere dazu JazzHop sagen, kümmert Tab Two wenig. „Alles wurscht“, sagt Joo Kraus, der mit 28 Jahren bereits einen exellenten Ruf als Trompeter hat Der 42jährige Bassist Hellmut Hattler präzisiert: „Beides ist logisch, das ergibt die Terminologie. Die Begriffe sind natürlich negativ besetzt, aber wir kokettieren damit argloser.“ Noch […]

  • Die deutsche Stimme des Meisters: Wolfgang Niedecken hat ein Album mit eingekölschten Dylan-Songs aufgenommen

    Seit 1968, „dem Ufo-Jahr, von dem alle reden, das offenbar aber überhaupt keiner miterlebt hat“, geht Wolfgang Niedecken Bob Dylans näselnde Stimme nicht mehr aus dem Kopf. Damals sang ihm ein gewisser Peter Schulte, bevor er sich in die KPD/ML verabschiedete, auf dem Schulhof ein Lied namens „Like A Rolling Stone“ vor – ein „Urknall“ […]

  • Nachrichten aus dem schwarzen Schlund: Michael Gira gräbt mit Swans in den Abgründen menschlicher Existenz

    Neulich war es mal wieder soweit. Nach einem Konzert in Amsterdam wurden Michael Gira und Jarboe mit einer Hauptströmung ihrer Fan-Gemeinde konfrontiert. Ein paar Grufties kamen in die Garderobe, „kalkweiß geschminkt und ganz gräßlich auf Vampir getrimmt“, wie sich die ätherische Sängerin Jarboe erinnert. „Ich habe mich furchtbar erschrocken.“ Nun – Robert Smith hätte sicher […]

  • 20 Jahre Traditionsmusik: Illustre Bewunderer huldigen den Chieftains

    Ohne Instrumente sehen sie aus wie Uni-Professoren oder Bankangestellte. Auf der Bühne, samt ihren traditionellen Instrumenten wie der Bodhran (Handtrommel), den Fiedeln und Flöten, Harfe und Dulcimer, da bringen sie Lahme zum Tanzen und Stumme zum Mitsingen. Die Chieftains schafften es von Anfang an, der irischen Traditionsmusik den Staub aus den Songs zu schütteln. Man […]

  • Musikalisches Method- Acting: PJ Harvey taucht ins Meer der Erinnerungen

    Es gab Zeiten, da mußte man sich ernstlich Sorgen machen um Polly Harvey. Nach dem Erscheinen ihres Debüts, auf dem sie nach einer gescheiterten Beziehung radikalen Exhibitionismus betrieb, wurde sie von der britischen Presse zur Schlachtbank gefuhrt. Dir Privatleben wurde öffentlich. Daß mit den Pop-Paparazzi ihrer Heimat nur sprechen sollte, wer die Kunst der Inszenierung […]

  • Die CD-ROM, als interaktive Revolution bejubelt, bleibt weit hinter den Erwartungen zurück

    Seit Bill Clinton mit seiner Vision vom „Information Super Highway“ Politik und Industrie aufschreckte, geistern Schlagworte wie Datenautobahn und interaktives Fernsehen durch die Medien, als stünde der Einzug ins künstliche Paradies bevor. Mit Dollarzeichen in den Augen verspricht man uns eine multimediale Zukunft, in der wir den Inhalt von elektronischen Informationen selbst bestimmen werden, statt […]