25 Jahre „Singles“ Deluxe Edition

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1991 würde als eines der wichtigeren Jahre in die Musikgeschichte eingehen: Seattle-Bands wie Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und Alice in Chains feierten endgültig ihren Durchbruch, Mudhoney schafften ihn beinahe. Sie alle boten in Neurosen wurzelnden (Punk-)Rock, der in den 1980er-Jahren nur in Subkulturen hatte aufleben können. Jetzt verkaufte er sich millionenfach, ertönte aus den Zimmern von Teenagern ebenso wie von Catwalks, wo Models das Grunge-Kleidungsmuster aus Flick- und Stopfwerk vorführten. Für Sonic-Youth-Sänger Thurston Moore, mit 33 fast schon ein Veteran, war 1991 einfach „The Year Punk Broke“. Da schwang vielleicht auch schon etwas Sorge mit. Ausverkauf und so.

Lustigerweise würden die richtigen Megaseller erst noch kommen, zwei Jahre nach „Nevermind“ und „Ten“, 1993. Pearl Jam arbeiteten bis dahin an „Vs.“, Nirvana versuchten mit „In Utero“ und sperrigeren Klängen – ohne Erfolg – etwas weniger erfolgreich zu sein. „Superunknown“, eine der größten Grunge-Platten, würden Soundgarden gar erst 1994 veröffentlichen.

Pearl Jam 1992

Da kam der „Singles“-Soundtrack genau richtig! Er erschien dazwischen, 1992, zu Cameron Crowes filmischem, etwas langweiligen Versuch, das Leben von Grunge-Pärchen in Seattle abzubilden (Matt Dillon sieht nicht so aus, als hätte er sich die Klamotten von Jeff Ament geliehen, sondern wie aus einer H&M-Werbung entstiegen). Der Score überbrückte das Warten auf neue Studioalben von Vedder, Cobain und Co. Aber die Songs von „Singles“ waren mehr als Pausenfüller. Auf der Compilation befanden sich einige der besten Lieder, die die Bands überhaupt herausbringen würden.

„Singles“ fiel in eine große Ära der Song-Soundtracks, die bald zu Ende gehen würde. Hier fanden sich nicht einfach vom Markt abgegriffene, sondern überwiegend eigens komponierte Stücke (der„Rap meets Indie“-Score „Judgement Night“ von 1993 sollte ein weiterer Höhepunkt dieser Zeit sein).

Aufwendiger als „Pulp Fiction“ und „Trainspotting“

Die beiden erfolgreichsten und einflussreichsten Song-Sammlungen der 1990er-Jahre würden natürlich „Pulp Fiction“ und „Trainspotting“ sein. Beides sind heterogene Zusammenstellungen fast ausnahmslos etablierter oder zurück ins Gedächtnis geholter Klassiker. Sie illustrieren jedoch unterschiedliche Stimmungen im Film statt gemeinsam eine Geschichte zu erzählen. Das macht sie zwar nicht schlechter als „Singles“, aber das Konzept dahinter ist ein schwächeres, weil Stimmungsmaterial eingekauft wurde, anstatt Musiker zu engagieren, die für die Story schrieben.

Für „Singles“ hatte etwa Soundgarden-Sänger Chris Cornell „Spoonman“ komponiert, eine der späteren Grunge-Hymnen, und die schaffte es am Ende nicht mal auf den Score.

Dabei war es eine Leistung Crowes, all diese Künstler und Songs für ein Album zusammenzubringen. Der 35-jährige Regisseur, der als Teenager eine Karriere als ROLLING-STONE-Autor begann, nutzte sein Netzwerk.

Alles auf Plakaten gefordert

Alice in Chains eröffneten die Platte mit „Would?“, ein Erinnerungsmoment an den verstorbenen Mother-Love-Bone-Sänger Andrew Wood, der sich eine tödliche Heroindosis gesetzt hatte. Der Song wurde ihr größter Hit, also verfrachtete die Band ihn später im Jahr auf ihr Werk „Dirt“.

Mit „Breath“ und „State Of Love and Trust“ steuerten Pearl Jam zwei ihrer später meistgeliebten Lieder bei. Beide führen auf den Konzerten bis heute sicherlich jenes Ranking an, das sich den auf Fan-Plakaten am häufigsten geforderten Song-Wünschen widmet (2007 konnte man zum Beispiel in Düsseldorf das Glück haben, nicht nur – selten genug – beide Songs, sondern auch beide hintereinander zu hören). Weiterer „Singles“-Höhepunkt war das von einer Akustikgitarre vorangetriebene „Seasons“ Chris Cornells und natürlich Paul Westerberg mit „Dyslixic Heart“, der sich als Solomusiker nach dem Zerbrechen der Replacements, ein Jahr zuvor, nun zurückmeldete.

… und Hendrix guckte auch vorbei

Wahrscheinlich der historischen Vollständigkeit halber war auch Jimi Hendrix hier vertreten, er ist ein Kind Seattles, als Gitarrist natürlich Vorbild für alle. Die Auswahl von „May This Be Love“ aus dem 1967er-Debüt „Are You Experienced“ war jedenfalls elegant gedacht, Hendrix stahl damit keinem der Youngster die Show. Dafür fehlten auf „Singles“ Nirvana aus nicht bekannten Gründen.

Es musste aber auch nicht immer Seattle sein: Westerberg und die Replacements stammten aus Minneapolis, und mit den Smashing Pumpkins war auf „Singles“ eine Band dabei, die zwar ganz lose mit Grunge assoziiert wurde, aber in Chicago beheimatet war. Das Pumpkins-Debüt „Gish“ wurde 1991 eher mit Achselzucken aufgenommen, obwohl es, im Mai des Jahres veröffentlicht, genug Raum zum Atmen gehabt hätte: Es kollidierte weder mit „Ten“ (August) noch mit „Nevermind“ (September).

Essentiell und unterhaltsam

Das langsam auf- und abschwellende „Drown“ schloss den Soundtrack ab, ein typischer Corgan-Song aus miteinander verwobenen Dreampop-Texturen. „Singles“ machte die Band bekannter, vielleicht segelte der Riesenerfolg von „Siamese Dream“ 1993 auf dieser Welle mit. Und mit „Drown“ setzt die Band ein Zeichen: Wie wohl keine zweite Rockband der 1990er-Jahre würde sie sich auch über Compilation-Beiträge und B-Seiten definieren. Welcher Act hatte sonst schon nach seinem zweiten Studioalbum bereits einen Sampler mit Outtakes („Pisces Iscariot“) herausgebracht?

Zum 25. „Singles“-Jubiläum erscheint die „Anniversary Deluxe Edition“ als Doppel-CD und Doppel-LP. Neues Material befindet sich jeweils auf Scheibe zwei. Chris Cornell zum Beispiel, der sich für einen Großteil des Soundtracks verantwortlich fühlte, ist hier mit mehreren Skizzen vertreten, darunter der„Spoonman“-Frühfassung. „Touch Me I’m Dick“ (abgewandelt vom Mudhoney-Signaturstück „Touch Me I’m Sick“) ist ein Kuriosum, dargeboten von der Filmband Citizen Dick, bestehend aus den Pearl-Jam-Mitgliedern Vedder, Ament und Stone Gossard, mit Schauspieler Matt „Kinnbart“ Dillon als Vokalist.

„Singles“, der Soundtrack: essentiell. Die Bonus-CD: unterhaltsam.

Ein Score, der berühmter ist als sein Film. Wann gab es das sonst schon mal?

SINGLES: ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK—DELUXE EDITION

Tracklisting:

1. Would? – Alice In Chains
2. Breath – Pearl Jam
3. Seasons – Chris Cornell
4. Dyslexic Heart – Paul Westerberg
5. Battle Of Evermore – The Lovemongers
6. Chloe Dancer/Crown Of Thorns – Mother Love Bone
7. Birth Ritual – Soundgarden
8. State of Love And Trust – Pearl Jam
9. Overblown – Mudhoney
10. Waiting For Somebody – Paul Westerberg
11. May This Be Love – The Jimi Hendrix Experience
12. Nearly Lost You – Screaming Trees
13. Drown – Smashing Pumpkins

Bonus Disc (in der 2CD- und der 2LP-Version enthalten)

1. Touch Me I’m Dick – Citizen Dick (first time on CD)
2. Nowhere But You – Chris Cornell (Poncier)
3. Spoon Man – Chris Cornell (Poncier)
4. Flutter Girl – Chris Cornell (Poncier)
5. Missing – Chris Cornell (Poncier) (first time on CD)
6. Would? (live) – Alice In Chains (first time on CD)
7. It Ain’t Like That (live) – Alice In Chains (first time on CD)
8. Birth Ritual (live) – Soundgarden (first time on CD)
9. Dyslexic Heart (acoustic) – Paul Westerberg (first time on CD)
10. Waiting For Somebody (score acoustic) – Paul Westerberg (previously unreleased)
11. Overblown (demo) – Mudhoney (previously unreleased)
12. Heart and Lungs – Truly
13. Six Foot Under – Blood Circus
14. Singles Blues 1 – Mike McCready (previously unreleased)
15. Blue Heart – Paul Westerberg (previously unreleased)
16. Lost In Emily’s Words – Paul Westerberg (previously unreleased)
17. Ferry Boat #3 – Chris Cornell (previously unreleased)
18. Score Piece #4 – Chris Cornell (previously unreleased)

Paul Bergen Redferns
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