Prince: Review des „Welcome 2 America“-Konzerts: ein Funk-Reigen


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Prince’ Karriere als Live-Musiker lässt sich in drei Phasen einteilen. Bis in die frühen 90er-Jahre stellte er die Songs seines jeweiligen Albums in den Mittelpunkt und die Bühnen waren seinem – jährlich wechselnden – Style und dem Artwork der Platte nachempfunden. Als er sich Mitte der 90er-Jahre in das unaussprechliche Love-Symbol umbenannte, spielte er trotzig fast nur noch The-Artist- Formerly-Known-As-Prince-Songs und verweigerte sich seinen Hits. Ab den Nullerjahren, wieder unter dem Namen Prince, begann seine freiheitliche Phase. Sie wird dokumentiert durch den Blu-ray-Konzertmitschnitt aus dem Forum in Inglewood 2011, der fünfte von 16 Abenden in der kalifornischen Stadt im Los Angeles County.

Die freiheitliche Phase bedeutete, dass Prince nicht nur Lieder aus allen Zeitpunkten seiner Karriere aufführte, sondern sie auch jeden Abend austauschte. Keine der 16 Inglewood-Setlists ließe sich als Schablone auf die andere legen. Außerdem begann Prince ab den Nullerjahren etliche Coverversionen zu spielen, die er prominent platzierte. Das war Ausdruck großen Respekts für deren Komponisten. Er eröffnete mit ihren Songs seine Konzerte, spielte sie als letzte Stücke vor der Zugabe oder gar als letzte Zugabe, also als Höhepunkt. Prince, der Musiker mit dem Ruf eines Egomanen, stellte sich nicht mehr über andere Künstler. Er rückte deren Schöpfungen in den Mittelpunkt, manchmal verwob er sie mit seinen eigenen, machte daraus ein Medley, schuf Gleichrangigkeit. It’s all just one song.

Beim fünften Inglewood-Konzert waren mehr als die Hälfte der Songs Coverversionen, 13 von 25. Das muss man sich leisten können. Prince hatte zum damaligen Zeitpunkt bereits 35 Studioalben veröffentlicht und entsprechend viele Klassiker, deretwegen die Leute Tickets kauften. Aber sein Publikum verzieh ihm schnell, denn bei Prince klang auch das Fremde nach Prince. Darunter von ihm geschriebenes, aber nicht selbst veröffentlichtes Material wie „The Bird“ der von ihm protegierten Band The Time.

Aber Prince wusste: Er muss auch Prince-Songs abliefern

Funk-Klassiker wie „Play That Funky Music“ von Wild Cherry reihten sich an Würdigungen alter Meister, die man nicht unbedingt mit Prince assoziieren würde: „Make You Feel My Love“ von Bob Dylan oder „More Than This“ von Roxy Music. Die Bryan-Ferry-Ballade hob Prince sich in Inglewood als Abschlusslied auf, also als das, mit dem er seine Anhänger glücklich nach Hause schicken wollte. Die Darbietung zeitgenössischer Songs wiederum überließ er oft seinen Bandmitgliedern – Shelby J. sang „Brown Skin“ von India.Arie.

Aber Prince wusste: Er muss auch Prince-Songs abliefern. „Purple Rain“, „1999“, „Kiss“, „Little Red Corvette“ und „Let’s Go Crazy“ durften selten fehlen, und sie fehlten auch hier nicht. Nur mit seinem größten Hit, „When Doves Cry“, tat er sich schon in den 90er-Jahren schwer. Er ließ ihn auch bei diesem Auftritt weg.

Die Bühne war beeindruckend schlicht. Sie wurde in die Mitte je- der Arena platziert und bestand lediglich aus einer Flachebene in Form seines Love-Symbols, im Grunde also aus einem sehr langen Laufsteg, der in ein O mündet, sodass die Bühne in einem Bogen abgelaufen werden kann. Dennoch war es seine herausforderndste Konstruktion seit der Multiplateau-Rundbühne der „Lovesexy“-Tournee von 1988. Jeder im Publikum hatte Sicht auf alles – was bedeutete, dass die Musiker schwierige choreografische Anforderungen erfüllen mussten. „Jeder hatte feste Positionen“, sagt Background- Sängerin Shelby J.: „Punkt A, B, C. Prince wollte, dass jeder von uns gut zu sehen war, dass wir uns nicht gegenseitig auf den Füßen herumtrampelten – und von der Bühne doch so viel nutzten, wie es nur ging.“

Letztlich bietet eine gut gefilmte Rundbühne auch dem Zuschauer im Fernsehsessel ein Mittendrin-Erlebnis. Bei Konzerten mit Bühne am Seitenrand werden Musiker vor einer Bühnenhintergrund-Deko gefilmt, die Reaktionen der Fans aber sieht man nur per Gegenschuss. Wenn Prince jedoch in der Mitte eines ihn umgebenden Publikums spielt, sind fast immer Menschen zu sehen, die ihm zujubeln, klatschen oder singen. Wie in Inglewood.

Die „Welcome 2 America“-Tour bestand aus 51 Konzerten. Warum entschied man sich für die Veröffentlichung gerade dieses Gigs? „Es gibt dafür drei Gründe“, erklärt der Archivar Michael Howe. „Erstens: Die Setlist war selbst für Prince’ Verhältnisse außergewöhnlich, viele Klassiker, aber auch viele unerwartete Coverversionen. Zweitens: Das Ausgangsmaterial war hervorragend. Wir hatten eine HD-Bildaufzeichnung, Multikamera- und Multiaudio-Quellen.“ Der wichtigste Grund aber ist ein dritter: „Dieser Mitschnitt ist wirklich eine Rarität. Er zirkulierte nicht mal unter Hardcore-Fans. Wir hoffen also, den Leuten damit ein Geschenk zu machen.“