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Anonymus  Regie: Roland Emmerich


Columbia

Als Filmkritiker steht man ständig vor der Frage, wie viel man von einem Plot erzählen kann, ohne ihm sein Geheimnis zu nehmen. Manchmal wäre es sicher besser, Kinobesucher würden vorher gar nichts über den Film wissen. In diesem Fall sollte man vor allem eine Information geheimhalten: die Identität des Regisseurs. Erraten kann man ihn  anhand der Inszenierung von „Anonymus“ nicht, denn der Film hat wenig mit der sonst üblichen Spektakelware von Roland Emmerich gemein.

Um so erstaunter ist man dann, wenn sein Name in den Schlusstiteln auftaucht und man sich schlagartig wieder erinnert an „Independence Day“, „Godzilla“ und „The Day After Tomorrow“. Durch diese Blockbuster hat Emmerich als „Master of Disas­ter“ ein eindeutiges, ja zementiertes Etikett verpasst bekommen. Es stört ihn nicht. Denn in Hollywood ist das ein Ehrentitel. Der preisgünstige Schwabe hat den großen Studios viel Geld eingebracht. Hierzulande wird er aber genau dafür verspottet. Das wird bei „Anonymus“ allerdings nur noch sehr spitzfindigen Kritikern glücken. Emmerichs Drama über William Shakespeare und die Mythen um sein Genie ist nicht nur großes, sondern zweifellos auch kunstvolles Kino. Mit für seine Verhältnisse wenigen, aber für einen Historienfilm notwendigen Effekten und britischen Charakterdarstellern, die in ihre Rollen begnadet all ihr Können legen, überzeugt Emmerich in diesem für ihn ungewohnten Genre.

Schon das Drehbuch von John Orloff („A Mighty Heart“) ist brillant. Kühn verknüpft es die ewige Verschwörungstheorie um Shakespeares Herkunft mit den Machtverhältnissen in der Zeit von Elizabeth I., führt damals lebende Persönlichkeiten in einer ebenso politischen wie persönlichen Intrige zusammen und setzt dabei die Werke des Barden als Waffe ein. „Romeo und Julia“ rührt die Seele des Volkes. „Hamlet“ schürt die Zweifel. Bei „Richard II.“ kocht der Zorn über. Zugleich spiegeln sich Shakespeares Klassiker in der Story selbst wider.

Edward de Vere (Rhys Ifans), der Lord of Oxford, bestellt den aufstrebenden Theaterautor Ben Johnson (Sebastian Armesto) zu sich. Er verspricht ihm Reichtum, wenn der unter dem Pseudonym Anonymus seine Stücke aufführen lässt. Als der Erfolg derart groß ist, dass bald das Pub­likum nach dem Urheber verlangt, springt William Shakespeare (Rafe Spall) ein. Der großspurige, aber mittelmäßige Schauspieler, Trunkenbold und Weiberheld widerspricht natürlich der These, nach der kein einfacher Mann Werke von solcher Brillanz verfasst haben kann.

William Cecil (David Thewlis), der als puritanischer, streng religiö­ser Berater von Elizabeth (Vanessa Redgrave) das Theater verachtet und manipulativ die Thronfolge vorbereitet, ahnt dann auch den Hintergrund dieses Versteckspiels. Ihn, seinen missgünstigen Sohn Robert (Edward Hogg), Oxford und die freudlos gewordene, mit dem Alter hadernde Königin verbindet eine Vergangenheit um Blutsbande, tragische Liebe, die Verführungskraft von Worten und schöpferischen Drang.

„Jede Kunst ist politisch“, sagt Oxford einmal. „Sonst wäre der Künstler ein Schuster.“ Der Künstler hinter den pointierten Dialogen und raffinierten Volten ist also – eine schöne Spiegelung der Handlung – Drehbuchautor Orloff, der hier mit der gesellschaftlichen Wirkung und Verantwortung der Kunst spielt. Regisseur Emmerich hat dessen Vorlage mit Dramatik, Poesie und Süffisanz irgendwo zwischen zwischen „Shakespeare In Love“ und „Elizabeth“ ziemlich famos umgesetzt. Nicht jeder Schuster muss immer bei seinen Leisten bleiben.


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