Bob Dylan Live 1966: „The Royal Albert Hall“ Concert – Bootleg Series Vol. 4

Columbia/Sony Music

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7v Ue Anekdoten sind erzählt, alle X^ Erinnerungen ausgebreitet, alle Legenden gedruckt Etwa diese: Wie einer Judas!“ in die Free Trade Hall von Manchester brüllt und Dylan gedehnt zurückgibt: „I don’t believe you!“ Und nach einer Pause: „bu’re a liar!“ Danach tauchen die Hawks in JLike A Rolling Stone“, als spielten sie es zum ersten MaL Und tatsächlich war es ja kein Jahr her, daß Bob Dylan Jiighway 61 Revisited“ aufgenommen hatte. Im Mai 1966, zum Zeitpunkt des Konzerts, war „Blonde On Blonde“ gerade erschienen, der Zenit seines Schaffens und der Abschluß der größten künstlerischen Tour de force der Rockmusik: Seit Jiringing lt AU Back Home“ und dem Eklat beim New- port Folk Festival war wenig mehr als ein Jahr vergangen. Dylan war der König der Welt, der coole Dichtergott; man bat-wie sich Paul McCartney erinnert um Audienzen (die Dylan bekifft verschlurfte), und entsprechend arrogant, launisch und streitlustig war der dünne Mann.

Er konnte es sich erlauben. Man muß nur hören, wie er stoned, verächtlich und überlegen „This is called ,Yes I Can See You’ve Got Your Brand New Leopard-Skin Pillbox-Hat'“ eben nicht nuschelt, sondern prononciert. Es wird endgültig begreiflich (und zwar zumal im akustischen Set des Konzerts), daß Dylans gern parodierter Gesangsstil reiner Manierismus ist und ganz und gar Kunst. Nichts ist nachlässig oder Verlegenheit bei diesem Gesang – Dylan ist der absolute Stilist. Die scheinbar absurde Bezeichnung für seine Arbeit („mathematical music“) in einem Interview erwies sich wie so viele der Dylanschen Rätselworte als höhere Wahrheit.

„Live 1966″ dokumentiert Bob Dylan und die Hawks (die spätere The Band) in just dem Moment, da sie die Rockmusik in eine andere Galaxie geschossen haben. Der Schock für die britische Gemeinde, die von Dylans Elektrifizierung bestenfalls gehört hatte und das Antlitz des Künstlers nur von älteren Fotos kannte, ist heute schwer vorstellbar. Doch man muß die Alben von 1966, sogar Jtevolver“, gegen diese Musik halten, um zu verstehen, wie weit Dylan allen anderen voraus war. Das 25jährige Genie war ein Mann in der Auflösung, am Ende seiner Kräfte, am Ende der Liebe, in vollkommener Wachheit und Konzentration. Das Haar wollen und wirr, der Körper zerbrechlich wirkend, aber majestätisch in jeder Pose. Er hätte sterben können. Und der Motorradunfall sollte ihn tatsächlich bald erlösen und in spirituelle Abgründe (und auf Abwege) fuhren.

Das Publikum in der Free Trade Hall wußte, daß etwas vorging an diesem Abend. Aber was? Dylan kam auf die Bühne, wie man ihn kannte: mit akustischer Gitarre und Mundharmonika. Der erste Teil ist unfaßbar intensiv – Dylan trägt „Visions Of Johanna“, „It’s All Over Now, Baby Blue“, „Just Like A Woman“, „Desolation Row“, „She Belongs To Me“, „Fourth Time Around“ und „Mr. Tambourine Man“ in der überdeutlichen, gleißend klaren, fein konturierten Manier vor, die aus vorzeitiger Historisierung entsteht Daß er falsch oder kindlich Mundharmonika spiele (im Booklet ist immerhin von „some interesting harp playing“ die Rede), ist die übliche Nörgelei. Das Mundharmonikaspiel gehört natürlich dazu und fungiert expressiv. Gibt ja nichts Schlimmeres als Mundharmonikavirtuosen.

So spielen auch die Hawks phantastisch und präzise, aber nicht virtuos. Das Entscheidende an der England-Tournee wird von einem Beobachter enthüllt: daß Dylan gar nicht fürs Publikum spielte. Er spielte mit den Hawks. Er tanzte mit Robbie Robertson, mit dem er in Hotelzimmern auch an Songs arbeitete. So wird auch seine ewige Berufsbezeichnung als song and dance man begreiflich. Sie mußten sich durchsetzen gegen das Buhen und die Zwischenrufe der Menge in den ausverkauften Hallen, gegen die Erwartungen, das Mißtrauen und die Presse („punk“!), und sie setzten sich triumphal durch.

Der elektrische Teil beginnt mit „Teil Me Momma“, einem durchaus traditionalistischen Stück, und die Hawks sind sofort raumfüllend präsent Dylan ist wie verwandelt: Mit „Mr. Tambourine Man“ hatte er soeben die Vergangenheit ausgelöscht Nun wird „Baby, Let Me Follow You Down“, ein Song von seiner Debüt-LP, fulminant umgedeutet, und „One Too Many Mornings“ läßt ahnen, daß die Folk-Gemeinde ihn für immer verloren hat. History in the making. Myth in the making. Daß er den Musikern vor „Like A Rolling Stone“ die Befehle „Play fuckin‘ loud!“, „Play fookin‘ loud!“ oder „Get fuckin‘ loud!“ zugerufen haben soll -je nach Quelle -, bleibt schöne Legende oder Erfindung. Schon vorher gibt Dylan eine gespenstische Fassung von „Ballad Of A Thin Man“, dem surrealistischen Schlüsselstück, für dessen Titelfigur Mr. Jones fast jeder mal gehalten wurde. Die Wahrheit: Es ist der Gärtner.

Ach, die Zeit kommt nicht wieder – aber das fälschlich so genannte „Royal Albert HalT‘-Konzert wird uns Nachgeborenen bleiben. Dylan 66 ist neben Elvis 56 der bedeutendste Moment der Rockmusik. How does it feeeeel!

TV-Tipp: Wolfgang Niedecken entdeckt „Bob Dylans Amerika“

Wolfgang Niedecken hat sich für eine ARTE-Doku auf die Suche nach Bob Dylans Amerika gemacht und dafür New York besucht. In der Stadt also, in der die Karriere des Musikers ihren Anfang nahm. Künstler, Fotografen, Journalisten und viele Musiker erzählen dem BAP-Frontmann von einer berührenden Bande zwischen der Metropole und dem Songwriter, der in den vergangenen 50 Jahren wie kein anderer den Rock'n'Roll geprägt hat. Doch so wie Dylan befindet sich auch der „Big Apple“ stetig im Wandel. Niedecken lässt sich darüber vor allem von Filmemacher Bob Porco im Greenwich Village und vom New Yorker Künstler Red Grooms, der Dylan…
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